THREE KINGS
David Russell schickt drei Popstars in den Krieg
Die drei Musketiere im Golfkrieg, könnte man sagen. Damit wäre die
Action-Ebene dieses schrägen Kriegsfilms abgedeckt. An Pyrotechnik
wird nicht gespart; ein Profi schießt einen mit Sprengstoff
gefüllten American Football im schrägen Winkel mit sattem Drive in
die Luft. Dann explodiert der irakische Kampfhubschrauber.
Auf der zweiten Ebene produzieren sich die drei Pop-Stars in einer
112-minütigen stretched Version eines Musikclips. Den 3
Sympathieträgern glaubt man alles, und sie können sich alles
erlauben. TV-Soap-King George Clooney stand während der dreieinhalb
Monate Drehzeit für THREE KINGS jeweils die andere Wochenhälfte für
"ER" vor der Videokamera; als Kinderarzt des "Emergency Room" ist
er das Idol der Serien-Generation. Mark Wahlberg war einer der „New
Kids on the Block", Marky Mark der "Funky Bunch" ("Good
Vibrations"). Unterwäschemodel für Calvin Klein, 1997 dann
Porno-Darsteller in BOOGIE NIGHTS. Mit dem 14-jährigen Ice Cube war
Mitte der achtziger Jahre der Gangsta Rap erfunden. Aktueller
Super-Hit ist seine populäre "War Disc".
Die Pop-konditionierten Zuschauer werden die drei Kriegs-Helden
des Films innerhalb eines außerfilmischen Kontextes wahrnehmen.
Dann wird der Musik-Titel, der zu den Dreien nicht passt,
aussagekräftig. Die Musik macht die Dramaturgie des Films. Im
ersten Teil, der den Golfkrieg als geile Party vorstellt, heizen
auf der Tonspur die Beach Boys die lustige Stimmung mit "l Get
Around" an - in voller Länge. Aber das ist die falsche Euphorie der
falschen Generation. Da biedert sich wer an. Der Film ernüchtert
sich. Es stimmt etwas nicht. Was nicht stimmt, erfahren wir auf der
dritten Ebene des Films. Hier müssten wir von den Heiligen Drei
Königen sprechen. Kaum ist die Exposition zu Ende, begleiten wir
die drei Jungs/Kings auf einer läuternden Bildungsreise durch die
irakische Wüste. Geführt werden sie anfangs noch von der
materialistischen Vorstellung, hinter der Grenze blinkendes
Raubgold aus Kuwait zu finden. Auf was die GIs tatsächlich treffen,
ist eine verängstigte und darbende Zivilbevölkerung, die auf Retter
hofft. Der Film wird an dieser Stelle genauer, es folgen richtig
lange Dialogsequenzen. Präsident Bush wird gerügt. Er habe die
Iraker aufgerufen, sich gegen Saddam zu erheben, sie dann jedoch im
Regen resp. in gnadenloser Sonne stehen lassen.
Die Drei begreifen, dass sie eine moralische Sendung haben. Sie
schlagen sich das Gold aus dem Kopf, verteilen ihre Essensrationen;
lehren die unwissenden Zivilisten, Landminen an ihrem Aussehen zu
erkennen, trösten Kleinkinder und ziehen mit allen durch die Wüste
zur rettenden iranischen Grenze. Als Transportmittel dient der eine
oder andere Mercedes-Oldtimer aus der Sammlung kuwaitischer
Scheichs, von Saddams Söldnern schnöde geraubt. Aber da Janis
Joplin zuvor "Mercedes Benz" dargeboten hat, wissen wir wieder,
dass etwas nicht stimmt.
Leider leidet die Werte-Ebene des Films dadurch, dass die vielen
Statisten schlecht oder gar nicht geführt sind. Es mögen
Original-Iraker sein, die da hilflos vor der Kamera stehen. Regisseur David 0. Russell (FLIRTING WITH DISASTER) hat sich
hier keine Mühe gegeben. Dennoch wird die Zivilisten-Apotheose
dieses Kriegsfilms gerettet. Denn was schließlich zählt, sind die
drei Personen–von–hohem-Wiedererkennungswert, und die finden sich
schlussendlich in ihren geliebten Zivilberufen wieder, wobei der
Film sich nicht den Untertitel verkneift: „Nach ehrenhafter
Entlassung aus dem Kriegsdienst..."
Die Verschrägungen, Brechungen und Überlagerungen zwischen den
drei Film-Ebenen werden immer wieder makaber-humoristisch
aufgelöst. Dann fährt die Kamera in Großaufnahme das Kabel ab, das
vom Generator zum Folter-Opfer führt (zum Kriegshelden Wahlberg).
Oder sie verfolgt (an einem medizinischen Demonstrationsmodell) den
Austritt der Gallenflüssigkeit in den Magen. Ja, einem der
Kriegshelden ist in den Bauch geschossen worden. Das ist im
Clip-Rhythmus ein Gag, ein schwarzer. Oder ist es eine weise
Erklärung für das, was passiert? Der Film setzt darauf, dass
Unstimmigkeit und Stimmigkeit zugleich wahrgenommen werden können.
Von der Zielgruppe erwartet der Film eine tolle
Rezeptionskompetenz.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd film
Start: 10.2.2000 (D), 25.2. (A), 2.3. (CH)
THREE KINGS
USA 1999. R und B: David 0. Russell. P: Charles
Roven, Paul Junger Witt, Ed McDonnell. K: Newton
Thomas Sigel. Sch: Robert K. Lambert. M: Carter
Burwell. T: Edward Tise. A: Catherine Hardwicke.
Ko: Kym Barrett. Pg: Village Roadshow Pictures/Vil-
lage-A.M Film Partnership/Cost Ridge/ Atlas Enter-
tainment. V: Warner. L: 112 Min. DA: George Clo-
oney (Archie Gates), Mark Wahl- berg (Troy Bar-
low), Ice Cube (Chief Elgin), Spike Jonze (Conrad
Vig), Nora Dunn (Adriana Cruz), Jamie Kennedy
(Walter Wogaman), Cliff Curtis (Amir Abdulah),
Said Tahmaoui (Captain Said).