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Touch
the Sound
Dokumentarfilm
über das Hören
Den Klang zu berühren, dazu fordert Thomas Riedelsheimers
neuer Film im Titel auf. Unausgesprochen liegt darin, schließlich sitzen
wir im Kino, eine Einladung, die Kette der paradoxen Sinnesleistungen ins Visuelle
fortzusetzen: Bilder zu hören und Klänge zu sehen. Touch
the Sound beginnt mit ganz alltäglichen
Aufnahmen auf irgendeiner Straße, aber etwas ist anders als sonst. Absätze
auf Asphalt, vorbeifahrende Züge und Autos, das hohle Klopfen eines Geländers
- was wir im Kino die meiste Zeit lediglich als atmosphärische Hintergrundgeräusche
wahrnehmen, drängt sich hier auf einmal ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
Riedelsheimer folgt in seinem Dokumentarfilm der Perkussionistin Evelyn Glennie,
die ihre Umgebung über die Töne, die sie von sich gibt, erforscht.
Glennie scheint Räume und die Welt an sich mehr über das Ohr als das
Auge wahrzunehmen. Manche würden denken, man könnte Stille nicht hören,
sagt sie an einer Stelle, aber Stille sei nicht das Gegenteil von Klang, sondern
eher ein besonders kompakter, schwerer Ton, deutlich zu fühlen. Glennie
weiß genau, wovon sie spricht, denn sie ist taub.
In den Interviewsequenzen berichtet Evelyn Glennie,
wie sie, von Eltern und Umgebung zunächst unbemerkt, zwischen neun und
elf Jahren das Gehör verlor. Dann kam die Diagnose durch einen Arzt, und
auf einmal sei von lauter Dingen die Rede gewesen, die sie ab nun nicht mehr
machen könnte. Musik - Glennie spielte, seit sie sieben Jahre alt war,
Klavier - war natürlich eines davon. Doch ihre Eltern schickten sie gegen
den ärztlichen Rat nicht auf die Sonderschule, und auch am Musikunterricht
nahm sie einfach weiter teil. Sie habe dadurch die Chance bekommen, ihre Behinderung
als Offenbarung zu erleben, nämlich Töne nicht zu hören, sondern
ihre Frequenzen und Resonanzen zu fühlen, und das mit einer Genauigkeit,
die diejenige des Gehörs vieler Menschen übertreffe. Was eingangs
als paradoxe Sinnesleistungen bezeichnet wurde, ist Glennies Credo: Die Einschränkung
oder der Verlust des einen Sinns führe immer dazu, dass ein anderer Sinn
dessen Aufgaben und Befähigung übernehme.
Nach und nach führt der Film den Zuschauer darin
ein, das Ohr zu schulen. Geduldig beobachtet die Kamera Glennie nicht nur dabei,
wie sie mit dem befreundeten Musiker Fred Frith eine CD mit improvisierter Musik
aufnimmt, sondern wie sie überhaupt die Orte, die sie besucht, oft allein
schon durch ihre gezielte Aufmerksamkeit für Töne in wahre Klanginstallationen
verwandelt. Oft nimmt sie sich aus nächster Umgebung willkürliche
Gegenstände, die sie als Perkussionsinstrumente benutzt. Die übliche
Unterscheidung zwischen angenehmen und nervigen Geräuschen hebt sich mit
der Zeit völlig auf. Tatsächlich beginnt man die Stationen dieser
Reise, das Bauernhaus in Schottland, die Fabriketage in Köln, den Bahnhof
in Japan, die verlassene Fabrik, immer weniger nur übers Auge und immer
mehr auch über das Gehör wahrzunehmen. Ein Effekt, dem ein anderes
Paradox zu Grunde liegt, nämlich die visuelle Zurückhaltung des Films.
Riedelsheimer hat der Versuchung widerstanden, die Töne durch schöne
Bilder zu illustrieren. Manche Zuschauer werden nach dem spektakulären
Rivers
and Tides vielleicht enttäuscht
sein, aber man kann die Bescheidenheit auch bewundern, mit der der Regisseur
hier das Visuelle ganz in den Dienst der Erforschung von Klangwelten stellt.
Barbara Schweizerhof
Thomas Riedelsheimer macht in
seinem Dokumentarfilm über eine taube Musikerin Töne, Schwingungen
und Resonanzen sinnlich erfahrbar
und ermöglicht dem Zuschauer einen spannenden Zugang zum Phänomen
des Hörens.
Dieser Text ist zuerst erschienen
in epd film
Touch
the Sound
Deutschland/Großbritannien
2004. R, B, K, Sch: Thomas Riedelsheimer. P: Trevor Davies, Stefan Tolz, Leslie
Hills. M: Evelyn Glennie, Fred Frith. T: Gregor Kuschel, Marc von Stürler.
Pg: Filmquadrat/Skyline/BR. V: Piffl. L: 99 Min. Mit: Evelyn Glennie und anderen.
Die DVD des Films, incl. zusätzliche
Szenen, ist Ende 2005 erschienen bei Good Movies [www.goodmovies.de]
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