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Tisch
und Bett
Immer am Rand ...
"Antoine Doinel will die
Gesellschaft
nicht verändern. Er misstraut
ihr,
schützt sich vor ihr. Aber
er ist voll
guten Willens und sucht Anerkennung."
(François Truffaut über
sein Alter ego)
Wie eindeutig doch durchläuft Antoine (Jean-Pierre
Léaud) die Stadien einer durchschnittlichen bürgerlichen Biografie!
Nach seiner Flucht aus der Erziehungsanstalt, seinen Liebesabenteuern und gescheiterten
Jobs hat er nun seine Jugendfreundin Christine (Claude Jade) geheiratet. Man
teilt Tisch und Bett, ist albern und ernst miteinander und genießt das
Leben. Wiederum baut Truffaut wie in den beiden ersten Episoden der Doinel-Geschichte
("Sie
küssten und sie schlugen ihn",
"Geraubte
Küsse") ein bezaubernd
genaues und in weiten Teilen komisches Bild seines Helden und der Umgebung,
in der er lebt.
Ein Hinterhof ist Schauplatz der Geschichte. Wir
treffen auf Ginette (Danièle Girard), die Bedienung eines kleinen Bistros,
die Antoine unbedingt in ihr Bett lotsen will, der jedoch an ihr nicht interessiert
ist, ein paar Handwerker, Monsieur Desbois (Jacques Rispal), einen Nachbarn,
der ständig aus dem Fenster schaut und seine Wohnung seit etlichen Monaten
nicht verlassen hat, einen geheimnisvollen Mann, der niemanden grüßt
und den seine Nachbarn für den Würger halten (Claude Véga),
der in letzter Zeit mehrere Kinder getötet haben soll, und auf die direkten
Nachbarn Antoines, einen Tenor (Daniel Boulanger), der immer in Eile ist, während
seine Frau immer zu spät dran zu sein scheint, weshalb der Sänger
ihren Mantel und ihre Tasche die Treppe hinunterwirft, damit die Angetraute
schneller die Wohnung verlässt.
In dieser äußerst sympathischen und von
Komik durchzogenen Szenerie steht unser Antoine und färbt Blumen für
ein Geschäft, das vorne an der Straße liegt. Zu mehr hat er es nicht
gebracht. Christine hingegen gibt kleineren und größeren Kindern
Geigenunterricht. Antoine experimentiert mit den Farben und will das "absolute
Rot" erfinden - bis ihm ein Malheur passiert und beim Färben der Blumen
diese nicht rot erstrahlen, sondern - wie durch ein Unkrautvertilgungsmittel
bewirkt - den Geist endgültig aufgeben.
Es hat sich also nicht viel geändert bei Antoine.
Nach wie vor geistert er durch die Welt, die nicht immer so will wie er, wobei
er selbst nicht so genau weiß, was er will. Antoine lässt sich treiben,
tut sein Bestes, buhlt um Anerkennung, mal hier, mal da, und ergeht sich in
einem Leben, in dem er sich selbst als die einzig wirklich bedeutende Person
sieht, während alle anderen ihm letztlich gleichgültig zu sein scheinen.
Christine, die Antoine wirklich liebt, aber vielleicht
auch noch zu unerfahren ist, um genau zu wissen und zu spüren, was das
eigentlich bedeutet, ist schwanger. Antoine erlangt durch einen - wie schon
oft in seinem Leben - merkwürdigen Zufall einen Job in einer amerikanischen
Firma: er soll in einem künstlich angelegten Teich vor dem Firmengebäude
Modellschiffe fernsteuern - wieder einmal eine Art "gestoppter" Job,
der ihm nichts bietet. Aber Antoine ist auch das gleichgültig.
Er tut, was er kann.
Er kann, was er tut.
Und rein zufällig lernt er dort die junge, schwarzhaarige,
hübsche Japanerin Kyoko (Hiroko Berghauer) kennen, verliebt sich in sie
- was das bei Antoine auch immer heißen mag - und Kyoko verliebt sich
in ihn.
Wie Christine hinter dieses Verhältnis kommt,
zeugt von Truffauts ganz speziellem Humor: Blumen mit Liebesbezeugungen auf
kleinen Zetteln, die Kyoko in die Blüten gesteckt hatte, landen bei Christine
auf dem Tisch. Als die Stängel sich beugen, fallen die Zettel heraus.
Aus ist es (vorerst) mit der Ehe. Und als Antoine
bei einem seiner vielen Abschiede von Christine fast schon emphatisch zu ihr
sagt: "Du bist meine Schwester, meine Mutter, meine Tochter", antwortet
sie lapidar: "Und es wäre schön gewesen, wenn ich auch Deine
Frau hätte sein können."
Komisch auch, wenn sich Antoine ausgerechnet bei
Christine beschwert, Kyoko würde kaum reden, aber immer lächeln
und viel essen. Und eigentlich sei nicht viel mehr zwischen ihnen.
Truffaut gelang mit "Domicile conjugal"ein
wunderbares, ja geradezu erstaunliches "Nebeneinander". Er zeigt eine
normale, bürgerliche Ehe im Entstehen, im Werden, im Vergehen. Die Leichtigkeit
der Inszenierung, das Lockere, das sich in den Verhältnissen der Akteure
auftut, das Komische, das sie begleitet, und das Dramatische, das sich angesichts
solcher doch eher tragischer, gescheiterter Beziehungen mit all dem verbindet,
werden beispielsweise auch plastisch in einer Szene, in der Antoine und Christine
über den Roman sprechen, den er schreibt, in dem er angeblich seine Vergangenheit
aufarbeiten will, was Christine wie folgt kommentiert:
"Ich mag diese Art über
deine
Kindheit zu schreiben nicht, bei
der du deine Eltern durch den
Dreck ziehst.
Ich weiß nicht viel,
aber eines weiß ich: Wenn
du die
Kunst benutzt, um Rechnungen
zu begleichen, dann ist das keine
Kunst mehr."
(Christine zu Antoine)
Man könnte diese Äußerung als Leitspruch
über den ganzen Film spannen. Antoine, der angehende, weitergehende, bis
zu Ende gehende Individualist liebt das Leben: SEIN Leben. Aber Truffaut ist
der letzte, der seinen Helden verurteilen oder abkanzeln würde. Er findet
ihn sympathisch, er stellt ihn als einen harmlosen Mann dar, der nichts wirklich
Tragisches anrichtet, keinen Mord oder andere schlimme Dinge, der keine wirklich
nicht verkraftbaren Verletzungen verursacht.
Das durchaus Kritische bleibt dabei allerdings nicht
auf der Strecke. Es ist sicherlich auch etwas Selbstkritisches. Es ist dieses
Sich-Nähern an eine besondere Form der Verantwortungslosigkeit, jenes (noch)
harmlosen Egoismus, der immer am Rande des Egozentrischen tänzelt. Und
es ist analog und parallel dazu eine Kritik an der bürgerlichen Ehe, nicht
im herkömmlichen Sinn, sondern eher unter dem Aspekt, dass Truffaut deren
selbst gestellten Ansprüche ernst nimmt und die Beziehung zwischen Antoine
und Christine daran misst.
Man könnte auch sagen: die "einfältig",
"naiv", "kindlich" liebende Christine trifft auf den "einfältig",
"kindlich", "naiv" nur sich selbst liebenden Antoine, der
nicht einmal weiß, was Liebe ist. Und nur so - durch diese beiderseitige
"Naivität", dieses unterschiedlich Unausgegorene auf beiden Seiten
- sind beide ein Jahr nach der vorübergehenden Trennung wieder zusammen.
Und die Frau des Tenors kommentiert dieses "Zusammensein", als es
jetzt Antoine ist, der den Mantel und die Handtasche Christines das Treppenhaus
hinunter wirft wie früher der Tenor, mit den Worten: "Jetzt lieben
sich die beiden wirklich." An diesem Punkt glaubt man sich fast rückversetzt
in eine klassische Komödie. Das Scheitern wird in sein Gegenteil verkehrt,
einen Erfolg. Und beide leben diesen "Erfolg" - bis zum Ende. Aber
das ist das Thema eines Films, den Truffaut ursprünglich gar nicht drehen
wollte: die letzte Episode, "Liebe auf der Flucht", einen Film, den
der französische Regisseur neun Jahre später drehen sollte.
So geht Antoine Doinel seinen Weg in die Integration,
immer ein bisschen am Rande des Scheiterns, am Rande der Rebellion, am Rande
der Verantwortung, ohne je seinen Individualismus als etwas zu verstehen, was
abseits egozentrischer Einfältigkeit auch existieren könnte. Nur in
einigen wenigen Momenten lebt das vage Gespür Antoines für Liebe auf,
etwa wenn er Christine bittet, ihre neue Brille im Bett wieder aufzusetzen,
weil sie ihr gut stehe und er sie so möge. Es sind diese Momente abseits
von Antoines sonst herrschender Gleichgültigkeit, die "Tisch und Bett"
eben auch zu einer romantischen Komödie werden lassen - und Antoine zu
einem sympathischen Typ.
DVD
Bild: 1,66:1 (16:9
anamorph)
Ton: Deutsch und
Französisch (Dolby Digital 1.0)
Untertitel: deutsch
Ein weiteres "Prachtstück"
in der Truffaut Collection 2 in einer restaurierten Fassung, die den Film in
Ton und Bild zu einem Genuss werden lassen. Neben dem üblichen kurzen Einleitungskommentar
des französischen Truffaut-Biografen und Filmjournalisten Serge Toubiana
und einem Audiokommentar von Claude Jade und Drehbuchautor Claude de Givray
bietet die DVD einen Auszug aus einem Interview mit Truffaut zu seinem Buch
"Die Abenteuer des Antoine Doinel", das v.a. die Drehbücher zu
den Filmen enthält, ein kurzes Statement des Regisseurs zur Figur des Antoine
Doinel sowie ein Featurette mit Truffaut und Drehbuchautor Revon bei der Arbeit
zum Film.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen
bei:
Tisch
und Bett
(Domicile
conjugal)
Frankreich,
Italien 1970, 100 Minuten (DVD: 93 Minuten)
Regie:
François Truffaut
Drehbuch:
François Truffaut, Claude de Givray, Bernard Revon
Musik:
Antoine Duhamel
Kamera:
Néstor Almendros
Schnitt:
Agnès Guillemot
Darsteller: Jean-Pierre Léaud (Antoine Doinel), Claude Jade (Christine Darbon Doinel), Hiroko Berghauer (Kyoko), Barbara Laage (Monique), Danièle Girard (Ginette), Daniel Ceccaldi (Monsieur Darbon), Claire Duhamel (Madame Darbon), Daniel Boulanger (Tenor), Silvana Blasi (Silvana), Pierre Maguelon (Freund Césarins), Jacques Jouanneau (Césarin), Claude Véga (Der Würger), Jacques Robiolles (Cadger), Pierre Fabre (alberner Kerl)
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