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Das Todesmagazin oder: Wie werde ich ein Blumentopf?
Interviews, Statements, Archivmaterial,
Reportage: die Klischees des Fernsehfeatures sind versammelt. Sie funktionieren
jedoch nicht wie gewohnt. Der Regisseur benutzt sie auf seine sehr subjektive
Weise. Darum ist in der allerersten Einstellung Praunheim selbst zu sehen. Er
trägt ein Shirt mit der Aufschrift »Are you ready for death?«:
Reklame für das Death Magazine. Herausgeber Al Goldstein, reich durch Porno- und Schwulenmagazine
(Screw), kommt in
seinem Kabelfernsehstudio, in seinem Büro und in seiner Wohnung ausführlich
zu Wort, während die Kamera sich an Prunk und Kitsch nicht sattsehen kann.
Goldstein spricht von Enttabuisierung des Todes, das Bild eher von dessen kommerzieller
Verwertung. - In der folgenden Sequenz rezitiert die greise Helen Adams, im
knallroten Bikini, eines ihrer magischen Todesgedichte:
Meine Krone ist
von Aasfliegen überzogen
und mein Kopf
ist kahl
und feucht.
Aber bei mir wirst
du selbst
die schönste
Frau
aus lebendigem
Fleisch vergessen.
Wer Schlaf im
Bett
der Wurm-Königin
findet,
wird nie mehr
leiden müssen.
Synchronsprecherin ist Hertha
von Walther, die 1925 in der Freudlosen Gasse debütierte. Ihre Stimme trägt die poetischste und optimistischste
Sequenz des TODESMAGAZINS. - Ein bissiges Statement gibt die Punkchinesin Anja
Philipps (Managerin der Contortions) ab. Sie glaubt, daß »Beißen
viel geiler ist als Küssen« und »daß ich selbst ein Vampir
bin«. Dementsprechend geschminkt, schwärmt sie: »Nancy hätte
sich nichts Besseres wünschen können, als von Sid Vicious getötet
zu werden.« (Nach den Aufnahmen bekam sie Krebs und starb.) - Die Punkrockgruppe
The Contortions tritt leibhaftig auf. James Chance verkündet im Smoking
mit weißer Fliege, hennafarbenen Haaren und aggressiven Gebärden:
»Wir leben um zu sterben/Gewalt ist die schönste Form des Seins«
(»Design to kill«). Optisch bietet der Film dazu Ausschnitte aus
dem Archiv-Material der heute-Redaktion des ZDF. Das sind: Leichenberge aus
dem KZ; der saigoner Polizeipräsident erschießt einen Gefangenen;
aufgespießte Köpfe; frisch massakrierte Frauen und Kinder in Vietnam;
Männer, die vor unseren Augen erschlagen werden; ein Hund, der eine Leiche
aus der Grube zerrt; Verkehrstote; frisch überfahrene Kinder usw. Dazwischen
sieht man die bunten Punx den Contortions-Sänger attackieren, bis dieser
schreiend und schlagend von der Bühne ins Publikum springt. - Friedlich
sitzt Praunheim inmitten einer Schulklasse und hält das Mikro hin. Schüler
der John Dewey High School in Brooklyn haben Todesunterricht im Fach »Understanding
Death«. Pflichtlektüre ist das Buch der kalifornischen Sterbeforscherin
Elisabeth Kübler-Ross (Institute Shanti Nilaya). Zu den Schulaufgaben gehört:
Was versteht man unter Euthanasie? Wann ist sie gerechtfertigt? - Frage deine
Eltern und Geschwister, wie sie gerne bestattet werden möchten.«
- Praunheim begibt sich nunmehr auf eine Reportage rund um die Welt. Mit dem
Mikrofon in der Hand steht er, elegant und lässig, im Zentrum des Bilds
und erläutert die »Todesriten in aller Welt«. Vom Museum des
Gerichtsmedizinischen Instituts in New York geht es nach Kairo, wo die Armen
auf dem Friedhof hausen, und nach Bombay, wo die Geier hörbar ihre Schwingen
schlagen; die Kamera zoomt ihnen nach. In Manila weist der Regisseur, ganz in
Weiß, mit stummer Geste aufs pagodenartige Dach; die lockere und entspannte
Stimmung auf dem Friedhof überträgt sich auf die Kamera, die einem
jungen boy beziehungsweise dessen roten hot pants folgt, und dann wird der Zeitraffer
eingesetzt: strahlend spritzt die Sonne aus dem Horizont und übergießt
die Anwesenden mit lauem Licht. Dazu erklingt der 2. Satz des Violinkonzerts
von Ludwig van Beethoven. Es folgen Todesriten von Stuttgart-Stammheim. Zur
Beerdigung von Baader und Ensslin erklingen die Originalgeräusche von Walkietalkies,
Hubschraubern und Lautsprechern. Doch steht in Mexiko das Totenfest vor der
Tür. Wie heiter, trivial und zynisch ist der Anblick der Kinder, die mit
Skeletten beschenkt werden und zur Nacht einen Zuckerschädel als Betthupferl
bekommen. - Jean-Pierre LaHary demonstriert die Schätze des Museums des
Instituts für Gerichtsmedizin und erzählt von seiner Arbeit mit den
jährlich 78 000 Toten in New York. Erholsamer sind jedoch die Aufnahmen
aus der Sterbeklinik Riverside Hospital, in der Krebskranke, die durchschnittlich
noch drei bis sechs Monate zu leben haben, auf den Tod vorbereitet werden -
mit buntem Abend und einem täglichen Becher Bromton-Mixtur mit einer Dosis
Morphium und Kokain, die jeder Patient selbst bestimmen darf. - Der off-Kommentar
des Films geht in ein Manifest über und fordert das Recht, nach eigener
Façon sterben zu dürfen: »Der Tod soll natürlich aussehen.
Die Toten haben eine eigene Schönheit.« Die Schluß-Farce wischt das Pathos wieder weg. Praunheim
und Peggy von Schnottgenberg (Frank Ripploh) unterhalten sich angeregt und etwas
albern übers Sterben. Praunheim: »Und dann hab ich noch aus der Los Angeles Times diesen Artikel
>How to become a flowerpot<. Das ist ein Beerdigungsinstitut, das deine
Asche in einem Blumentopf aufbewahrt.«
Das Tabu Sterben und Tod, das
zumindest in der abendländischen Kultur gilt, wird von diesem Film erheblich
verletzt. Keine Frage, daß der Film unangenehm berührt. Die Blumentopfsequenz
ist völlig »unpassend«. Der Film weckt die größten
Emotionen, die sich zunächst gegen den Film selbst richten. Der Zuschauer
wird in die Rolle des Punk genötigt, der auf die Bühne/Leinwand klettert,
um die von den Contortions/von Praunheim provozierten Aggressionen herauszulassen.
Ob die Entrüstung über den Film auch zu einer Entrüstung über
unsere Kultur führt, die Tod und Sterben unterdrückt, ist eine zweite
Frage.
DAS TODESMAGAZIN läßt
keine Vermittlung zu und kein Ausweichen in rettende ästhetische oder thematische
Refugien. Das Prinzip, den Film mit den konventionellen und klischeehaften Formen
des Fernsehfeatures zu machen, wird effektiv, und zwar dadurch, daß die
formalen Mittel bis an ihre Grenzen getrieben werden - und darüber hinaus.
Das Klischee des Statements führt zur ungebremsten Selbstinszenierung der
Befragten (Praunheim unterläßt Gegenfragen und - die sich anbietenden
- Einwürfe). Da das Bild nicht durch Schnitte und Montage aufgebaut wird,
muß sich der Zuschauer selbst in den Bild-Räumen zurechtfinden; der Zoom
bringt ihn unsynthetisch an das heran, was im Abendland als geschmacklos erscheinen
muß. Das entsetzliche und grauenhafte Archivmaterial des ZDF wird nicht
- wie üblich - Gegenstand der Argumentation und Information. Praunheim
arbeitet mit dem Material nicht, sondern paßt sich ihm an und bringt damit
das wahre Grauen und Entsetzen zum Vorschein. Und die Contortions-Musik erst
öffnet das Material den - sonst unterdrückten - Gefühlen für
das, was sterben heißt. Das »Material«, mit dem normalerweise
umgegangen wird, verwandelt sich in Praunheims Film und wird etwas, das mit
einem umgeht: den Zuschauer ergreift.
Ähnlich gut funktioniert
der Einsatz des Klischees in der Manilasequenz. Der Kitsch des philippinischen
Friedhofs, Sonnenaufgangsraffer und Beethovenviolonkonzert ergreifen den Zuschauer
zentral. Denn die Kamera, die den roten pants des Philippinoboys nachguckt,
teilt offensichtlich keine Informationen mit, mit deren Entgegennahme man sich
begnügen könnte. Erst die Trivialität der Friedhofsszene übertritt,
massiv, die Grenzen, die hier im Beethovenlande um Tod und Sterben gezogen sind.
Praunheim macht als unverschämter Reporter und fröhlicher Spesenritter
seine Privatheit publik indezent). Die öffentliche Ausstellung zeigt das
emotionelle und kulturelle Defizit der abendländischen Wertordnung, die
für die Begegnung mit dem Tod nichts weiter als ein paar strenge Vorschriften
parat hat. - Formal ist Praunheims Film (durch Extremisierung der Feature-Formen)
geglückt.
Der Tod ist für Praunheim
kein Thema, sondern, wie er behauptet, ein lebenslanger Begleiter. »Mit
19 feierte ich meine erste Beerdigung. Ich malte zur Feier viele abstrakte schwarze
Bilder, bahrte mich auf dem Eßtisch auf und ließ alle meine Freunde
kommen. Es endete in einer Orgie. Ich bekam die Kündigung. Auf der Hochschule
der Künste in Berlin malte ich vornehmlich ermordete Könige und Königinnen.
Ich ließ sie auf viele Weisen sterben, und immer war ich es, der da starb.
Mit dem Künstlerehepaar Mikesch fotografierten wir >Todesarten<,
Anfang der 60er Jahre. Ich hackte dem Poet Cäsar den Kopf durch. Im Keller
meines Künstlerateliers plante ich, Polizisten einzugipsen und sie später
als Plastiken auszustellen.« 1977 wurde ihm in den USA gewahrsagt, daß er noch fünf
Jahre ungeheuren Erfolg haben und dann tödlich erkranken werde. Praunheim
glaubte daran. Als ich ihn nach Abblauf dieser Frist während der Produktion
dieses Bandes aufsuchte, lebte er noch. Er malte zwei sehr schöne Leinwandbilder,
die ein Beil tief in meinem Schädel zeigen; nicht um mich leiden zu lassen,
sondern um mich zu öffnen (Interpretation Praunheim).
Der ZDF-Auftrag beendete die Pause
von fünf Jahren, die der Skandal um AXEL VON AUERSPERG erzwungen hatte.
Praunheim hatte mit Fernsehprofis zu tun. »Im Fernseharchiv, wo ich nach
Nachrichtenmaterial suchte, beteuerte mir der Archivar schon am Telefon: >Wir
haben großartige Erschießungen aus Vietnam, tolle Erhängungen
aus Kambodia und so weiter< ... Am Schneidetisch sortierten wir naserümpfend
die unscharfen Erschießungen, Autounfälle, Massaker, Hungersnöte
aus und waren begeistert und zufrieden, wenn wir satte Farben vor uns hatten.«
Die Institution Fernsehen zeigte sich durch die professionelle Archivarbeit
verletzt. Programmdirektor Stolte setzte den Film eine Woche vor dem Sendetermin
ab. Offizielle Begründung: »Der Autor bedient sich in seiner subjektiven
Darstellung zum Thema Tod über weite Strecken dokumentarischer Aufnahmen
von Tötungsvorgängen und Leichen, die ungenügend vorbereitete
Zuschauer als Schock empfinden müssen.« Offengelassen war, ob
der Film oder Teile daraus nach entsprechender Vorbereitung des Publikums gesendet
werden könnten. Aber nun änderten sich die Zeiten. Praunheim bekam
zu hören: »Also jetzt gehts überhaupt nicht. Es ist alles viel
konservativer geworden.«
Für Praunheim war auch dieser
Film Mittel gewesen, das öffentliche Bewußtsein (und damit auch das
System) zu verändern. »Mir ging es mehr um die Diskussionen, die
der Film auslöst, als um die Qualität des Films.«
Die erste Diskussion mit dem Publikum fand am 26. Februar 1980 nach der Uraufführung
des Films während der berliner Filmfestspiele im Broadway-Kino statt. Praunheim
erklärte dort, daß der Tod »ein ungeheurer Orgasmus«
sein könne und die abendländische Erziehung zum Trauern und Leiden
»im Grunde wahnsinnig pervers« sei. Mindestens bei einem Zuschauer
erreichte das Mittel TODESMAGAZIN seinen Zweck. Dieser Zuschauer sagte: »In
unser westliches System, das erwerbswirtschaftlich, kapitalistisch ausgerichtet
ist, paßt der Tod nicht hinein, weil wir rein materiell orientiert sind
und rein diesseitig. Sobald man das relativieren würde, würde unser
System zusammenbrechen.«
Neben dem Film setzte Praunheim
weitere Mittel zur speziellen Systemveränderung, gar zum Systemzusammenbruch
ein. Er veröffentlichte das Buch Gibt es Sex nach dem Tode? und rief zu einem Wettbewerb auf: »Wer macht den schönsten
Film über den Tod? Erster Preis: eine Nacht mit mir.« Eine Zuschrift,
die gleichermaßen Hilferuf wie Treatment ist, hat er abgedruckt: »Am
chaotischsten wird das Ende des Films, wo ich mir einen Revolver an die Schläfe
setze und sterbe. Du konntest ja nicht wissen, daß ich meinen eigenen
scharfen mitbrachte. Nicht wahr. - Bitte habe den Mut dazu und antworte mir
schnell: bis Heilig Abend lebe ich nur noch, und andere probieren sich schon
zu Lebzeiten ein Denkmal setzen zu
lassen; mir reicht der Film und du würdest
auch daran profitieren. PS. Entschuldige meine Handschrift, aber ich habe zu
viel speed im Körper und zittere zu sehr.«
War das der Profit, den DAS TODESMAGAZIN
bringen sollte? Selbst die Tageszeitung wußte nicht, was sie »über die Kommerzialität
von Rosas Filmen« denken sollte; Praunheim gehöre »wohl auch
mehr zu den Subkultur- als zu den Politschwulen«. Karsten Witte hatte
stilistische Einwände
! »nicht morbide genug, um sich des Schreckens,
der vom Thema ausgeht, inne zu werden«. Der
Tagesspiegel brachte >einiges Wohlwollen«
auf, das sich der Regisseur freilich durch die Blumentopf-Sequenz verderbe,
auch sei die Punkmusik zu den heute-News zu beanstanden. Eben diese Sequenzen
bewogen dagegen Thomas Petz zur Feststellung, daß darin »eine bewußte
Radikalisierung des Themas« zu sehen sei und daß dies auf ein »außergewöhnliches
moralisches Bewußtsein« schließen lasse: »Das abweisende
Verhalten unserer Gesellschaft zu solchen Künstlern zeigt aber auch, daß
man die Künstler immer dann am meisten mißachtet wenn man sie am
nötigsten hat.«(SZ,
2. November 1979) Über diese Kritik empörte sich die Stuttgarter
Zeitung, die den Film »amoralisch«
fand und Praunheim »Leichenfledderei« und »ordinäre,
schocksüchtige Vermarktungsgesinnung« vorwarf.(Stuttgarter
Zeitung, 10. November 1979) Die
Zeit faßte später die zwiespältige
Rezeption zusammen: »Rosa, das rote Tuch«.(17.Juli, 1981)
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen in: Rosa von Praunheim; Band 30 der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien 1984, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags
DAS TODESMAGAZIN ODER: WIE WERDE ICH EIN BLUMENTOPF?
BRD 1979
Regie, Drehbuch, Kommentar, Interviews: Rosa von Praunheim. -
Mitarbeit: Michael Oblowitz, Mike Shephard. - Kamera: Michael Oblowitz, Boy
Inigies, Rosa von Praunheim, Bernhard Stampfer, Lloyd Williams. - Schnitt, Ton:
Rosa von Praunheim, Mike Shephard. - Technische Assistenz: David Werner, David
Goldberg. - Musik: Bill Helleman, James Chance and the Contortions, Pierre Henri,
»Auf gläubige Seelen« (Kirchenlied), Mexikanische Volksmusik,
Violinkonzert von Ludwig van Beethoven. - Songs: »Design to Kill«,
»Disposable You«, »Throw Me Away«, gespielt von James
Chance and the Contortions. - Darsteller: Al Goldstein, Helen Adam, Anja Philipps,
James Chance and the Contortions, Lehrer und Schüler der John Dewey High
School (New York), Jean-Pierre LaHary, Patienten und Schwestern des Riverside
Hospital, Peggy von Schnottgenberg (i. e. Frank Ripploh), Rosa von Praunheim.
- Produzent: Rosa von Praunheim im Auftrag des ZDF. -Redaktion: Maya Faber-Jansen.
- Drehort: New York, Kairo, Manila, Mexico, Stuttgart-Stammheim, Berlin. - Produktionskosten:
ca. 80 000 DM. - Format: 16 mm, Farbe (Eastmancolor); Archivaufnahmen z. T.
sw. – Originallänge: 76 min. - Uraufführung: August 1979, Festival
Locarno. - Deutsche Erstaufführung: 18.9. 1979,
Hamburger Filmfest. - New Yorker Premiere: 28.12. 1979, Performing Garage Soho, New York. - Verleih: Filmwelt (16
mm).
Der Film sollte am 9.8.1979 vom ZDF gesendet werden. Die Ausstrahlung
wurde kurzfristig abgesetzt. - Die verwendeten Archivaufnahmen sind gesendete
Reportagen der ZDF-heute-Redaktion zu Ereignissen in Kambodscha, Vietnam und
Afrika. - Unterstützung für den Film wurde gewährt von Dr. Jericho
und dem Institut für Thanatologie, New York; gezeigt wird ein Ausschnitt
aus dem Dokumentarfilm Dead Man.
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