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Todesmelodie
Sergio Leones letzter Western: James Coburn und Rod Steiger in den
Wirren der mexikanischen Revolution.
Inhalt
Mexiko, 1913: Juan Miranda (Rod Steiger ), mexikanischer Bandit, formt
mit seinen sechs Söhnen einen Bande, deren Traum es ist, die Bank von
Mesa Verde auszurauben. Als sie bei einem Überfall den irischen
Sprengstoffexperten Sean Mallory (James Coburn ) kennenlernen, scheint
sich die Chance für einen erfolgreichen Coup zu bieten. Nach mühseliger
Überzeugungsarbeit erklärt sich Sean zur Zusammenarbeit bereit. Gemeinsam mit Dr. Villega (Romulo Valli ),
einem Bannerträger von Pancho Villas Revolution, wird die Attacke von
Mesa Verde durch Guerilla-Truppen geplant. Als Juan und Sean jedoch dabei
den Weg in die Bank freisprengen, müssen sie feststellen, daß hier
anstelle von Geld nur politische Gefangene zu finden sind. Unfreiwillig
zu Helden der Revolution geworden, beteiligen sie sich am Kampf um die
Freiheit.
Kritik
"Die Revolution ist kein Festessen, kein literarisches Fest, keine
Stickerei. Die Revolution ist ein Akt der Gewalt." Zuerst ein Mao-Zitat,
dann brunzt Rod Steiger erstmal gemütlich auf die Breitwand. Bei all
der Extravaganz seines sonstigen Schaffens - Todesmelodie ist Sergio
Leones zwiespältigster Film. Hier treffen zotige Komödie und
Revolutionsepos aufeinander, die übermächtige Erinnerung an die
Vergangenheit, politische Empörung und schmierige Gaunerkomödie. Giu la
testa ist der Satz, den James Coburn lakonisch jedesmal Rod Steiger
entgegenwirft, bevor eine seiner Sprengfallen eine Explosion in den
Himmel schreibt, zu deutsch: "Duck dich, du Trottel" (in der
Synchronisation geht das leider verloren: Der Satz wird jedesmal anders -
und falsch - übersetzt). Und ähnlich unernst scheint dieser Film zunächst
selbst vorzugehen.
Am Anfang steht ein hochkomischer Überfall: Rod Steiger, zerlumpt in
einer Kutsche voller Reichen, muß sich minutenlang ihre abfälligen
Bemerkungen gefallen lassen, bevor seine Familie zum Überfall ansetzt (in
einer großartigen Komposition öffnet sich hinter Steiger ein Fenster und
zwei Gewehrläufe umrahmen sein Gesicht, während er die Augen zukneift).
Schon hier ist klar: Wie in vielen Italowestern geht es um soziale
Ungerechtigkeit; und wie in vielen Italowestern scheint Leone dabei den
Ton eines Satyrspiels anzuschlagen. Rod Steigers nicht ganz heller, sich
immer wieder in langen obszönen Wortschwällen freiredender Bandit ist
eine komische Figur sondergleichen (und unter all den in Schweißbächen
begrabenen Gesichtern Leones ist seine Großaufnahme auch logischerweise
die schmierigste). Wenn seine furiose Mischung aus Satzkaskade und
unwiderstehlicher Langsamkeit beim komischen Timing dann auf die
entspannte Skepsis James Coburns trifft, hat der Film auch schon
scheinbar seinen Tonfall gefunden.
Doch das führt in die Irre: Die Charaktere mögen anfänglich scheinen wie
Clint Eastwood und Eli Wallach in Zwei glorreiche Halunken (das
schlaue und das redselige Schlitzohr) - und Leone setzt sogar noch eins
drauf als Steiger endlich aufgeht, wozu Coburn mit seinem Sprengwerkzeug
fähig ist: Plötzlich erscheint über ihm das Schild "Banco National di
Mesa Verde" - ein unglaublicher Stummfilmwitz, doch mit zunehmendem
Forgang wird Todesmelodie immer düsterer.
Wie immer führt Morricones kongeniale Musik als Wegweiser durch den
Film: Scheint das Hauptthema des Films zuerst ein rhythmisch-entspanntes
Stück (dessen Pfeifen nicht zu unrecht an Cheyennes Lied in Spiel mir das
Lied vom Tod erinnert), so wandelt es sich mit zunehmenden Fortgang
der Handlung in eine tragische Hymne mit den von Morricone so geschätzten
sich erhebenden Chören. Todesmelodie erzählt vom Scheitern der
Revolution: Komisch mag es noch sein, wie die Helden hineingelangen, doch
dann nimmt die Tragödie überhand. Sean und Juan (die Ähnlichkeit der
Namen ist kein Zufall, wie auch die Musik noch extra unterstreicht)
tragen beide ihre Verzweiflung mit sich: Sean von Anfang an - er hat
schon einmal in Irland an einer gescheiterten Revolution teilgenommen und
sich in Resignation zurückgezogen, Juan spätestens, als er im Kampf seine
Familie verliert.
Das Komische wird ab der Mitte des Films zunehmend aus dem Blickwinkel
gedrängt. Von Verrat und Angst erzählt Todesmelodie und nichts verkörpert
diese melancholische Stimmung so sehr wie die in plötzlichen Raum- und
Zeitsprüngen eingearbeiteten Rückblenden aus Seans Vergangenheit. Ohne
Dialoge, nur zu Morricones schwelgerischer Musik choreographiert ersteht
hier eine verlorene Welt der Hoffnungen nochmal. In seinen epischen
Zerdehnungen und detailliert gestalteten Details weist dieses Verfahren
schon auf Leones nächsten Film voraus: In Es war einmal in Amerika
bestimmt nur noch die Erinnerung die Handlung, in seiner verzweifelten
Kreisbahn rund um Freundschaft und Verrat wird die Zeit zum eigentlichen
Hauptdarsteller.
So weit ist Todesmelodie noch nicht, und das verleiht ihm seinen
zerrissenen Charakter: Hier trifft der sardonische Witz der
Dollar-Trilogie auf die Melancholie von Leones Spätwerk und über allem
schwebt der Geist der gerechten Empörung. Leone selbst hat explizite
Parallelen zwischen der mexikanischen Revolution und dem italienischen
Widerstand gegen Mussolini gezogen - gegen den unvermeidlichen Verlust
der Ideale helfe nur wahre Freundschaft. "Politik zerstört Freundschaft",
so der Regisseur. Mit Todesmelodie schreibt er dieser Aussage ein
zweieinhalbstündiges Requiem.
Vielen gilt Todesmelodie als mißlungen - zu groß sei die Diskrepanz
zwischen der Komik und dem Schrecken (in der zweiten Hälfte gibt es etwa
minutenlange Kamerafahrten über Massenerschießungen zu sehen). Doch
gerade dieser tief gespaltene Grundton läßt Giu la testa einzigartig
dastehen in Leones Schaffen. Peter Bogdanovich war ursprünglich als
Regisseur für den Film vorgesehen - als der absagte, sprang Leone selbst
ein. Das Resultat trägt dann durch und durch seinen Stempel: Die
Breitwandkompositionen, typisch eigenwillig rhythmisierten Schnitte und
langgezogenen Kamerabewegungen, selbst die Subtilität von James Coburns
Darstellung (der in den Rückblenden vielleicht zum einzigen Mal in seiner
Karriere frei von der ironischen Skepsis ist, die sonst so
charakteristisch für die Coolness seiner Darstellungen war) zeigen Leones
Handschrift. Und mit der letzten Konsequenz verbleibt er oft minutenlang
auf Explosionsbildern: Nachdem er in seinen Vorgängern die Schüsse des
Westerns völlig überhöht hatte, ist dies das letzte Monument der
Verzweiflung. Am Ende zeichnet diesen Film eine überwältigende
Traurigkeit: In Großaufnahme blickt der zurückgebliebene Steiger in
dunkler Nacht in die Kamera. "Und ich?"
Christoph Huber, 20.06.2000
Dieser Text ist zuerst erschienen bei:
Todesmelodie
Giu la testa\Duck, you sucker\A Fistfull of Dynamite
Spanien/Italien 1972
Regie: Sergio Leone
Mit: James Coburn, Rod Steiger, Romulo Valli
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