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Totally
F***ed Up
Ja, genauso könnten die 15 Folgen einer schwullesbischen
Musterserie aussehen, und zwar einer guten. Im MTV-Tempo braucht man dafür
knapp 90 Minuten und eben das ist die Länge von Gregg Arakis Teenage-Porträt-Film.
„I am 18 and I am totally fucked up", spricht einer in die Kamera; ein
anderer: „Ist das denn noch eine Probeaufnahme oder was?" - Wir bewegen
uns im ungewissen, aber im wie stets in solchen Fällen gerade deshalb attraktiven
Grenzgebiet zwischen Dokumentar- und Spielfilm. Gewiß, es sind talking heads, die den Film hindurch Statements abgeben; die Darsteller
der jungen Schwulen und Lesben - es sind eher Laien - zeigen jedoch auch dann,
wenn sonst im gefürchteten Betroffenheitsfilm auf Weh und Leid eingestimmt
wird, Spielfreude und eine gewisse Leichtigkeit.
Es funktioniert daher stilistisch ingeniös, wie
die Darsteller in den „15 willkürlichen Fragmenten" des Films übergangslos
ihre Rollen in Minispielfilmen weiterspielen. Zwischentitel wie „Lifestyle",
„Teenagers in Love" oder „The Young and the Hopeless" kommentieren
auf ethnologische Weise die fragmentarischen Handlungsansätze und die lakonischen
Weisheiten der schwul-lesbischen Clique. „Ich will das Leben genießen,
solange ich jung bin, darum geht's doch, oder?" - Der Film zimmert sich
durch die Titel und durch die exemplarische Vorführung des Teenage-Lifestyles
eine Art moralisches Gerüst, das die 15 Fragmente in Frage stellt. Ziemlich
hastig und wie auf der Flucht werden die Handlungsszenen in einem nächtlichen,
menschenleeren, zivilisatorisch verwüsteten Los Angeles abgedreht. Wer
nachts vor einem hell erleuchteten Schaufenster stehenbleibt, allein & einsam,
hat schon verloren. Schon kommen die Schwulenklatscher (Cooper, Peepee Lee und
Marcus Hu) und schlagen unseren Helden zusammen. Aber genau hier und nirgends
anders mußte Arakis Filmproduktion, mit dem sprechenden Namen Desperate
Pictures Ltd., ihre Schauplätze finden. Denn gedreht wurde in diesem Lowlow-Budget-Film
mit Miniteam und ohne Drehgenehmigung genau dort, wo unsere Helden unterwegs
sind. Ecstasy-Party in einem Parkhaus, nächtliche Dauergespräche auf
der Kühlerhaube eines geparkten Wagens, Musik: Coil, Ministry, 16 Volt,
die Kamikaze Dildos spielen im „Asshole". „L.A. hat angeblich alles, was
Schwule mögen" , sagt der 18jährige Deric, „und ich hasse das.
Bette Midler, ich hasse sie. Wieder ein scheißlangweiliger Sonnabend im
schwulen L.A."
Araki zeigt im Rollenspiel von TOTALLY F***ED UP den Lebensstil einer schwul-lesbischen Clique,
wie er bisher im Film noch nicht recht wahrgenommen worden ist. L.A., das schwule
Mekka: ein Klischee mehr. Die Emanzipation, soeben errungen: eine falsche Erfolgsmeldung.
Die Faszination des Cruising: ein mediales Märchen. Safer Sex („Das liegt
in Deiner Hand"): meistens. Hoffnung? Eigentlich nicht. Wie es für
die Teenager wirklich aussieht, nimmt man sie jenseits der Klischees wahr, sagt
einer der Zwischentitel des Films: „Sieht so aus, als ob der liebe Gott verrückt
geworden ist." So hängen sie in der Stadtwüste herum, machen
sich Sorgen über die wachsende Schwulenfeindlichkeit, erzählen sich
von Mom (sie entdeckte die Homohefte unterm Bett) und Dad („Better Dead than
Queer"), unterteilen die Welt in Tunten (Tom Cruise) und Schwulenfeinde
(Mel Gibson), freuen sich, daß Sex nicht mehr so nervt wie in den unsafen
siebziger Jahren, träumen von einem Lesbenbaby, von einem schwulen Date
statt einem quicken Abenteuer, aber der Collegelehrer ist untreu - unserem Helden
gelingt ein unspektakulärer, aber endgültiger Selbstmord. Die Clique
bleibt ratlos, aber zusammen.
Es wird dringend empfohlen, dieses eindrucksvolle Schwarzweißporträt,
gedreht in den Jahren 1991 bis 1993, vor Arakis folgendem Film aus
dem Jahr 1994, THE DOOM GENERATION zu sehen. Der Hauptdarsteller von TOTALLY F***ED UP ist in THE DOOM GENERATION kein Teenie mehr.
Und der bunte Film ist von Desperate Pictures für sage und schreibe eine
Million Dollar gedreht, endend in geradezu glamouröser Hoffnungslosigkeit.
Auch darin kann man sich, wie man sehen wird, völlig zu Hause fühlen,
aber es fehlt, und darum liebe ich TOTALLY F***ED
UP, die Nestwärme der Clique oder, sagen wir es weniger klischeehaft, das
gemeinsame Netz, das, so löcherig es sein mag, vielleicht doch den einen
oder die andere auffängt.
Dietrich
Kuhlbrodt
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in: epd film
11/95
TOTALLY
F***ED UP
USA
1993. R,
B, K, Sch: Gregg Araki. P:
Andrea Sperling, Gregg Araki. M:
Marianne Dissard. T: Alberto Garcia, Laurel Waco. Pg:
Desperate Pictures/Blurco/Muscle & Haie Studios. V:
Lesbisches und Schwules Büro Film e.V., Kopenhagener Str. 14, 10437 Berlin.
L:
85 Min. St. September 1995. D: James Duval (Andy), Roko Belic (Tommy), Susan
Beshid (Michele), Jenee Gill (Patrieia), Gilbert Luna (Steven), Lance May (Deric),
Alan Boye (lan), Craig Gilmore (Brendan), Nicole Dillenberg (Domina).
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