zur startseite
zum archiv
The
Cowboy and the Frenchman
Da ist es also,
wie schön. Wo David Lynch als der Meister der Hirnfickerei, der bösen
Basstöne, der schwebenden Wackelkamera und der Angstzustände gilt,
da taucht bisweilen, heimlich fast und überwiegend unbemerkt, ein Stück
Komödie auf. The
Cowboy and the Frenchman,
22-minütiger Kurzfilm aus dem Jahre 1988, ist so ein Versuch, ein äußerst
gelungener, darf man gleich sagen, und einer, der den Lynchologen vergnügen
wird mit ein paar Griffen in des Meisters wohlbekannte Werkzeugkiste.
Los geht es
gleich bei der Besetzung, mit Freude stellen wir fest, daß nicht nur Vorarbeiter
Harry Dean "what the heck" Stanton mit Sporen im Coral steht sondern
mit ihm auch der längst verstorbene Jack Nance, und Michael Horse darf
als Indianerkumpel durch die Büsche schleichen.
Daß Lynch,
spätestens seit der Zusammenarbeit mit Angelo Badalamenti, einen wunderbaren
Sinn für Rhythmik und akkurat Hineingestöhntes, Gehauchtes, und (leider)
auch Gefurztes hat, ist offenbar, und hier verbinden sich gerade Bild und Ton
aufs Allerherzlichste. Zu synkopierten sinfonischen Klängen stolpert ein
fremdes, unbekanntes Etwas die Prärie hinab, mit lakonischem Staunen beobachtet
von Vorarbeiter Slim und seinen Jungs. Das Wesen spricht in keiner vernünftigen
Sprache, man kann sich lange nicht entscheiden, was es ist. Am besten knallte
man es ab, aber es hat da noch diesen eigenartigen Koffer dabei. Bei genauerem
Hinsehen erweist der sich als eine Art Dimensionstor in ein Pariser Souvenirshop-Café
und bringt sogar einen Liebesbrief an einen gewissen Pierre zum Vorschein –
für rettendes Verständnis sorgt nach langem Hin und Her allerdings
erst das Kulinarische: ein Teller Pommes, englisch french
fries,
enttarnt das Wesen schließlich als etwas verlorenen Franzosen. Damit ist
dann auch gleich das Eis gebrochen, man besorgt Bier und Knabbereien, ja, Bier
und Knabbereien, ja, mit Knabbereien, bitte, und Bier, und bereitet sich auf
einen gemeinsamen Abend der Völkerverständigung vor. Passenderweise
kommen dann auch gerade ein paar Southern Chicks in engen Jeans und Cowboyhüten
vorgefahren, die prompt ihre Fremdsprachenkenntnisse zum Tragen kommen lassen,
et
oui, bien sûr, on aimerait bien coucher avec elles.
Hervorragend
gesetzte Wiederholungen sorgen dabei ebenso für einen hohen Grad an Amüsement
wie das ständige Spiel mit Stereotypen auf allen Seiten. Klar schleicht
da zum Beispiel ein wilder Indianer um die Ranch, wahrscheinlich will er Rinder
stehlen oder den armen Franzosen töten; tatsächlich kommt er aber,
weil er es satt hat, daß seine Wettschulden nicht beglichen werden, und
langweilig ist ihm wohl auch. Auch der Maler Lynch schaut ab und an aus diesem
kurzen Filmchen heraus, gerade da, wo die Kamera nach minutenlanger Zweisamkeit
mit Gitarre aufzieht und sich ein Tableau eröffnet von ästhetisch
nebeneinander postierten Figuren, die wohlgeordnet ihren Frame bewohnen und
nicht zuletzt an die Reihungen von Polizisten und Agenten aus Twin
Peaks
erinnern.
Gemeinsam wird
also gesungen, gesoffen und, off-screen, ein bißchen
gehurt. Dann bricht der Tag an, man ist ein wenig verkatert, besinnt sich noch
einmal kurz der gemeinsamen Wurzeln, sei es durch die Demokratie, sei es durch
die Kolonisation ("c'est incroyable, les Indiens vendraient l'Ile de Manhattan
pour un peu de pain") und versichert sich der gegenseitigen Loyalitäten.
Vive
la France.
Und von Lynch
wünschte man sich, gerade auch im Rahmen dieser Feierstimmung, noch ein
paar weitere Griffe, gerne auch tiefer, in die Komödienkiste hinein. Wir
sind uns sicher, auch wenn wir nicht immer gleich erkennen, um was es sich dabei
wohl handeln mag, letztlich werden wir es lieben. Vive,
aussi, la Comédie.
Christina
Hein
The Cowboy and the Frenchman
(Les Français vus
par: The Cowboy and the Frenchman)
F 1988. R, B: David Lynch, K: Frederick Elmes, S: Scott
Chestnut, P: Daniel Toscan du Plantier, D: Harry Dean Stanton, Frederic Golchan,
Jack Nance, Tracey Walter, Michael Horse, Rick Guillory u.a. 22 min.
zur startseite
zum archiv