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Tess
Schicksal ?
Die Bilder erinnern an Kubricks
„Barry Lyndon”. Wir befinden uns in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Die englischen Landschaft präsentiert uns Polanski in prächtigen,
aber nicht übertriebenen Farben. Die Einfachheit des ländlichen Lebens
hier, der Reichtum einiger weniger auf der anderen Seite – beides geht fast,
aber auch nur fast, bruchlos ineinander über. Wir befinden uns in einer
Zeit, in der die Kirche und ihre Moralvorstellungen das Leben vieler bestimmen,
die neue Zeit einer liberaleren Mentalität noch kaum zu spüren ist.
Die Arbeit auf den Bauernhöfen ist hart, das restliche Leben auch.
Eine sehr junge Frau, Tess (Nastassja
Kinski), sticht uns ins Auge, eine schöne Frau, eine begehrenswerte Frau,
eine stille Frau, eine ernsthafte. Tess lebt mit ihrer Familie, dem alkoholabhängigen
Vater John Durbeyfield (John Collin), der das Haus führenden Mutter (Rosemary
Martin) und ihren Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen. Aber es
geht ihnen etwas besser als vielen anderen. Als ein Pfarrer John Durbeyfield
erzählt, dessen Familie habe adelige Vorfahren, kennt Tess Vater nur noch
eines: Verwandte ausmachen, die möglicherweise Geld haben, die Familie
unterstützen können. Man glaubt, in der Familie d’Urberville diese
reiche Verwandtschaft gefunden zu haben. Man schickt Tess dorthin, und der Casanova
und Sohn des Hauses Alec d’Urberville (Leigh Lawson) verschafft Tess eine Arbeit
bei der Familie – allerdings nur, weil er Tess regelrecht besitzen will. Die
junge Frau, die sich vergeblich gegen Alec wehrt, wird eines Nachts, als er
Tess nach Hause bringt, von ihm vergewaltigt. Tess ist schwanger, doch das Kind
stirbt nur wenige Zeit nach der Geburt, und der Pfarrer von Marlott verweigert
dem toten Baby eine christliche Bestattung.
Tess geht von zu Hause weg, findet
Arbeit auf dem Hof des sympathischen Crick (Fred Bryant). Und dort arbeitet
auch der junge Pfarrerssohn Angel Care (Peter Firth), der sich in Tess verliebt
und in den sich Tess verliebt, der ihr einen Heiratsantrag macht, den sie zunächst
ablehnt, weil sie sich für das uneheliche Kind und die Vergewaltigung schämt.
Sie schreibt ihm einen Brief, schiebt ihn jedoch versehentlich unter den Teppich,
so dass Angel ihn nicht findet. Und erst nach der Hochzeit mit Angel erzählt
sie ihm dann von der Vergewaltigung und dem toten Kind.
Angel reagiert abweisend, enttäuscht.
Und er sieht nur eine Möglichkeit: Er schickt Tess nach Hause, während
er selbst seinem Traum folgt und nach Brasilien reist, um dort sein Glück
zu finden. Ihre Ehe, sagt er, müsse nur noch dem äußeren Schein
nach existieren. Tess lässt sich nicht unterkriegen, arbeitet wieder auf
dem Land, denkt aber nur an Angel. Als der nach Monaten aus Brasilien zurückkehrt,
ist Tess Familie – der Vater ist gestorben – verarmt und Tess lebt bei Alec.
Eine Katastrophe bahnt sich an
...
Polanski erzählt uns die
Geschichte einer jungen Frau und eines jungen Mannes, die Geschichte einer Liebe
und die Geschichte ihrer Zerstörung. Tess, dieses Sinnbild von Schönheit
und Liebe, von Reiz und Anmut, von leiser Rebellion und Ehrbarkeit – exzellent
gespielt von Nastassja Kinski – trifft auf eine Welt von Vorurteilen und Gewalt,
von Ausgrenzung und Enttäuschung. Polanski legt zwei rote Fäden durch
die Geschichte, die auf einem Roman von Thomas Hardy beruht: den Faden dessen,
was man allgemein als „Schicksal” bezeichnet, und den Faden dessen, was man
Desillusionierung in einer Welt der festen moralischen Vorgaben nennen könnte.
Dieser zweite Faden lässt den ersten als Illusion, als Einbildung erscheinen.
Alles erscheint als Schicksal
und wird doch zugleich durch die Art der Inszenierung als purer Schein entblößt.
Tess, die mit den schrecklichen Erfahrungen der Vergewaltigung und des Kindstodes
mehr schlecht als recht zu leben lernt, diese unschuldige Tess, die ihr Leben
schon am Ende sieht, die sterben möchte, wenn sie nur den Mut zum Freitod
hätte, trifft auf einen jungen Pfarrerssohn und glaubt, die Wende in ihrem
Leben gefunden zu haben. Und auch Angel – dieser Engel von Mann, wie alle Frauen
denken, die ihn haben wollen – fühlt ebenso. Tess und Angel – ein Traumpaar,
zwei Liebende, zwei, die sich scheinbar bedingungslos lieben. Doch auch hier
ist nur Täuschung. Angel hat die moralischen Vorgaben seiner Zeit internalisiert.
Und obwohl er weiß, dass Tess keine Schuld trifft an dem, was ihr passiert
ist, obwohl er doch wissen müsste, dass Tess – gerade weil ihr dies geschehen
ist – Liebe und Zuneigung bräuchte, verlässt er sie – und stürzt
die junge Frau erneut in ein schwarzes Loch, in den Abgrund der Verzweiflung
und in die Position einer Verstoßenen. Alec sei „ihr natürlicher
Ehemann”, sagt er Tess ins Gesicht; und: „Wie kann ich bleiben, solange dieser
Mann (Alec) noch lebt.”
„Tess” handelt von der Macht der
(falschen, erniedrigenden) Moral, der Gewalt der herrschenden Ideologie, die
sich in den Geschlechterverhältnissen ebenso offenbart wie in jedem einzelnen,
besonders in Angel. Und damit handelt er von der Zerstörung der Liebe,
der Unmöglichkeit der Liebe in den Zeiten der „moralischen Cholera”. Und
selbst Tess, die sich auf ihre Weise und mit ihren Möglichkeiten gegen
diese überkommene Moral, die nur unterdrückt, wehrt, die die Kirche
nicht mehr besucht, weil der Pfarrer ihr ein christliches Begräbnis ihres
Kindes verwehrt, die sich gegen die Infamie von Alec, gegen dessen Zynismus
und Doppelmoral zur Wehr setzt, scheitert. Wie lange hat sie auf Angels Rückkehr
gewartet! Wie lange! Wie lange hat sie gehofft, der Geliebte käme zu ihr
zurück, würde ihr verzeihen, obwohl es nichts zu verzeihen gibt! Wie
lange! Und dann? Dann kapituliert Tess angesichts der Verarmung der Familie.
Sie wird schuldig, schuldig nicht, weil sie am Schluss Alec tötet, nein,
das ist nur die offizielle Schuld, die diese Gesellschaft statuiert, in der
niemand wirklich versteht. Sie wird schuldig, weil sie aus Verzweiflung das
mehr als zweifelhafte Angebot dieses reichen Zynikers annimmt und zu ihm zieht.
Obwohl „Tess” in einer Zeit spielt,
deren falsche Moral und lebensverneinenden religiösen Vorstellungen wir
alle längst hinter uns zu glauben meinen, ist „Tess” ein hochaktueller
Film – gerade deswegen, weil er uns ermahnt in Bezug auf unsere eigene Hybris,
unsere eigenen als fast schon natürlich empfundenen Überzeugungen
und Werturteile.
Der Zynismus von Alec, seine Selbstsucht,
seine Gewalttätigkeit, aber auch die falsche verinnerlichte Moral von Angel,
sind „nur”, aber immerhin (!) Ausdruck einer Lebensgemeinschaft, die nicht fähig
ist, mit Abweichung, Diskrepanz, Anderssein und bestimmten Konflikten umzugehen.
Auch hier also ein aktueller Bezug. Die Schönheit der Bilder dieses Films
– etwa dieses herrliche Bild, als Angel an einen Baum gelehnt Flöte spielt
und Tess sich ihm nähert – steht oft in krassem Gegensatz zur Tragik der
Geschichte, die nicht von „Schicksal” handelt, sondern von der Falschheit dieses
Scheins, irgend etwas sei überhaupt Schicksal. Die Akteure sind gefangen
in ihren Vorstellungen und Überzeugungen, und selbst Tess kapituliert am
Schluss.
Die Körper und Seelen, die
Herzen und der Verstand sind geradezu besetzt vom Gedanken des Todes, der Destruktion
und des Leids. Das Prinzip der Macht – egal welcher – lässt fast nichts
anderes zu – außer dem unechten Schein (!) einer lebensbejahenden Gesellschaft.
Die Körper und die Seelen rebellieren dagegen, vor allem bei Tess, die
ganz still und doch ganz bestimmt rebelliert, die nur ihre Liebe will. Aber
gerade bei Angel kommt jede Rebellion zu spät. Der Mord an Alec wird so,
bei Licht betrachtet, zu einer Verstrickung von Schuld, die sich auf die Konstruktionsprinzipien
der Gesellschaft gründet. Alec hat sich schuldig gemacht, wird aber gedeckt
durch die herrschende Moral. Angel hat sich schuldig gemacht, weil er Tess verstoßen
hat. Die Familie von Tess ist ihr keine Hilfe, insbesondere nicht der Vater,
der dem Suff verfallen ist. In der Mordtat selbst kulminiert diese Schuld. Tess
wird zum verzweifelten, ausführenden Organ. Sie wird zum Täter-Opfer.
Die Rebellin begeht in einem letzten Akt eine demonstrative Verzweiflungstat.
Die Rebellion hat ein Ende. Die rächende Befreiung von Alec ist zugleich
die Aufhebung der Rebellion: das Ende. Der Henker wartet. Auf was wir nicht
warten können, ist die Aufklärung all dessen, das Sichtbarmachen all
dessen in irgendeinem der Akteure. Nur wir sehen offenen Auges.
„Tess” ist, eben weil es die Zerstörung
des Prinzips der Liebe als mögliches Konstruktionsprinzip von Gesellschaft
durch das diametral entgegengesetzte Prinzip der Macht veranschaulicht, eben
auch ein Film, der der Rekonstruktion des Prinzips der Liebe gewidmet ist. Polanski,
heißt das, deutet durch das Tragische der Geschichte an, wohin wir gehen
sollten und wohin nicht.
Neben Nastassja Kinski überzeugen
Peter Firth und Leigh Lawson, aber auch viele Nebendarsteller. „Tess” ist eine
dieser wundervollen „Gesamtkompositionen” in Bild, Handlung, Darstellern, Dialogen
usw., die Kino wieder zu dem machen, was seine ureigene Aufgabe sein sollte:
modernes Geschichtenerzählen.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen
in:
Tess
(Tess)
Frankreich,
Großbritannien 1979, 165 Minuten, andere Fassungen: zwischen 134 und 190
Minuten
Regie:
Roman Polanski
Drehbuch:
Roman Polanski, Gérard Brach, John Brownjohn, nach dem Roman von Thomas
Hardy „Tess of the d’Urbervilles”
Musik: Philippe
Sarde
Kamera: Ghislain
Cloquet, Geoffrey Unsworth
Schnitt:
Alastair McIntyre, Tom Priestley
Ausstattung:
Pierre Guffroy
Darsteller:
Nastassja Kinski (Tess Durbeyfield), Peter Firth (Angel Clare), Leigh Lawson
(Alec d’Urberville), John Collin (John Durbeyfield), Rosemary Martin (Mrs. Durbeyfield),
Carolyn Pickles (Miriam), Richard Pearson (Vikar von Marlott), David Markham
(Reverend Mr. Clare), Pascale de Boysson (Mrs. Clare), Suzanna Hamilton (Izz),
Caroline Embling (Retty), Tony Church (Parson Tringham), Sylvia Coleridge (Mrs.
d’Urberville)
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