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Titicut
Follies
"Titicut" ist der indianische Name des
Gebiets rund um das Bridgewater-Krankenhaus in Massachusetts. "Follies"
ist englisch und bedeutet soviel wie "die Verrücktheiten". "Titicut
Follies" ist der Name einer Sänger- und Tänzergruppe, bestehend
aus Insassen dieses Krankenhauses, die jedes Jahr eine vermeintlich fröhliche
Show bieten. Diese Insassen werden als "geisteskrank" oder "sexuell
gefährlich" katalogisiert, werden für paranoid und schizophren
befunden. Das Bridgewater-Krankenhaus jedoch bietet kaum eine gesunde Alternative
zum Gefängnis. Die Wärter und Leiter von Bridgewater gehören
der Gefängnisbehörde an – nicht dem Gesundheitsministerium. Und so
bekommt keiner der Bridgewater-Insassen die Behandlung und Pflege, die sie verdienen.
Mitte der Sechziger Jahre bekam der junge Dokumentarfilmer
Frederick Wiseman die staatliche Erlaubnis seinen Film in dieser Bridgewater-Einrichtung
zu filmen. Eine ungeheure, einzigartige Chance, die der Filmemacher weise nutzte.
Die Lebensbedingungen innerhalb von Bridgewater sind menschenverachtend. Wir
sehen, wie die Patienten nackt durch die Gänge getrieben werden um grob
rasiert zu werden und dann wieder zurück in ihre Zellen gesteckt werden.
Die Insassen bekommen ein Frühstück und werden dann im Zweiergespräch
mit einem Doktor nach ihren Vergehen und Kindheitserinnerungen befragt.
Wisemans Kamera bleibt dabei größtenteils
ruhig. Selbst wenn wir mit ansehen müssen, wie der Insasse Jim, ein ehemaliger
Lehrer, nach der Rasur nackt in seine leere Zelle ohne Mobiliar, ohne Toilette,
ohne Menschlichkeit gestoßen wird und in vor Schmerz und Wahnsinn schreit,
hält er weiter drauf. Seine Kamera ist eine erschreckend beobachtende,
die uns nicht die Erleichterung des Wegsehens gewährt. Kurz nach der Uraufführung
von "Titicut Follies" kam es genau aufgrund dieser Arbeitsweise zur
Anklage vor dem Massachusetts Supreme Judicial Court. Wiseman würde die
Intimsphäre der Insassen verletzen, indem er ihre Vergangenheit, ihr Wesen
und – am allerdeutlichsten – ihre nackten Körper zu deutlich filmen würde.
Das führt natürlich zu einer wichtigen,
ethischen Auseinandersetzung mit dem Film. Darf Wiseman die Patienten in Bridgewater
auf eine derartige Weise filmen? Nimmt er ihnen durch das Abbilden ihrer schrecklichen
Situation das letzte Körnchen Menschenwürde? Wirklich interessant
wird die Diskussion, inwiefern Wiseman uns durch den Schnitt manipuliert. Er
setzt war keinen redaktionellen Voice-over ein, der die Geschehnisse kommentiert,
schafft es aber dennoch durch das Gegenüberstellen von Szenen und Bildern
uns in unserer Meinung in eine bestimmte Richtung zu lenken. Man denke an die
schockierende Szene, in der ein alter Insasse beschließt, lieber tot zu
sein, als weiterhin unter den quälenden Umständen in Bridgewater vor
sich hin zu vegetieren. Er hört auf zu essen. Eines Tages sind wir Zeuge,
wie die Wärter den alten Mann nackt in eine Halle führen. Die Wärter
binden den Mann an seinen Füßen fest, während einer der Doktoren
einen Schlauch unfassbar weit in die Nase des Patienten schiebt. Immer in der
Gefahr, aus Versehen auch Asche von seiner brennenden Zigarette in den Trichter
fallen zu lassen, gießt der Doktor flüssige Nahrung durch die Nase
des Mannes um ihn künstlich zu ernähren. Diese Szenerie unterbricht
Wiseman mit einer Szene aus naher Zukunft. Ähnlich aufgebahrt wie in der
vorherigen Aufnahme liegt derselbe Mann nun tot auf einer Liege. Watte wird
ihm unter die Augenlider gestopft. Eine solche Montage lässt sämtliche
Gründe für den Tod aus und setzt die unmenschliche Behandlung im Krankenhaus
eventuell fälschlicherweise gleich mit den Ursachen für das Ableben
des alten Mannes.
Die Doktoren und Direktoren der Anstalt kommen durchweg
schlecht weg, während freiwillige Helfer und einige Wärter fairerweise
gut dargestellt werden. Die Szene, in der eine Freiwillige einen Dankensbrief
eines ehemaligen Insassen bekommt, scheint die Balance zu wahren und die sonstigen,
oben erwähnten Anklagen zu rechtfertigen. Der Höhepunkt der Unverständlichkeit
der Direktoren wird in einer der letzten Szenen gezeigt. Im Laufe des Films
trafen wir auf den jungen Vladimir, der einen ungarischen, zynischen Doktor
anbettelte, aus der Anstalt entlassen zu werden, um endlich seine Haftstrafe
antreten zu können. Vladimir, der seit einem Jahr in Bridgewater ist, artikuliert
seine Position eindeutig und gesund: Er wäre weder schizophren noch geisteskrank.
Er wurde einst nur zu Observationszwecken in die Anstalt gebracht und hätte
längst entlassen werden sollen, da er nicht krank sei. Doch je mehr sich
Vladimir über die Ungerechtigkeit aufregt, desto eher diagnostizieren die
Doktoren Paranoia und Schizophrenie. Als Vladimir beteuert, dass das Umfeld
von Geisteskranken und die vielen Beruhigungsmittel ihm Schaden zufügen
würde, fällen die Doktoren eine unfassbare Entscheidung: Vladimir
wird in Bridgewater bis auf weiteres behalten und die Dosis der täglichen
Beruhigungsmittel wird erhöht.
Am Ende von "Titicut Follies" stehen zwei
Texttafeln. Nach der Freigabe des Films, ein Vierteljahrhundert nach Fertigstellung,
sollte Wiseman deutlich machen, dass sich seitdem die Zustände in Bridgewater
verändert und verbessert hätten. Laut dieses letzten Satzes hat also
die Anklage des Films gefruchtet. Und wenn die Lebensumstände in Bridgewater
humanistischer und medizinischer sind, so kann man den Film trotz seiner kontroversen
Natur nicht verurteilen. "Titicut Follies" ist harter Stoff, aber
dokumentarisch absolut wichtig. Einer der direktesten, krassesten, kompromisslosesten
Wahrheitsverfilmungen, die das Dokumentarfilmgenre hervorgebracht hat. Ein großes,
humanistisches, engagiertes Werk, das nicht davor zurück scheut, Unbequemes
und Hässliches zu zeigen.
Björn Last
Dieser Text ist zuerst erschienen
in:
Titicut
Follies
USA,
1967. Regie: Frederick Wiseman. Produktion: Frederick Wiseman, David Eames.
Kamera: John Marshall. Schnitt: Frederick Wiseman. Schwarzweiß. 84 Min.
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