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Tim Burton’s Corpse Bride
Tote
Lippen sollst du küssen
Morbide Mesalliance: Die animierten
Puppen im Stop-Motion-Musical "Tim Burton's Corpse Bride" heiraten
über Standes- und Grabesgrenzen hinweg
Johnny Depp und Helena Bonham-Carter
sind ein Traumpaar des Goth. Mit seinen aristokratischen Wangenknochen, seinen
fein akzentuierten Gesichtszügen, seinem entkräfteten In-Sich-Gekehrtsein
und seiner düsteren Melancholie hat Depp das Zeug zum "New Romantic"-Posterboy.
Man denke nur an den Edward mit den Scherenhänden oder an Ichabod Crane
aus "Sleepy Hollow". Und auch Bonham-Carter mit ihrem zerbrechlich-schönen
Merchant-Ivory-Gesicht und ihrer viktorianischen Grazie hat einen Hang zum Jenseitigen,
Schattenhaften. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein Regisseur die beiden
zusammenbringen würde. Dass dies nun ausgerechnet Tim Burton ist, überrascht
kaum; sowohl Depp als auch Bonham-Carter sind seit Jahren regulars in Burtons Filmen - mit Bonham-Carter
verbindet Burton darüber hinaus eine private Liaison.
Eine morbide Ménage à
trois ist Burtons neuer Film "Corpse Bride" also, in der alle Ingredienzien
von Burtons privaten Obsessionen in selten gesehener Detailfreude präsent
sind: sein Faible für Tod und Verderben, europäische Spätromantik,
transgressive Praktiken und expressive Schattenspiele. Doch Depp und Bonham-Carter,
vielmehr die Puppen, denen sie ihre Züge und Stimmen leihen, sind ein tragisches
Paar, voneinander getrennt durch den Tod, der für sie nur kurzzeitig überwindbar
ist. In der Nacht vor seiner Hochzeit mit der adligen Victoria (modelliert nach
und gesprochen von Emily Watson) erlöst Victor aus reiner Schusseligkeit
den Leichnam der "Corpse Bride" (schon etwas angenagt, aber an den
richtigen Stellen wohlproportioniert) von einem bösen Fluch und nimmt sie
damit unbeabsichtigt zur Frau. Während die schöne Untote Victor in
das Reich der Unterwelt, eine farbenfrohe Mischung aus englischer Spelunke und
Moulin Rouge, entführt, wartet Victoria sehnsüchtig auf die Rückkehr
ihres Bräutigams. Die Geschichte von "Corpse Bride" passt auf
einen Bierdeckel; tatsächlich hat ein Gedicht Burton zu seinem Film inspiriert.
Und er fand die Grundidee so reizvoll, so kabbalistisch und nekrophil, dass
er sich dazu entschloss, sie statt mit Menschen mit Puppen zu verfilmen.
Man muss Burton nur von der Textur
von Stop-Motion-Animationsfilmen schwelgen hören, um seine Faszination
für Handgearbeitetes zu verstehen. Kein Computerprogramm kann diese fantastische
Stofflichkeit generieren. Die leicht holprigen Bewegungen der Puppen (hier scheinbar
mit digitalen Mitteln geschmeidiger gestaltet) verleihen den Figuren Charakter,
ihre staksigen, grotesken Körper (Wasserköpfe auf Stelzenbeinen, bizarre
Anthropomorphismen) erregen unser Mitgefühl ähnlich wie hässliche
Schoßhunde. Der Fantasie des Schöpfers solcher Puppenwelten sind
notwendigerweise materielle Grenzen gesetzt, trotzdem ist die überbordende
Detailfülle von Burtons kleinem Hades ein furioses Spektakel.
"Corpse Bride" erweckt,
mehr noch als "Nightmare Before Christmas", Burtons erster Animations-Langfilm,
den Eindruck eines vollgestellten Kinderzimmers. Er ist angefüllt mit Gimmicks
und Referenzen aus der Asservatenkammer des europäischen Mystizismus: Slawische
Begräbnisrituale, "Danse Macabre"-Ikonografien, heidnischer Synkretismus,
obskure literarische Quellen. Burtons Untote gibt es in allen Variationen, als
jivende Skelett-Combo, sprechende Köpfe, erdolchte Ehrenmänner, halbierte
Gesellen oder furchige Alchemisten. Die Stimmung im Jenseits könnte nicht
besser sein.
Das alles ist durchaus familienfreundlich
angereichert - wenn man Burton etwas vorhalten könnte, dann, dass seine
morbide Fantasien stets einen pastoralen Unterton in sich tragen. Aber
der Einwand verblasst angesichts dieser wunderschönen, todtraurigen und
unmöglich-tragischen Liebesgeschichte, die "Corpse Bride" erzählt.
Ihre Ausweglosigkeit erinnert an die großen europäischen Dramen (nicht
zufällig lautet - in Verbeugung vor den großen verblichenen Dramatikern
- der vollständige Titel des Films "Tim Burton's Corpse Bride").
Denn eigentlich, und hier ist Burton, der kindsköpfige Nonkonformist, leider
sträflich inkonsequent, sollte dies nicht die Geschichte von Victor und
Victoria sein, sondern von Victor und der Totenbraut, deren blauer Körper
im Mondlicht so verführerisch schimmert. Aber Lieben heißt eben auch
bei Burton, dass man loslässt, bevor es zu spät ist. Darum opfert
sich die "Corpse Bride" am Ende und lässt die vornehm Blässlichen
mit ihrer irdischen Liebe zurück.
Andreas Busche
Dieser
Text ist zuerst erschienen in der taz
Tim Burton's Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche
Großbritannien / USA 2005 - Originaltitel: Tim Burton's
Corpse Bride - Regie: Tim Burton, Mike Johnson – Animationsfilm (mit den Stimmen
und Gesichtszügen von Emily Watson, Johnny Depp, Helena Bonham-Carter u.
a.), Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 6 - Länge: 75 min. - Start:
3.11.2005
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