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Tideland
Terry Gilliams Figuren sind Meister
der Verdrängung. Ob gepeinigt von Schuld, diffusen Selbstsinnsuchen oder
unwirtlichen Realitäten sind sie doch meist gezwungen, ihr Heil in der
Fantasie zu finden. Wenn der duckmäuserische Angestellte Sam Lowry in BRAZIL sein Glück erträumen
muss, um den Repressalien eines totalitären Staates zu entfliehen und seine
vermeintliche Bestimmung zu finden, die letztlich gar keine ist oder Baron Münchhausen
im „Zeitalter der Aufklärung“ unter Bombenhagel, seiner zutiefst realen
Kehrseite, vor einem verängstigtem Publikum all seine Lügengeschichten
zum Besten gibt, dann reiht sich das junge Mädchen Jeliza-Rose, die Hauptfigur
aus TIDELAND, mit ihrem unbestürzbarem Willen zur Weltflucht in diese Phalanx
der Gilliam`schen Träumer nahtlos ein.
Die Gründe sind mehr als
einleuchtend: Hat man erstmal verdaut, wie pragmatisch sie den Drogentod ihrer
Mutter übersteht, nur um wenige Filmminuten später, nachdem sie mit
ihrem Vater in das verfallene Farmhaus ihrer Großmutter geflohen ist,
die scheinbar ebenfalls nicht mehr unter den Lebenden weilt, nach
einer weiteren Überdosis auch seinem Ableben beiwohnen zu müssen,
allein und mitten in den Weiten der frühherbstlichen Felder, bleibt
nichts mehr als irritiertes Verständnnis für ihre pathologischen Akte:
Der Anthropomorphisierung ihrer drei Freunde, abgetrennte Puppenköpfe,
die allesamt im Laufe des Films verlustig gehen werden; der Vereinnahmung der
Leiche des Vaters, die beständig vor sich hinfault, später gar konserviert,
aber eben auch dennoch als Ansprechpartner fungieren wird; ihrer stetigen Lektüre
und teilweise wörtlichen Zitation aus Carrolls „Alice in Wonderland“ und
der kruden Liasion mit dem erwachsenen und geistig behinderten Bruder der verrückten
Hutmacherin.
Natürlich gibt es keine verrückte
Hutmacherin, sondern lediglich zwei entrückte Charaktere, die als einzige
Nachbarschaft hier ihr mehr als klägliches, weil vereinsamtes Dasein fristen.
Nämlich ein Geschwisterpaar, er, Dickens, misshandelt, sie, Dell,
misanthropisch, cholerisch und nekrophil veranlagt. Eine gebrochene Existenz
im Tideland, die alles, was sie verlieren könnte, zwanghaft ausstopfen
muss. Und das betrifft nicht nur Tiere, sondern auch Jelizas Vater, Dells früheren
Geliebten, wie sich herausstellen wird, genauso wie Jelizas Großmutter.
Der Film folgt nun permanent ihrer
Perspektive. Ständig wird die schäbige Realität mit Jelizas Fantasie
kontrastiert. Und das provoziert immer wieder das Gefühl der radikalen
Beklemmung: Wie schlimm ist der Verlust einer eben bloß imaginären
Freundin, wie gesagt ein abgeschnittener Puppenkopf, zu werten, wenn er in ein
Erdloch stürzt? Was soll man von einer irgendwie romantisierten Beziehung
zwischen einem unbedarften Kindmann und einem mental völlig ihrer Fantasie
überantworteten Mädchen halten, wenn ihre Zweisamkeit langsam an die
Grenzen der Pädophilie stößt? Wenn Dickens seinen streng gehüteten
Sprengstoff präsentiert, mit dessen Hilfe endlich der gefräßige
Schienen-Hai, in Wirklichkeit nichts mehr als jene Bahnschienen, die Jeliza
überhaupt erst in diese Einöde führten, seiner Schranken verwiesen
werden soll? Oder anders gefragt: Wieviel kindliche Imagination kann der Rezipient
ertragen, wenn abzusehen ist, dass all das Präsentierte keinen guten Ausgang
nehmen wird?
Gilliam wäre nun nicht Gilliam,
würde er nur schlicht ein Panoptikum des Wahns entwerfen. Der Bruch mit
der geschulten Wahrnehmung der Realität scheint hier inszenatorisches,
narrativisches, in letzter Instanz auch poetologisches Prinzip: Die Kamera meist
schräg und dabei leicht tänzelnd, als würde sie fortwährend
einen Kampf zwischen Schönheit und Groteske ausfechten; der Plot manchmal
zu zerfranst, geradezu hilflos, jedenfalls keine gute Orientierungshilfe, für
die Suggestion eines funktional sortierten Handlungsverlaufs, der immer wieder
an den Kern der Geschichte erinnern lässt; die Freiheit und Schönheit
der Natur, die sich dichotomisch zur Enge und dem Verfall des Landhauses verhält,
Jelizas Fantasie zu erweitern hilft, gleichzeitig aber auch ihre Einsamkeit
ausdehnt, all diese Elemente stehen im Dienste der Figurenentwicklung, ihren
Perspektivierungen und verabreichen ihnen Facetten, mit deren Hilfe erst die
ganze Tragik hinter diesen Biographien fassbar wird.
Wir sehen also die Welt durch
Jelizas Augen und weil diese Welt nicht schön ist, wird sie eben schön
gemacht. Im Gegensatz zu ihr wissen wir das vorgeführte Elend recht bald
zu dechiffrieren und gelegentlich auf seine Ursprünge zurückzuführen.
Ihr hingegen sind lediglich wenige Momente vergönnt, in denen die Illusion
die Realität nicht mehr beherrschen kann. Etwa wenn sich Dell doch nicht
als trauernder Geist und Dickens nicht als todesmutiger U-Boot-Kapitän,
sondern beide sich als ganz normale Verrückte erweisen, die ihre Verletztheit
sublimieren. Von einem Kind ist in dieser Lage jedenfalls keine kathartische
Entwicklung zu erwarten. Deswegen scheint alles in diesem Film ihrer Wahrnehmung
untergeordnet zu sein und vielleicht führt auch das zu dem bitteren Beigeschmack
des mutmaßlich befreienden Endes. Dass Jelizas Rettung erst durch ein
apokalyptisches Inferno, „dem Ende der Welt“, möglich wird, der Sprengung
der Bahnschienen, der Erlegung des Schienenhais, dem Tod zahlreicher Menschen
und dass dieser Moment erneut ihrerseits von der Illusion vereinnahmt wird,
Dickens habe endlich sein Ziel erreicht. Als sie sich mit einer verletzten Passagierin
anfreundet, können wir nur ahnen, ob sie dadurch eine Freikarte ins häusliche
Glück oder in die diagnostizierte Psychose erhalten hat. Die Kindheit jedenfalls
scheint vorbei.
Eine Erwähnung noch zum Schluss:
Dass dieses Meisterwerk, im Gegensatz zur desaströsen Parallelproduktion
BROTHERS GRIMM, zwei Jahre nach seiner Premiere hierzulande lediglich eine DVD-Auswertung
erfährt, ist schlicht und ergreifend eine Schweinerei.
Sven Jachmann
Dieser Text ist
zuerst erschienen bei:
Tideland
Produktionsland: Kanada, Großbritannien
Erscheinungsjahr: 2005
Länge (PAL-DVD): ca. 122 Minuten
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Terry Gilliam, Tony Grisoni
Produktion: Paul Brett, Gabriella Martinelli, Jeremy Thomas, Peter
Watson
Musik:
Jeff Danna, Mychael Danna, John Goodwin
Kamera:
Nicola Pecorini
Schnitt: Lesley Walker
Besetzung:
Jodelle Ferland: Jeliza-Rose
Janet McTeer: Dell
Brendan Fletcher: Dickens
Jennifer Tilly: Königin Gunhilda
Jeff Bridges: Noah
Dylan
Taylor: Patrick
Wendy
Anderson: Frau
Sally
Crooks: Dells Mutter
DVD
EAN: 4009750210536
Erschienen bei: Eurovideo (Verleih)
Bildformat: 2,35:1 (16:9 anamorph)
Ton/ Sprache: Dolby Digital 5.1, deutsch, englisch
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