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They
Came Back
Im September
kommt George A. Romeros Land
of the Dead in
die deutschen Kinos. Der Regisseur
von Night
of the Living Dead,
Dawn
of the Dead
und
Day
of the Dead
„kehrt zurück in das Genre, das er erschaffen hat“ (Werbetext). Ein guter
Zeitpunkt also für Bestandaufnahmen dieses Genres.
Erfunden
hat Romero den Zombiefilm eigentlich nicht, wurde der erste Untotenstreifen,
White
Zombie,
doch bereits 1932 von Victor Halperin gedreht. Grundlegend verändert wurde
das Genre 1968 durch Night
of the Living Dead aber
in jedem Fall. Aus dem haitianischen Hinterland holte Romero die Handlung in
die USA, aus der familiären Tragödie wurde eine nationale Katastrophe
und für die Rückkehr der Toten waren nicht mehr mysteriöse Voodoorituale,
sondern handfestes zivilisatorisches Versagen verantwortlich. In der Geschichte
um die Toten, die durch eine Seuche in weiten Teilen des Landes auferstehen
um die Lebenden zu fressen, reflektierte Romero, im gewalttätigsten Jahrzehnt
in der US-amerikanischen Geschichte nach Ende des Bürgerkriegs, auch über
zeitgenössische, nationale Traumata.
Heute
erfreut sich das Zombie-Genre, vor einigen Jahren quasi von den Toten auferstanden,
wieder großer Beliebtheit, bietet qualitativ aber überwiegend Direct-to-DVD-Platitüden.
Da freut es sehr, dass auf dem Fantasy Film Fest dieses Jahr mit Robin Campillos
Les
Revenants
eine äußerst interessante Variation des Zombie-Themas zu sehen war.
Die Verstorbenen
der letzten zehn Jahre kehren friedlich zurück aus ihren Gräbern.
In Internierungslagern gesammelt und identifiziert, sollen sie wieder in ihr
altes Leben integriert werden, sich in ihre Familien und Berufe einfinden. Die
Schwierigkeiten dieses Unterfangens zeigt der Film in drei Einzelschicksalen
in einer Kleinstadt: Ein junges Ehepaar erhält ihren Sohn zurück,
eine Frau ihren bei einem Autounfall verunglückten Freund und schließlich
ein älterer Herr seine verstorbene Frau. Zwischendurch wird immer wieder
auf die Sitzungen beim Bürgermeister geschnitten, in denen man Lagepläne
erstellt und alles über den internationalen Forschungsstand über das
Rückkehrerphänomen erfährt.
Das Sujet
von der Resozialisierung der Untoten ist nicht neu. In Day
of the Dead
verschanzte sich eine Gruppe von Forschern zusammen mit einer Militäreinheit
in einer unterirdischen Bunkeranlage. Von der Erkenntnis angetrieben, dass sich
außerhalb dieses Fort Alamos bereits zu viele Indianer tummelten um militärisch
auf lange Sicht eine Chance gegen sie zu haben, suchte ein mad
scientist
fieberhaft nach einer Möglichkeit, die blutrünstigen Zombies wieder
zu friedliebenden Bürgern zurück zu erziehen.
Neu ist
allerdings die Art, wie sich Campillo seinem Thema nähert. In langen Einstellungen
und klaren, ausgeklügelten Bildkompositionen inszeniert Campillo seinen
Film mit einer geradezu anmaßenden Ruhe. Anstatt jeglicher Form von Gewalt
oder Action geht es ihm ausschließlich darum, die Menschen in ihrer veränderten
Situation zu zeigen. Die statische Kamera ist oft dicht an den Gesichtern, die
in Nahaufnahmen die Leinwand dominieren, in den Totalen zeigt sie die Menschen
eingeschlossen in der kalten, abweisenden Vorstadtarchitektur. Von der atemlosen
Videoclipästhetik, mit der etwa Zack Snyder sein Dawn
of the Dead-Remake
inszenierte, ist man hier genauso weit entfernt, wie von dogmatischem Handkameragewackel.
Ging es
in Romeros Zombiefilmen um den Zerfall des Alltags, wie er sich etwa in Dawn
of the Dead
in dem im Chaos versinkenden Arbeitsleben in einer Fernsehstation ausdrückt,
bleibt bei Campillo der Ausnahmezustand gewissermaßen unsichtbar. Nur
als Phantom ist er, in einer gewissen gespenstischen Morbidität, die über
den kühlen und sterilen Sets liegt, anwesend. Die professionell organisierten
Arbeitsvorgänge in den „Auffanglagern“, der tagesordnungsmäßige
Ablauf der Sitzungen. Die Alltäglichkeit, die die funktionierende Bürokratie
vermittelt, wird als reine Lüge entlarvt. Scheint doch alles unverändert,
obwohl nichts mehr sein kann wie es vorher war. Alle Ruhe ist trügerisch,
warten doch hinter der Bürokratie die gesichtslosen, faschistoiden Militärs
mit ihren Gasmasken, und bereiten Plan B vor.
Was aber ist die Bedrohung der Gesellschaft, die Campillo zeichnet?
Wenn sich in den ersten Einstellungen eine Flut alter Leute, apathisch und träge,
durch die Hauptstraße eines französischen Provinzkaffs schiebt, dürfte
wohl klar, dass es nicht die „forces of evil“ sind, die hier angreifen, um die
freie Welt mit Terrorkriegen zu überziehen. Aber vielleicht ist die freie
Welt so bürokratisch und leistungsorientiert, so steril und kalt geworden,
dass sie langsam ausstirbt, weil in ihr niemand mehr Lust hat, für Nachwuchs
zu sorgen. Die Leistungsgesellschaft geht an dem Paradoxon, dass sie mit ihrem
Druck und ihrer Unsicherheit die Menschen davon abhält, die Kinder zu bekommen,
die für ihr Fortbestehen unabdingbar sind, zu Grunde. Ihre Agonie ist nicht
kannibalistische Selbstzerfleischung, sondern leise Lethargie. Allerdings erschöpfen
sich die Lesearten des Films hier nicht. Zeigt er uns doch
auch wie durch die Rückkehr der Toten der Kreislauf des Lebens durcheinander
gebracht wird. Dadurch, dass mühevoll verwundene Verluste (scheinbar) rückgängig
gemacht werden, brechen alte Narben wider auf. In den Sitzungen wird unter anderem
auch darüber diskutiert, woher Geld für die Pensionen der Rückkehrer
genommen oder wie Arbeitsplätze für sie geschaffen werden sollen.
Diese Probleme, die die Unsterblichkeit mit sich bringt, können auch als
intelligenter Beitrag zur unüberschaubar gewordenen Liste filmischer Bearbeitungen
des Mensch-aus-der-Retorte-Themas gelesen werden. Außerdem wäre da
natürlich noch das „Immigrantensyndrom“. Diesen bedeutungsschwangeren Namen
ersinnen die Forscher, als sie feststellen, dass die schlaflosen Untoten dazu
neigen, sich nachts an bestimmten Orten in großen Gruppen zu treffen.
Unabhängig
davon, wie genau man das Geschehen interpretieren möchte, ist das, was
uns Campillo vielleicht vor allem vor Augen führt, dass die Ruhe, in der
sich Westeuropa in den letzten Jahrzehnten wiegt, trügerisch sein könnte
und einen hohen Preis hat.
Dieser
Text ist nur in der filmzentrale erschienen
Les
Revenants
Frankreich
2004, ca. 110 min
Regie:
Robin Campillo
Darsteller:
Géraldine Pailhas, Jonathan Zaccaï, Frédéric Pierrot,
Catherine Samie, Marie Matheron, Djemel Barek, Victor Garrivier
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