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Die
Thuranos
Dokumentarfilm
über eine Artistenfamilie
Im
Kern ist der Name echt, auch wenn er zur Bühnentauglichkeit ein bisschen
romanisiert wurde. Und auch sonst guckt bei den Thuranos unter der üblichen
Bühnenmaskerade immer wieder erstaunlich viel reelle Lebenserfahrung hervor.
Vielleicht auch deswegen, weil sich Vater Konrad Thur und Sohn Johannes "Johnjohn'
mit zusammengerechnet 134 Jahren Bühnenerfahrung genug Professionalität
erarbeitet haben, um auf hohles Showlächeln zu pfeifen. Die letzten 50
Jahre standen sie zu zweit mit der weltweit einzigen Vater-Sohn-Seil-Comedy
auf der Bühne: So etwas ist Vertrauenssache. Und eine gute Gelegenheit,
auch eigene Macken auf die Schippe zu nehmen.
Ohne
Schminke sieht der Mann mit der schütteren Mähne wie ein weiser alter
Indianer aus. Doch die Seriosität täuscht. Mit seinen 95 Jahren beherrscht
Konrad Thur die hohe Kunst der vorgetäuschten Schwäche mit Grandezza.
Hier will ein Beinchen nicht mehr so recht, dort verklemmt sich ein anderes
Körperteil im Seil. Johnjohn, seit dem vierten Lebensjahr mit dem Vater
auf der Bühne und mittlerweile mit fast 60 selbst ein gestandener Mann,
muss den Junior geben, der den gebrechlichen Alten mit bösartigen Anforderungen
schikaniert.
Die
beiden Dokumentarfilmer Kerstin Stutterheim und Niels Bolbrinker, die sich in
vielen gemeinsamen Filmen engagiert mit so unterschiedlichen Themen wie dem
Zusammenhang zwischen Bauhaus und Flugzeugindustrie (Bauhaus
- ein Mythos der Moderne,
1998) und zuletzt dem Swing in Deutschland (It
Don't Mean a Thing, If It Ain't Got That Swing,
1999) beschäftigt haben, begeben sich in ihrem neuen Film daran, die bewegte
Geschichte der Artistenfamilie seit Konrads Anfängen 1927 im Düsseldorfer
Apollo-Theater nachzuzeichnen. Und die beschränkt sich bei weitem nicht
auf Vater und Sohn. Konrads Ehefrau Henriette Althoff stammt selbst aus einer
bekannten Zirkusfamilie. Und auch Tochter Sabine stand lange Jahre in der Manege.
Geboren wurde sie wie Johnjohn in Südafrika, wohin die Thuranos 1937 auswanderten,
als ihnen die Verhältnisse in Deutschland zunehmend unheimlich wurden.
Afrika, hatte Konrad gedacht, ist schön weit weg. Doch auch dort wurde
die Familie von den politischen Realitäten eingeholt und mit Kriegsausbruch
in einem Lager für feindliche Ausländer interniert. Später, der
Schwiegervater hatte ein Viermastzelt aus Deutschland gespendet, mit dem die
Thuranos ihren eigenen Zirkus gründen konnten, folgten auf Erfolge Schicksalsschläge,
auf Katastrophen neue Triumphzüge in die Welt.
Die
Thuranos
konstruiert diese Geschichte aus offenherzigen Berichten der Beteiligten und
historischen Filmbildern, von denen viele aus dem Familienarchiv selbst stammen.
Dabei kommt auch Jeanette zu Wort, die älteste Tochter, die trotz elterlichen
Bemühens keinerlei artistische Ader entwickeln wollte und bis heute mit
dem unsteten Leben hadert, das ihr aufgezwungen wurde. Auch eine Artistenfamilie
hat ihre dunklen Stellen. Wirklich sehenswert ist der Film aber wegen seiner
filmischen Originaleinblicke in vergangene Zeiten, so etwa zum Verlieben schöne
Super-8-Stücke von frühen Auftritten der Truppe. Diese Bilder sind
es auch, die ästhetisch eine Kinoaufführung rechtfertigen. Der Rest
ist gutes Fernsehen.
Silvia
Hallensleben
Dieser
Text ist zuerst erschienen in epd Film
Die
Thuranos
Deutschland
2003. R, B, Sch: Kerstin Stutterheim, Niels Bolbrinker. P:
Jörg Rothe, Alexander Ris. K:
Niels Bolbrinker. M: Stefan Warmuth. T: Manfred Herold. Pg: Mediopolis/NDR/WDR/Arte.
V: Neue Visionen. L: 93 Min. FSK: ohne Altersbeschränkung. Mit: Konrad
& Henriette Thur, Marjolyn & Johannes Thur, Sabine Seidel, Jeanette
Thur, Lew & Winnie Meatchem, Bernhard Paul.
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