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Tod in Venedig
Von
der Ästhetik des Untergangs
"Wer
die Schönheit angeschaut mit Augen,
ist
dem Tode schon anheim gegeben."
aus
dem "Tristan" von
August
von Platen (1796-1835)
Ist Schönheit nur eine Idee
oder ist sie dem Reich der Sinne entsprungen? Ist man im Angesicht des Schönen
dem Tode nahe oder dem Leben endlich anheim gegeben? Schopenhauer sah in der
Kunst die wahre Möglichkeit, dass der Mensch über sich selbst hinaus
wachse, seinen Egoismus ablege und am "wahren Leben" teilhabe. Doch
zugleich sah er in der ästhetischen Wahrnehmung bloß eine Möglichkeit,
kurzfristig dem Schmerz des Lebens zu entrücken. Diese negative Sicht des
Lebens ist sicherlich der Epoche geschuldet, einer Epoche des unaufhörlichen
Aufstiegs der "Reiche" im Zeitalter des Imperialismus und des damit
verbundenen unaufhörlichen Abstiegs des Individuums zu einer bloßen
Funktion ideologisch konstruierter Kollektive. Thomas Manns Bruder Heinrich
lieferte in seinem Roman "Der Untertan" genau davon ein erschütterndes
und zugleich fesselndes Beispiel. Die "Flucht in die Kunst", die Ästhetik,
die "Schönheit schlechthin" ist eine mögliche Variante der
Reaktion auf diesen Zeitgeist und seine Deformationen des Individuums wie der
Gesellschaft.
Auch wenn Luchino Viscontis filmische
Adaption des 1913 veröffentlichten Romans Thomas Manns - der Höhepunkt
der sog. Dekadenz-Literatur im Schaffen Manns, dem neben Fontane wohl größten
deutschsprachigen Erzähler - in einigen wesentlichen Punkten von der Intention
Manns abweicht, ist der entscheidende Unterschied zwischen Roman und Film doch
eher der zeitliche. Während der Roman dem Zeitgeist einer untergehenden
bürgerlichen Epoche und zugleich eines Wiederaufbäumens dieser Klasse
unter anderen Vorzeichen bis hin zum Nationalsozialismus geschuldet ist, inszeniert
Visconti seinen Film 1971, und man kann kaum glauben, dass der Film keinen Bezug
zu wiederum dieser Epoche haben sollte.
In "Tod in Venedig"
setzen Mann wie Visconti deutliche äußere Zeichen des Verfalls, der
Dekadenz und des Todes - sei es in dem lachenden alten Geck bei der Ankunft
der Hauptfigur des Stückes, dem Musiker und Komponisten Gustav von Aschenbach
(dem Komponisten Gustav Mahler nachempfunden), sei es in dem merkwürdigen
Gondoliere, der vor der Polizei flüchtet, sei es in dem polnischen Jüngling
Tadzio, der für Aschenbach zur "Schönheit schlechthin" wird,
sei es in der Cholera in Venedig, den Feuern, die an jeder Ecke brennen, dem
zahnlosen Musiker, den Aschenbach anspricht und der ihn verhöhnt usw. Die
Kunst wird zum blassen Schimmer, die Ästhetik zur hilflosen Krücke
einer untergehenden Epoche - untermalt mit der Musik Gustav Mahlers, die dem
Film neben dem Interieur, den Kostümen und der dekadenten Schönheit
Venedigs die stimmige Atmosphäre verleiht.
Gustav von Aschenbach (Dirk Bogarde)
erreicht auf einem Schiff die Lagunenstadt, die sich ihm am Horizont offenbart,
eine Stadt, die selbst ein permanenter Ausdruck des Verfalls ist, eine Ikone
des Dekadenten, das sich jedoch aufrecht hält, nicht ganz dem Untergang
geweiht ist. Aschenbach soll sich auf Anraten der Ärzte hier erholen. In
Rückblenden lässt Visconti Teile des Lebens Aschenbachs an uns und
ihm vorüberziehen. Unser Blick wird zunehmend im Laufe des Films zum Blick
Aschenbachs, eines alternden Musikers, Komponisten und Dirigenten (bei Mann
ist er Schriftsteller). Er quartiert sich ein im Hôtel de Bains am Lido,
blickt auf den Strand, die Strandkörbe, das Meer. Mit Mantel, gelbem Schal
und Hut erreicht er seine Suite, geht hinab in die Hallen des Hotels, setzt
sich und beobachtet das Treiben der anderen Gäste. Man redet, lacht, es
spielt Musik. Doch Aschenbachs Beobachtungen sind keine der Neugier, des Interesses
oder der sonstigen Teilnahme. Aschenbach ist einer Art Melancholie verfallen,
einer tiefen Traurigkeit. Und in einer der Rückblenden wird die Ursache
dieser Melancholie deutlich. In einem Streit mit seinem Freund Alfred (Mark
Burns) heißt es:
Alfried:
"Schönheit, Du meinst deine
subjektive
Vorstellung von Schönheit,
die
im Geiste lebt?"
Aschenbach:
"Aber damit bestreitest
Du
doch die Schaffenskraft des Künstlers
aus
dem Geiste."
Alfried:
"Ja, Gustav, genau das bestreite ich."
Aschenbach:
"Dann müsste nach Deiner
Auffassung
unsere Arbeit als..."
Alfried:
"Arbeit sagst Du? Glaubst Du
wirklich
an Schönheit als Ergebnis
von
Arbeit?" [...]
Alfried:
"So wird Schönheit geboren,
nur
so, spontan, ungeachtet deiner
Anstrengungen
und meiner. Sie
existiert
aus sich selbst, unabhängig
von
unserer Imagination als Künstler."
Doch für Aschenbach ist dies
alles unwahr. Er steht vor den Scherben seines Lebens, einer zuletzt erfolglosen
Arbeit als Dirigent seiner eigenen Werke, dem Tod seiner kleinen Tochter. Nichts
scheint ihm geblieben, der in seiner Arbeit das Schöne schaffen wollte.
Und dann - ja dann sieht er diesen
Knaben, mit seinem fast mädchenhaften Gesicht, Tadzio (Bjørn Andresen),
einen polnischen Jungen, der mit seiner Mutter (Silvano Mangano), seinen Schwestern
und einer Gouvernante (Nora Ricci) im Hotel weilt. Und ab diesem Zeitpunkt gilt
Aschenbachs Blick nur noch dieser Fleisch gewordenen Schönheit Tadzios.
In ihm sieht er das Ästhetische an sich, die Schönheit per se, ohne
sie je greifen zu können, außer in der Phantasie. Nicht nur dies.
Der Jüngling antwortet Aschenbach mit seinen Blicken. Das Homoerotische
(bei Mann reagiert Tadzio nicht auf Aschenbachs Blicke) in dieser wortlosen,
ja "beziehungslosen" Beziehung liegt allein in diesen gegenseitigen
Blicken.
Aber es wäre weit gefehlt
zu meinen, Aschenbach sei plötzlich homosexuell geworden. Die Aufhebung
der Defizite in seinem Leben auf das vermeintlich absolut Schöne in Tadzio
ist eine doppelte: Sie ist nicht verursacht durch die Schopenhauersche Sinnlichkeit
des Schönen, oder die Alfreds. Sie ist der Versuch, das Vergangene, das
Vergängliche aufzuhalten. Aschenbach spiegelt sich in dem Jüngling,
versucht "aufzuholen", was ihm nicht gegönnt war. Zum zweiten
manifestiert sich das Schöne nicht in einer Frau - weder in Aschenbachs
schöner und begehrenswerter Frau (Marisa Berenson), noch in der schönen
Prostituierten Esmeralda (Carole André), die er früher ab und an
besuchte (auch dies wird in einer Rückblende gezeigt), sondern in einem
jungen Mann, einem Fast-noch-Kind. Damit erklärt sich das Homoerotische
aus einer doppelten Entfremdung: Der Aschenbachs vom Sinnlichen (z.B. den Frauen
in seinem Leben) und der von seinem eigenen Alter.
Am Strand, im Fahrstuhl, im Speisesaal,
in den Gassen Venedigs - überall hin folgt Aschenbach dem Jungen. Das Glücksgefühl
dieses kontemplativen Blicks, dem wir im Laufe des Films mit eigenen Augen immer
deutlicher folgen müssen, weil Visconti uns dazu zwingt, paart sich jedoch mit
der Qual, dem Leiden. Das Ästhetische, das "reine Schöne",
das "Schöne schlechthin", was sich für Aschenbach in Tadzio
verkörpert, bleibt etwas Unerreichbares, etwas, dem sich sein ganzes Inneres
nur unterwerfen kann, ohne es jemals in sich fassen zu können. Selbst eine
geplante Flucht Aschenbachs aus Venedig scheitert, weil sein Koffer versehentlich
in einen falschen Zug gebracht worden war. Und genau hier schon scheint es,
als ob unsichtbare Kräfte Aschenbach zwingen wollen, in Venedig zu bleiben,
während sein eigenes Inneres ihn selbst dazu zu zwingen scheint. Er kehrt
zurück.
Und je mehr er sich der Kontemplation
des Schönen hingibt, desto deutlicher werden die Zeichen des Verfalls.
Während in Venedig, in dem die Menschen vom Scirocco, einem heißen
Wind, der durch die Feuchtigkeit eine unerträgliche Schwüle erzeugt,
geplagt werden, und während sich die Anzeichen mehren, dass sich Cholera
in der Stadt breit macht, verfällt auch Aschenbach zusehends körperlich.
Wie eine Karikatur seiner selbst sieht er aus, als er sich von einem Barbier
(Franco Fabrizi) die Haar schwärzen, das Gesicht weißen und die Lippen
rot anmalen lässt. Immer gleicher wird er dem zahnlosen Musiker, der auf
einem Fest im Hotel gespielt hatte, und dem Greis zu Anfang des Films auf dem
Schiff. Er nimmt nicht einmal wahr, dass die Touristen zusehends die Stadt verlassen.
Aschenbach wankt durch die Stadt,
kann sich kaum noch auf den Beinen halten, kehrt in das Hotel zurück, in
dem sich auch die polnische Familie von Tadzio zur Abreise fertig macht. Der
Tod steht ihm bereits im Gesicht. Ein letztes Mal sieht er den Jungen, der im
Wasser steht und auf das Meer blickt. Aschenbach, kaum noch in der Lage zu gehen,
sitzt da in seinem Liegestuhl, die schwarze Farbe läuft ihm von den Haaren
ins Gesicht. Er greift verzweifelt und ohnmächtig nach Tadzio - und ohne
wirklichen Kampf gegen den Tod stirbt er. Er sackt in sich zusammen, nicht nur
müde des Lebens, sondern nicht wissend, was das Leben denn nun eigentlich
war. Nur diese Idee der Schönheit ist ihm geblieben - unnahbar und unerreichbar.
An einer Stelle kommt die Quintessenz
dieser Geschichte deutlich zum Ausdruck. Zu Alfred sagt Aschenbach:
"Ich
entsinne mich, dass wir so ein
Stundenglas
auch in meinem Elternhaus
hatten.
Die Verengung, durch die der
[...]
Sand rinnt, ist so haardünn, dass
es
zuerst scheint, als ob der Sand im
oberen
Hohlraum gar nicht abnehme.
Nur
ganz zuletzt scheint es schnell zu
gehen
und schnell gegangen zu sein,
nahe
dem Ende zu. Aber das ist so
lange
hin, dass es des daran Denkens
nicht
wert ist. Und im letzten Augenblick
ist
keine Zeit mehr, da bleibt uns keine
Zeit
mehr zum Nachdenken."
(Aschenbach
zu Alfred)
Visconti setzt hiermit einen deutlichen
Akzent. Man könnte auch sagen: Die Weigerung oder Unfähigkeit, die
eigene Vergänglichkeit "frühzeitig" in das eigene Denken
und Fühlen aufzunehmen, führt zu der Situation im Stundenglas, wenn
der letzte Sand keine Zeit mehr lässt, das Versäumte nachzuholen.
In dieser Situation befindet sich Aschenbach, der von Dirk Bogarde in exzellenter
Weise gespielt wird. Er verlagert - zu spät, weil kurz vor seinem Tod -
die Einbeziehung seiner eigenen Vergänglichkeit in die "reine"
Kontemplation, repräsentiert durch das Bild des Jünglings, nicht durch
Tadzio selbst, den Aschenbach und wir ja im Grunde gar nicht kennen. Aschenbach
spiegelt sich in Tadzio, das heißt in dieser "reinen Schönheit"
sieht er - unbewusst - das eigene Versäumnis, weil er sein Alter und seine
Vergänglichkeit nicht wirklich verstehen kann - auch wenn er im Grunde
vor dem Tod kapituliert. Und es ist diese Kapitulation vor dem Tod, die wie
nichts anderes das Versäumnis verdeutlicht.
Während Alfred darauf beharrte,
dass Schönheit etwas Sinnliches ist und Schopenhauer im Ästhetischen
nur eine kurze "Flucht" vor dem schmerzlichen Willen zum Leben sah,
betrachtete Aschenbach nur in seiner Arbeit die Quelle alles Ästhetischen
- ein fataler Irrglaube, an dem er scheiterte. Hier - in dieser Konstellation
- kommt aber auch Viscontis überaus pessimistische Sicht bezüglich
der Zeit, in der der Film entstand, zum Ausdruck.
Die Vergänglichkeit und damit
die Zeit - nicht mit Zeit im Sinne von Uhrzeit zu verwechseln - sind für
Visconti nicht in das "moderne" Denken einbezogen - im Gegenteil.
Dieses Denken scheint zeitlos, scheinbar vom Tod abgekoppelt. Der Künstler,
und damit auch Visconti selbst (der bei der Aufführung seines Films "Rocco
und sein Brüder"
ebenso ausgepfiffen wurde wie Aschenbach nach einem seiner Konzerte), steht
dieser Situation in einem zugleich erhabenen wie fatalistischen Sinn gegenüber.
Visconti "weiß" aber - was fast alle seine Filme nach der neorealistischen
Phase auszeichnet - vom Untergang der Epochen, ja er "sieht" ständig
dieses Verfallende, weil er "zeitlich" denkt und empfindet. Visconti
"denkt" diesen Widerspruch in seinen "Helden", die allesamt
wissen oder zumindest ahnen, dass sie ihrer Zeit längst entwachsen sind,
weil ihre Epoche selbst zu verfallen droht. In "Morte a Venezia" schaut
Aschenbach auf das, was um ihn herum passiert, wie auf ein Gemälde, in
dem sich die Personen zwar bewegen, aber dennoch für ihn in einer prachtvollen,
farbenfrohen Statik verharren. Die Zeit scheint nur auf ihn zu wirken. Und diese
Zeit ist letztlich der eigene Tod.
Aus diesem Widerspruch zwischen
Denken und Empfinden als Ausdruck des Werdens und Vergehens (Aschenbach, Visconti)
und dem Sein als etwas Starrem entsteht eine eigentümliche Kombination
aus Untergang und Übergang. Auch wenn Viscontis Aschenbach am Ende willenlos
stirbt, so doch "nur", weil ihm bewusst geworden ist, dass er dem
Verfall "da draußen" und dem eigenen Verfall nicht entgehen
kann. Den Übergang kann Aschenbach nur in dem Jüngling Tadzio wahrnehmen,
aber eben in der eingeschränkten Weise einer Art vergötterten, absoluten
Schönheit. Er kann das Vergangene nicht festhalten und der Übergang
zu einer nächsten Epoche ist ihm versperrt. Der Tod erscheint als einzige
Möglichkeit, sich diesem inneren Konflikt zu entziehen - der Übergang
ist nur möglich für ihn als Übergang ins Jenseits.
Während der alte Fürst
in Viscontis "Der Leopard" um den nicht zu verhindernden Verfall der
alten süditalienischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert weiß und erhobenen
Hauptes den Wandel anerkennt, pragmatisch denkt, "entlässt" Visconti
Aschenbach in den Tod, weil Aschenbach keinen anderen Ausweg für sich erkennen
kann. Und trotzdem hat Visconti für beide, den Fürsten wie den Komponisten,
mehr Sympathie als für alle anderen Figuren seiner Filme.
Natürlich ist Dirk Bogarde
(1921-1999) der manifest gewordene Aschenbach, ein Schauspieler, den man nicht
überschätzen kann.
DVD
Format: Dolby, HiFi Sound, PAL, Special Edition
Sprache:
Deutsch, Englisch, Spanisch
Region:
Region 2
Bildseitenformat:
16:9
FSK:
Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Warner Home Video - DVD
DVD-Erscheinungstermin:
11. Februar 2005
Abgesehen
von der Tatsache, dass der Film für die DVD in ausgezeichneter Qualität
übertragen wurde, enthalten die beiden DVDs einige zwar kurze, aber dennoch
interessante Dokumentationen, u.a. über die Dreharbeiten an einem Tag mit
Bogarde und Visconti, ein Interview mit Nicola Badalucco über die Entstehung
des Drehbuchs, eine Analyse des Films sowie ein Featurette mit dem Kostümbildner,
der über die Arbeit mit Visconti und seine eigene erzählt.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen bei: follow me now
Tod in Venedig
(Morte a Venezia)
Italien, Frankreich 1971, 130 Minuten
Regie: Luchino Visconti
Drehbuch: Luchino Visconti, Nicola Badalucco, nach dem
Roman "Der Tod in Venedig" von Thomas Mann
Musik: Gustav Mahler, Franz Lehár, Modest Mussorgksy,
Ludwig van Beethoven
Kamera: Pasqualino de Santis
Schnitt: Ruggero Mastroianni
Ausstattung: Ferdinando Scarfiotti
Darsteller: Dirk Bogarde (Gustav von Aschenbach), Romolo Valli (Hotelmanager),
Mark Burns (Alfred), Nora Ricci (Gouvernante), Marisa Berenson (Frau von Aschenbach),
Carole André (Esmeralda), Bjørn Andresen (Tadzio), Silvana Mangano (Tadzios Mutter), Leslie French (Angestellter im Reisebüro),
Franco Fabrizi (Barbier)
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