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True
Stories
Straight and normal Life in der texanischen Provinzstadt.
Je bescheuerter das ist, was die Spießer umtreibt, desto näher kommen
sie uns. Das Exzentrische käme nicht heraus - ohne den Willen zum Stil.
Und so sind die Kleinbürger die letzte Hoffnung einer Avantgarde, die nach
vielen Kreuz- und Irrfahrten wieder auf frisches warmes Blut aus ist - gleich
hier um die nächste Ecke. „People like us" heißt ein programmatischer
Songtitel in dem ersten Erzählfilm von David Byrne, dem Bandleader, Guitarristen
und Sänger der New Wave-Pop-Musikgruppe mit dem populistischen Avantgarde-Touch:
„Talking Heads".
TRUE STORIES ist erstaunliches, originelles, unterhaltsames,
nie konventionelles Erzählkino. Byrne macht alles anders. Die Komik seiner
Komödie geht nicht auf Kosten anderer. Seine Personen interessieren nicht
aus den höheren Gründen der Filmdramaturgie (Plot, Dialog), sondern
wegen ihrer schieren Gegenwart. Der Zuschauer muß schon bei Null beginnen,
um mit den Filmgestalten etwas anfangen zu können. Das befreit auf ungeahnte
Art von den lästigen Rezeptionszwängen der Action- oder Psychoklischees.
Der Film sagt es nicht, ob die Frau, die den ganzen Tag im Bett liegt und per
TV- oder andere Haushaltsmaschinen mit der Welt verkehrt, auf konsequente und
bewunderungswürdige Art eine Macke auslebt oder schlicht bekloppt ist.
Übrigens gibt die Alternative nichts her, weil Swoosie Kurtz, die Lazy
Woman, ihr Ding macht, was es auch sei, und das so intensiv, daß es völlig
reicht, daß sie es macht, und daß man dabei viel zu lachen hat,
aber gar nicht dazu kommt, sie auszulachen, weil sie es so gekonnt macht, einfach
so im Bett zu liegen, Meisterin ihres Spleens. Denn sie weiß genau, wann
sie, ein einziges Mal, vom Pfühl steigen muß. Sie holt sich den Debütanten
der nächtlichen Talentschau ins Bett, den Typ liebeshungriger Bär
(John Goodman), denn grade übertrug die lokale TV-Station sein wahrhaft
überzeugendes „People Like Us".
Geschichten, die das Leben schrieb, oder die zumindest
im bunten Presseblatt „Weekly World News" gestanden haben. Byrne setzt
in seinem Film ein paar Vermischte Nachrichten dieser Art hintereinander, und
zwar höchstpersönlich, als einnehmender Kommentator im Texas-Outfit,
und bei ihm weiß man erst recht nicht, wo das - liebevolle - Verarschen
anfängt und wo die stille Liebe zu den spießigen Lebens-Künstlern
anfängt.
Jedenfalls hat Byrne liebevoll seine Texasoriginale
aus ihrem geografischen und sozialen Background herausgelöst, d.h. aus
McKinney, 30 Meilen nördlich von Dallas. Selbstredend sind es Schauspieler,
die spielen, und sie spielen gut, gründlich und komisch, und wenn sie dabei
Ideen transportieren, dann sind es die, die sich aus der Konstellation des Vorhandenen
und Arrangierten ergeben. Ähnlich beginnt Robert Wilson, der große
Theater-Künstler dieses Jahrhunderts, seine Inszenierungen: ein Stuhl hierher,
eine Person dort, die Beziehung stellt sich her. - Byrne, der mit Wilson zusammen
die Oper „The Knee Plays" gemacht hatte, hat das Ohr und den Blick dessen,
der nicht Botschaften verkünden, sondern etwas erfahren will: durchs Zuhören,
Zusehen und Mitspielen. In der Anfangs- und Schlußsequenz des Films hüpft
ein spielendes Kind selbstvergessen eine der endlosen Straßen des texanischen
Flachlandes längs: ein nachhaltiges Bild (arrangiert von der newyorker
Performance-Künstlerin M'eredith Monk). Die Mitglieder der Gruppe „Talking
Heads" sind nur Gäste dieses Films. Ihre populären Nummern „Wild,
wild Life" und „Love for Sale" sind in den Film hineingeschnitten
- als Discoszene und als Videoclip. - Anders als in Byrnes Tourneedokument STOP
MAKING SENSE und anders als seine „Talking Heads"-Musik-Videos (heute im
Besitz des newyorker Museum of Modern Art) machen die TRUE STORIES ihre eigene
Musik. Die von den Schauspielern gesungenen Titel (wie der grandiose Song „Papa
Legba" von Roebuck Staples, dem 80jährigen Chef der berühmten
Spiritual-Gruppe) sind auf der TRUE STORIES-LP der „Talking Heads" nicht
im Original, sondern nur in einer second hand-version der Gruppe zu hören.
Die einfache und doch vertrackte, eingängige,
aber niemals simple Film-Musik (zum größten Teil von Byrne) kommt
in ihrer Mischung aus Latin, Country und Honkytonk unserem Ohr recht nah. Statt
der Minimalismen und Repetitionen á la Brian Eno (dem Musik- und Videokünstler,
mit dem Byrne zusammengearbeitet hat) und statt afrikanischer Polyrhythmen verlegt
der „Talking Heads"-Chief sich - neu! - auf den Kult der Alltagsexzentrik:
die Normalos als die neuen Götter oder mindestens Monster, die wissen,
wie man sein Ding durchzieht. Ich weiß nicht, worauf Byrne mit dem neuen
Stil-Lifting der „Talking Heads" hinaus will. Ganz so ernst meint er es
wohl nicht damit, die unbeirrbare Kleinkariertheit zu bewundern, mit der verzweifelte
Kleinbürger im durchaus zutreffenden Gefühl, die Kontrolle über
die Dinge dieser Welt verloren zu haben, im provinziellen Rahmen Sinn stiften,
den Sinn der „Celebration of Specialness" zum Beispiel, dem Fest zum 150.
Jahrestag der Einverleibung Texas' in die USA, zweifellos der Höhepunkt
des Films. Überanpassung im Kleinen, Nichtanpassung im Großen und
in allem, was die Welt bewegt. Hinter der Fest-Fassade lauern Depression und
Flucht wohin auch immer.
Der Maler und Kameramann Ed Lachman hat Bilder für
die ambivalente Bürgerwelt gefunden, die berühren und haften bleiben.
Hier hat einer hingesehen, als ob er zum erstenmal dagewesen wäre. Ein
quasi europäischer Blick. Lachman hat früher für Bertolucci,
Wenders und Herzog gearbeitet. TRUE STORIES, der Film des Schotten Byrne, mutet
wie ein halb europäisches, halb texanisches Produkt an. Gesehen von fern,
genau und deshalb nah und menschlich. Die Geschichten, die das Leben schreibt,
greifen ans Herz.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: epd Film 3/87
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