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The Backyard

 

Grad noch zur rechten Zeit platzt in unsere Entrüstung & Empörung über Schülergewalt "The Backyard“, der Dokumentarfilm mit Spielfilmqualität. Er ist geeignet, das große Lamento in eine sinnvolle Diskussion überzuleiten.

 

Regisseur Paul Hough, Sohn des Horrorspezialisten John Hough ("Draculas Hexenjagd", "Tanz der Totenköpfe"), bekommt beim großen Casting der World Wrestling Foundation Besuch von zwei Zwölfjährigen, die alles viel besser können wollen. Hough jr. begibt sich auf eine Reise zu den Hinterhöfen der unteren Mittelschicht. In seiner Heimat England und in Arizona, Nevada, Kalifornien und New York.

 

Wie wir sehen, sind die Jungs hart drauf. Mit Lust und Liebe bei der Sache wickeln sie Stacheldraht um Baseballschläger, plazieren zwei Dutzend Mäusefallen auf das Brett, begießen es mit Benzin und setzen es in Brand. All das, damit der eine, oben auf der Trittleiter stehend, dem anderen theatralisch auf den Bauch springen kann. Die Keule besorgt den Rest.

 

Das ist brutal und kaum anzusehen. Und doch haben die Kids ihre Zuschauer. Sie grölen, die Eltern sind stolz, was die Kinder zu leisten vermögen. Einige haben noch mit Zweifeln zu kämpfen. Die Lehrer nehmen das Hinterhof-Wrestling in den Leistungskurs auf. Der Schulleiter sagt schlaue Worte.

 

Kurzum, der Film zeigt abartige, kaum glaubliche Szenen. Wo sind wir eigentlich? Das Kulturphänomen Wrestling ist präsent. Die Wrestling-Organisationen sind gezählt. Es gibt 4000 davon - mit steigender Tendenz. Das Internet ist voll davon.

 

Vor der Kamera tackert einer dem anderen eine Visitenkarte an die Stirn. Jubel. Wir sind mit "The Backyard" zwischen "Jackass" und dem "Fight Club". Edinburgh hatte Hough`s Film zum schottischen Filmfestival eingeladen. Wieso eigentlich kommt uns das auf den ersten Blick abstoßende Werk witzig und teilnahmsvoll vor? Wieso muß man zur Kenntnis nehmen, daß die perverse Gewalt ein anderer Ausdruck für liebevolles Miteinanderumgehen ist?

 

Der Film ist merkwürdig ambivalent. Seine Sadomasokomponente verkehrt sich in ein einverständliches Täter/Opfer-Spiel. Abgesprochen und rituell wiederholt. Ein Spiel, in dem reichlich Blut fließt. Für die Kamera der Schüler, die ihre Heldentaten aufzeichnen. Und für die Kamera des "Backyard"-Regisseur, dem manch blutiger Trick verraten wird. Das Opfer schneidet sich gekonnt die verborgene Rasierklinge durch die Stirn. Dann strömt es richtig, das echte Blut.

Wieso also der Spaß dabei? Gings um die Show? Es ging um die Erforschung der Motivation. "Wir wollen wissen, wieso wir kämpfen und wofür". Einer der Älteren war schon Soldat gewesen. Wenn dies eine Suche nach Werten bedeuten soll, können wir Angst kriegen. Interpretationen der großen Frage nach dem Wieso und Wofür bieten sich an. In Hülle & Fülle. Halten wir fest, daß Täter und Opfer gemeinsam um die Antwort ringen. Auf den Hinterhöfen und völlig abgelöst von den angesagten Kulturdiskursen.

 

Haben wir in Deutschland eigentlich danach gefragt, wieso das Schüleropfer jedesmal in den Materialraum mitgegangen ist, das Gewaltspiel der Schülertäter erwartend? In "The Backyard" ist das Spiel ritualisiert, geregelt wie anderer Extremsport auch. Die Schüler bleiben unter sich. Eltern und Lehrer versuchen, das Kid-Wrestling zu instrumentalisieren. Wie wir im Film sehen, ist der Erfolg fragwürdig. Authentisch sind die Teenager. Eine Botschaft trägt der Film nicht vor sich her. Er gewährt Rezeptionsfreiheit. Die Diskussion kann beginnen.

 

"Auf der Suche nach einer Möglichkeit, diese Menschen bei ihrem Aktivismus zu packen und sie zusammenzubringen, kamen wir auf den Sport. Ein Wrestlingturnier, selbstverständlich weit weg von wrestlischer Ernsthaftigkeit, soll die verschiedenen Personen und Gruppen bekannt machen und die längst überfällige Entdeckung von Gemeinsamkeiten ermöglichen. Dabei geht es vor allem darum, Spaß zu haben und zusammen einen `guten` Tag mit Musik, Getränken und neuen Bekannten zu verbringen. Bereits zugesagt haben konkret, Hafenklang, Rote Flora, FSK, KGB, Buback Tonträger, Fidel Castro Records, das Taxi 221122, Wohnprojekt Werkhof, Hotel Van Der Cleef, Rote Hilfe".

Das Turnier findet kurz vor dem Start von "The Backyard" im hamburger Sternschanzenpark statt. Am 17. Juli 2004. - Achja: lösche Wrestling, setze Fußball. Egal?

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im:  Schnitt

 

 

The Backyard

(USA, 2002)

Regie: Paul Hough    

Drehbuch: Paul Hough    

Musik: Seth Jordan

Darsteller:  

The Lizard, Scar, Chaos, Heartless, Bongo, The Retarded Butcher,Nympho, Sic, Rob Van Dam, James Weston

Produzenten: Geza Decsy, John Hough, Steve Tzirlin  

 

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