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Thomas
Harlan – Wandersplitter
„Links, das ist der Obersalzberg! Hitler hätte
mich hier sehen können“, erklärt Thomas Harlan gleich zu Beginn dieses
faszinierenden Filmporträts von Christoph Hübner und Gabriele Voss.
„Hitler“ ist wahrscheinlich das beste Stichwort, um Thomas Harlans Erzählfuror
zu aktivieren. Thomas Harlan, geboren 1929, Sohn des umstrittenen Regisseurs
Veit Harlan („Jud
Süss“, Kolberg“, „Opfergang“)
und der Schauspielerin Hilde Körber, der nach dem Krieg zu einem rebellischen
Bohemien wurde und mit Klaus Kinski Paris und die Bundesrepublik Deutschland
unsicher machte. Es folgten die Hinwendung zum Kommunismus und Reisen in die
Sowjetunion. Später ging Harlan für einige Jahre nach Polen, finanziell
unterstützt vom italienischen Verleger Giangiacomo Feltrinelli, um in Zusammenarbeit
mit der Zentalen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg Prozesse
gegen NS-Kriegsverbrecher vorzubereiten. Weitere Lebensstationen Harlans waren
die Lotta Continua-Gruppe in Italien, das Chile Salvatore Allendes, die Nelkenrevolution
in Portugal. In den 1970er- und 1980er-Jahren drehte er einige Filme, darunter
das Double-Feature „Wundkanal/Notre Nazi“. Zuletzt reüssierte Harlan mit
den Romanen „Rosa“ und „Heldenfriedhof“. Seit 2001 lebt er in einem Lungensanatorium
bei Berchtesgarden.
Dort haben ihn die Dokumentaristen Hübner und
Voss besucht und ausführlich interviewt. Geradezu professionell erklärt
Harlan zu Beginn des Films, dass er – wie üblich – keineswegs beabsichtige,
über sich in der Ich-Form zu sprechen: „Meine Lebensvorstellung ist immer
auf eine wundersame und von mir für gut empfundene Weise gestört worden.
Und dadurch haben sich in meinem Leben so viele Sachen zugetragen, dass jemand,
der denkt, er hat das geplant, der sagt, er hat so ein reiches Leben gehabt
... alles Quatsch! Mein Leben ist reich an Unfällen, die ich sehr selten
provoziert, meistens aber akzeptiert habe.“ Deshalb – langer Vorrede kurzer
Sinn – transportieren „lächerliche“ biografische Erzählungen „ganz
viel Leerlauf“. „Privatzeugs“ sollte es auch in „Wandersplitter“ nicht geben;
die Filmemacher haben sich darauf eingelassen. Andererseits: Harlan ist ein
glänzender Erzähler, der über ein grandioses Gedächtnis
verfügt, und er spricht über nichts anderes als sich, wenngleich er
das „Ich“ dabei explizit ausstreicht: „Wenn sich Geschichten aus der Geschichte
herausschälen, von denen sie annehmen, dass, weil sie dabei waren, es erwähnenswert
werden könnte, darüber zu reden in manchen Fällen, ist es am
besten bestellt um Geschichten, die überhaupt nicht dafür gebraucht
werden können, sie in den Vordergrund zu bringen.“ Wobei er dann kurz und
schelmisch – beeindruckt von der bewältigten Komplexität dieser Reflexion
– in die Kamera blickt.
Harlan erzählt anekdotisch, mit einem bewundernswerten
Gespür fürs randständige Detail, von Moskau 1953, von seiner
Poetik, von einer Begegnung mit Hitler, von der Befreiung Berlins durch die
Rote Armee, vom Verhältnis zu seinem Vater, von der politischen Arbeit
an deutscher „Schuld und Verantwortung“, von der Recherche von Nazi-Verbrechen
in Polen um 1960, von der Notwendigkeit des Aussprechens der Wahrheit, von Nazi-Karrieren
in der BRD. Hübner und Voss geben ihm den nötigen Raum, bleiben aber
präsent, vielleicht, weil Harlan befragt sein will. Reiner Vortrag würde
das „Ich“ gefährlich profilieren. Behutsam setzen die Dokumentaristen ihre
wenigen Schnitte, setzen wenige Blicke auf die alpine Landschaft und etwas Klinikatmosphäre
hinzu – bewahren ansonsten die Stimme eines charismatischen Erzählers mit
einer schillernden Biografie.
Es gab offenkundig mehr Gespräche, als in „Wandersplitter“
zu hören sind. Wer sich für die „Gegen-Geschichte“ des 20. Jahrhunderts
interessiert, wird auf Fortsetzungen hoffen. „Wandersplitter“ bricht leider
um 1968 ab; man würde gerne noch stundenlang zuhören.
Ulrich Kriest
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: film-Dienst
Thomas
Harlan - Wandersplitter
Deutschland 2007 - Regie: Christoph Hübner - Darsteller: (Mitwirkende) Thomas Harlan - Länge: 96 min. - Start: 30.8.2007
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