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Der
Tiger von New York
"There
are no postcard shots
in
this picture. I wanted to
film
the smell, the feel and
color
of the city."
(Stanley
Kubrick)
"Killer's
Kiss" ist eine besonders eigenwilliges Beispiel für einen film noir,
in dem Kubrick bereits einige der Elemente seiner spezifischen Art und Weise,
Filme zu drehen, offenbarte. Der Film entstand in unmittelbarer Nähe der
damaligen Wohnung Kubricks in Greenwich Village. Zu sehen sind Penn Station,
der Broadway, Times Square, der Garment District und einige andere Lokalitäten
im Herzen New Yorks. Der damals 26jährige Kubrick selbst filmte und schnitt
die Low-Budget-Produktion (75.000 Dollar), die eine kalte, dunkle, von Neonlicht,
Gewalt und Einsamkeit beherrschte Großstadt zeigt, in der scheinbar der
Zufall eine Geschichte ins Rollen bringt, die wiederum nur Gewalt und Tod zu
bringen scheint.
Die
Geschichte selbst scheint ebenfalls simpel und entwickelt sich in gerade einmal
67 Minuten. Der wenig erfolgreiche Boxer Davy (Jamie Smith) verliert gegen einen
jüngeren Kollegen und entschließt sich, New York zu verlassen und
zu seinem Onkel nach Seattle zu ziehen. Das einzige, was ihn noch halten könnte,
ist eine Frau, die Davy von seinem Fenster aus beobachtet und die ihn fesselt.
Gloria Price (Irene Kane) ist jung, blond und schön. Sie ist Tänzerin
in einem der zahlreichen Lokale, das dem alternden Gangster Rapallo (Frank Silvera)
gehört. Rapallo meint, auch Gloria gehöre ihm und ist rasend vor Eifersucht,
wenn sie mit einem der jüngeren Männer tanzt. Als er sie eines Tages
bedrängt und Gloria schreit, weil sie von Rapallo nichts mehr wissen will,
kommt ihr Davy zu Hilfe. Gloria erzählt Davy, wie sie zu ihrem Job gekommen
ist, von ihrer Schwester Iris (Ruth Sobotka), die sich wegen des Todes ihres
Vater umgebracht hatte, und Davy bietet ihr an, sie nach Seattle mitzunehmen.
Als
Rapallo davon erfährt, dass Gloria ihn verlassen will, hetzt er zwei seiner
Gangster auf sie und ihren Geliebten. Wiederum der Zufall will es, dass ein
anderer statt Davy dran glauben muss, den Rapallos Leute für den Geliebten
Glorias halten. Davy selbst bekommt es mit der Polizei zu tun, weil die ihn
für den Mörder halten. Gleichzeitig versucht er Gloria zu finden,
die von Rapallo entführt wurde. Es beginnt eine Hetzjagd durch die Straßen
der Stadt.
Kubrick
filmte mit einer Handkamera in den Straßen von New York, im Boxring -
diese Bilder gehören zu den schönsten des Films und erinnern an einen
späteren Film Scorseses ("Raging
Bull")
-, in dunklen und gefährlichen Hinterhöfen, in herunter gekommenen,
fast menschenleeren Straßen, in einem Tanzlokal und in der Schlussszene
in einer Halle, in der Dutzende von Schaufensterpuppen aufbewahrt werden. Während
der Film anfangs wie eine Aneinanderreihung von filmischen Skizzen wirkt - Davy
beim Boxen, in seiner Wohnung, in der Umkleidekabine, nachdenklich, fast depressiv
-, entwickelt sich nach einer Viertelstunde eine unglaubliche Dynamik, die sich
bis zum Schluss hin ständig steigert. Die Verfolgungsjagd gehört für
mich zu den schönsten und gelungensten Beispielen eines Showdown, obwohl
oder gerade weil sie mit minimalen Mitteln gedreht wurde.
Der
Zweikampf zwischen Davy und Rapallo zwischen den Schaufensterpuppen steht dabei
schon für die in späteren Filmen zur Vollendung geführte spezifische
Symbolik Kubricks, hier bezüglich Sex und Gewalt. Für eine Traumsequenz
benutzte Kubrick Negativbilder, die die Straßen von New York zeigen und
alptraumhaft angelegt sind. Aus dem Traum erwacht Davy durch den Schrei Glorias.
Auch hier wieder der Zusammenhang von Sex und Gewalt. Die Personen wirken einerseits
stilisiert - Rapallo ist ein Bilderbuchgangster, Gloria eine kühle Bilderbuchblonde,
Davy das Abziehbild eines deprimierten Loosers -, andererseits aber wiederum
auf überzeugende Weise authentisch, nämlich als Verlorene in einer
Großstadt, die sich nur durch Gewalt dem völligen Untergang entziehen
können. Alle suchen in anderen Personen nur einen Ausweg: Davy glaubt,
eine Beziehung zu Gloria könnte ihn aus seinem Tief befreien. Gloria glaubt,
Davy könne sie aus der Abhängigkeit der Stadt und Rapallos herausholen.
Rapallo glaubt, nur durch Gewalt und Zwang könne er in der Stadt überleben
und seine Wünsche erfüllen.
Auch
in den mehrfach vorkommenden statischen Bildern zeigt Kubrick bereits seine
Vorliebe fürs Detail, ja seine penible Sorge darum, dass in diesen Bildern
"alles stimmig" sein muss - etwa in der Szene, in der Davy Gloria
von seiner Wohnung aus beobachtet. Auch als er mit seinem Onkel telefoniert,
sieht man Gloria auf der anderen Seite des Blocks, dann allerdings in einem
Spiegel. Kubrick zeigt seine Figuren durch Fenster, Türen, Gänge,
Treppenaufgänge - sie wirken wie gerahmt, um ihre Grenzen und die Begrenztheit
ihres Lebens zu zeigen. Später wird man u.a. in "The Shining",
"2001:
A Space Odyssee",
"A
Clockwork Orange"
und "Barry
Lyndon"
viele dieser Stilmittel zur Reife ausgeprägt wiederfinden.
Dass
der Film mit einem Happyend schließt, liegt kaum in der Logik der Geschichte,
sondern hat seinen Grund wohl eher darin, dass die Produktionsfirmen solches
zu jener Zeit erwarteten (United Artists kaufte den Film damals von Kubrick).
Der "richtige" Schluss der im Rückblick von Davy selbst erzählten
Geschichte wäre es vielleicht gewesen, dass der erfolglose Boxer allein
in den Zug nach Seattle eingestiegen wäre. Trotzdem kündet "Killer's
Kiss", dem man den äußerst dämlichen deutschen Titel "Der
Tiger von New York" verpasste, von den großen Kubrick-Filmen, die
schon bald folgen sollten.
Übrigens
spielte Kubricks damalige Frau Ruth Sobotka in dem Film die Schwester Glorias,
die Tänzerin Iris.
•
D V D •
Sprachen:
Deutsch (Mono), Englisch (Mono), Spanisch (Mono), Italienisch (Mono)
Untertitel:
Spanisch, Französisch, Italienisch, Niederländisch
Bildformat:
4:3
Dolby,
Surround Sound, PAL
amazon
und jpc € 11,99
Die
von MGM 2002 produzierte DVD bietet zwar absolut kein Zusatzmaterial, überzeugt
aber durchweg in Bild und Ton. Für einen fanatischen Kubrick-Fan (wie mich)
ist dann auch der Preis von € 11,99 (bei amazon und jpc) kein Grund, sie in
den Regalen verstauben zu lassen. Mehr gibt es zu dieser DVD nicht zu sagen.
Wertung
Film: 10 von 10 Punkten.
Wertung
DVD: 8 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei:
Zu
diesem Film gibt’s im archiv mehrere
Texte
Der
Tiger von New York
(Killer's
Kiss)
USA
1955, 67 Minuten
Regie:
Stanley Kubrick
Drehbuch:
Stanley Kubrick, Howard Sackler
Musik:
Gerald Fried
Kamera:
Stanley Kubrick
Schnitt:
Stanley Kubrick
Darsteller:
Jamie Smith (Davy Gordon), Frank Silvera (Vincent Rapallo), Irene Kane (Gloria
Price), Jerry Jarret (Albert, Boxmanager), Mika Dana (Gangster), Felice Orlandi
(Gangster), Ruth Sobotka (Iris, Ballerina)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0048254
©
Ulrich Behrens 2005
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