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Tödliche
Versprechen – Eastern Promises
Die Schrift ist
ein Virus
David Cronenberg konfrontiert in seinem Film "Tödliche
Versprechen" Körper, Inschriften und einander sehr ferne Milieus -
das Ergebnis ist eine hoch explosive Mischung.
"Tödliche Versprechen",
David Cronenbergs jüngster Film, erzählt von zwei Familien in London.
Die eine Familie: Eine Mutter, eine Tochter, ein Onkel aus der unteren britischen
Mittelschicht. Und die andere Familie: Ein Vater, ein Sohn, und ein Fahrer,
höchste Kreise der russischen Mafia in London. Sehr unwahrscheinlich ist
es, dass die beiden Familien einander begegnen, und doch geschieht genau das.
Der Zufall nämlich will dies: Ein vierzehnjähriges Mädchen namens
Tatiana (Sarah-Jeanne Labrosse), von Cronenberg wie ein von einem tödlichen
Virus befallenes Wesen gefilmt, gebiert ein Kind und stirbt. Das Kind gelangt
in die Obhut der Hebamme Anna (Naomi Watts), aber neben dem Kind auch ein Tagebuch,
in russischer Sprache abgefasst. Annas Vorfahren stammen aus Russland, es gibt
einen Onkel (gespielt vom Regisseur Jerzy Skolimowski), der aber weigert sich,
aus dem Tagebuch zu übersetzen. Weil Anna die Karte eines Restaurants zwischen
den Seiten findet, begibt sie sich dorthin und trifft auf den scheinbar gütigen
Besitzer Semyon (Armin Müller-Stahl).
Damit aber hat sich die Kontamination
ereignet, die Familien geraten in gesellschaftlichen Kontakt. Wie in einer Experimentalanordnung
beobachtet David Cronenberg diese Konfrontation und ihre Folgen. Denn auch die
vom Körper der jungen Tatiana abgelöste Sprache, die Schrift im Tagebuch,
die Information,die es enthält, agieren wie ein Virus: Sie springen zuletzt
über vom einen ins andere Milieu. Erst scheint es, als könne die Übertragung
nicht gelingen, dann aber passiert sie doch, mit potenziell tödlichen Folgen.
Der Körper, der tot ist, aber ein prekäres Leben und schwer zu entzifferende
Schrift hinterlässt, wird von Cronenberg immer wieder als Voice-Over-Stimme
mit Geigenmusik reanimiert - ein unerwarteter Zug dieses Films, der nicht nur
hier ein Pathos des menschlichen Lebens artikuliert im Unterschied zu vielen
früheren Filmen des Regisseurs, die eher ein Pathos des Post-Humanen auszeichnet.
Auf der einen Seite also der Körper
des Mädchens, der ein Kind und eine Schrift "entbindet" - und
so stirbt und doch als "Virus" weiterlebt. Die virale Schrift des
Tagebuchs ist jedoch nicht die einzige Schrift in dem Film. Auf der anderen
Seite nämlich gibt es die Körper der Russen, die selbst mit eintätowierten
Bilder-Schriften und Hieroglyphen übersät sind. Früh im Film
erleben wir einmal den rabiaten Versuch, die Lesbarkeit eines toten Körpers
zu löschen: Der Fahrer Nikolai (Viggo Mortensen) schnippt mit der Gartenschere
Fingerspitzen von einer aufgetauten Leiche. Und doch bleibt diese Leiche lesbar,
wenngleich nicht ohne Ambivalenzen: die Tätowierungen weisen sie als Mitglied
der russischen Mafia aus, jedes Tattoo hat etwas zu bedeuten, sagt etwas über
Rang und Zugehörigkeit. Und darum taugt auch eine Leiche noch als Medium
mindestens der minimalen Botschaft "nicht mit uns".
Zug um Zug entwickelt der Film
knapp und präzise diese komplexe Konstellation der Körper und Schriften,
der Berührungen und Lektüren, der klaren Schnitte und der unauflösbaren
oder lange nicht aufgelösten Ambivalenzen. Alles kulminiert in der zu Recht
jetzt schon klassischen Szene des Films: einem Hand- und Messer- und Schriftgemenge
in einer russischen Sauna. Wir sehen einen gezeichneten Körper, der in
Narben und Tätowierungen seine Heldengeschichte erzählt und wir erleben
(nicht nur hier), wie sich diese Sorte lesbarer Erfahrung, sichtbarer Geschichte
in einen Körper einträgt.
Auf dem Niveau dieser Komplexitäten,
in einem höchst gefährdeten Schutzraum der Zärtlichkeit, erzählt
der Film dann von den zwei Körpern, die von der ersten Begegnung an zueinander
wollen: vom äußerlich makellosen, weichen Körper der Hebamme
Anne (die in Wahrheit selbst gezeichnet ist, als Mutter, die ein Ungeborenes
verloren hat) und dem mit Bilder-Schrift übersäten, harten Körper
des Fahrers und Mafia-Schergen Nikolai (der trotz seiner Lesbarkeit für
alle Beteiligten ein undurchsichtiges Faszinosum bleibt). Was zwischen diesen
beiden Körpern ohne jede Familienähnlichkeit geht - und was nicht
-, wie sie einander zwischen viraler Kommunikation und tödlichem Schriftverkehr
am Motorrad begegnen, davon handelt im Kern David Cronenbergs Film.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen
bei: www.perlentaucher.de
Zu diesem
Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Tödliche
Versprechen - Eastern Promises
Großbritannien / Kanada 2007 - Originaltitel: Eastern Promises - Regie: David Cronenberg - Darsteller: Viggo Mortensen, Naomi Watts, Vincent Cassel, Armin Mueller-Stahl, Sinéad Cusack, Jerzy Skolimowski - FSK: ab 16 - Länge: 100 min. - Start: 27.12.2007
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