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Das
Testament des Dr. Cordelier
Dr.
Cordelier experimentiert in seinem Labor an einer Droge, welche die wahre Natur
eines Menschen ans Tageslicht bringen soll. Obwohl der Arzt und Wissenschaftler
in der Öffentlichkeit hoch angesehen ist, verbirgt er ein dunkles Geheimnis:
seitdem ihm seine Mutter in jungen Jahren die Liebe zu einem Dienstmädchen
untersagt hat, ist er zu keiner Beziehung fähig... und beschränkt
sein Sexualleben stattdessen darauf, sich an betäubten Patientinnen zu
vergehen! Als er in einem Selbstversuch seine Mixtur probiert, verwandelt er
sich in Opale, ein anarchistisches Ungetüm, welches – von jeglichen gesellschaftlichen
Konventionen befreit – seine Umgebung während nächtlicher Streifzüge
terrorisiert. Cordelier ist vom gewissenlosen Treiben seiner Schöpfung
fasziniert und wird süchtig nach dem Geschmack der Zwanglosigkeit, die
er als Opale verspürt. Doch langsam verliert er die Kontrolle über
sein zweites Ich, wird in einen Mord verwickelt und beschließt schweren
Herzens, sein bürgerliches Leben wieder aufzunehmen. Dummerweise ist es
bereits zu spät: eine Rückverwandlung ist nicht mehr möglich!
Ihm bleibt nur der Selbstmord.
Unter
den Dutzenden von Verfilmungen des Bestsellers Dr.
Jekyll und Mr. Hyde
zählt die französische Adaption des Meisterregisseurs Jean Renoir
(Die
grosse Illusion,
1937) neben der klassischen Verfilmung von Rouben Mamoulian (1932) zu den herausragendsten
Produktionen, die auf dem Werk von Robert Louis Stevenson basieren. Renoir verlegt
den Ort des Geschehens von London nach Paris, veränderte die Namen der
beiden Hauptfiguren in Cordelier und Opale, doch bis auf diese Änderungen
hält sich der Film erstaunlich detailgetreu an die Originalgeschichte:
es sind die sozialen Normen, durch die sich Cordelier als Mitglied der Oberschicht
eingeengt fühlt und denen er durch seine Verwandlung in Opale wenigstens
zeitweise entkommen will. In den meisten amerikanischen Adaptionen dagegen lebt
der Forscher Jekyll als Hyde lediglich seine sexuellen Phantasien – wenn auch
mehr oder weniger bloß angedeutet – mit Freudenmädchen aus... Lovestory
natürlich inclusive!
Das
Testament des Dr. Cordelier
entstand für das französische Fernsehen, doch Renoir legte Wert darauf,
dass man den Streifen auch problemlos in den Lichtspielhäusern aufführen
konnte. Auf diese Weise wollte er den Betreibern der Kinoketten, die gegen Ende
der 50er Jahre jegliche TV-Produktionen boykottierten, veranschaulichen, dass
sie aus einer Kooperation mit den Fernsehstudios durchaus auch Nutzen ziehen
konnten. Um die Kosten für das Projekt so gering wie möglich halten
zu können, setzte Renoir bis zu acht verschiedene Kameras gleichzeitig
ein. Von dieser Maßnahme erhoffte er sich neben einer größeren
Auswahl an Bildmaterial auch weniger Arbeit am Schneidetisch.
Dem
Bühnendarsteller Jean-Louis Barrault gelingt in der Doppelrolle Cordelier/Opale
eine fantastische Performance. Statt einem aufwändigen Makeup genügen
ihm zwei mit Gummibällen ausgepolsterte Wangen und eine zerzauste Frisur
- und trotz dieser sparsamen Maskierung ist Barrault nach der Verwandlung von
Cordelier in den Fiesling Opale nicht wiederzuerkennen! Auch wenn sein Opale
auf den ersten Blick relativ unbeholfen wirkt und mit seinem schlaksigen Auftreten
und dem pausenlos herumwirbelnden Spazierstock eher an einen bösartigen
Zwillingsbruder von Charlie Chaplin erinnert, so zeigt er bei den völlig
unangekündigten Attacken sein wahres Gesicht: auf offener Strasse verprügelt
er ein kleines Mädchen, einem humpelnden Mann tritt er die Krücken
aus der Hand, seinen Kollegen Severin erschreckt er sogar zu Tode! Von allen
„Film-Hydes“ des letzten Jahrhunderts dürfte Barraults Interpretation die
vedrehteste sein.
Christian
Lorenz
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei:
Das
Testament des Dr. Cordelier
Le
Testament Du Docteur Cordelier
Alternativtitel:
Experiment
in Evil
The
Doctor’s Horrible Experiment
The
Testament of Dr. Cordelier
Frankreich,
1959
92
Minuten, schwarz/weiss
Regie :
Jean Renoir
Drehbuch:
Jean Renoir
Kamera :
Georges Leclerc
Musik :
Joseph Kosma
Jean-Louis
Barrault - Cordelier / Opale
Teddy
Bilis - Joly, der Anwalt
Michel
Vitold - Dr. Lucien Severin
Jean
Topart - Desiré, der Diener
Micheline
Gary - Marguerite
Jacques
Dannoville - Kommissar Lardout
André
Certes - Inspektor Salbris
Jean-Louis
Granval - Hotelchef
Jacqueline
Morane - Alberte
Ghislaine
Dumont - Suzy
Madeleine
Marion - Juliette
Didier
d´Yd - Georges
Primerose
Perret - Mary
Gaston
Modot - Blaise
Jean
Renoir - Moderator
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