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Twin Peaks – Der Film
Twin Peaks – Fire Walk With Me
"Und
die Engel würden dir nicht helfen"
"Twin
Peaks", David Lynchs Kinophantasie zur TV-Serie
Um
geschlossene Welten, vom Künstler geschaffen oder neu entdeckt, geht es
David Lynch in allen seinen Filmen, besonders aber in seiner Saga Twin
Peaks.
Wie diese Welten hintereinanderstehen und sich gegenseitig entlarven oder bestätigen
können, wie sich faszinierend-schreckliche Abgründe auftun können,
aber auch Räume der Erlösung - das interessiert Lynch, der keinen
Unterschied macht zwischen Natürlichkeit und Synthetik. Von Traum und Realität,
von fabel-hafter Idylle und märchenhaften Orten des Bösen, hat die
TV-Serie
gehandelt.
Der
Weg ist nicht weit gewesen von der Kleinstadt-community zu metaphysischen Räumen
in Twin
Peaks.
Lynch und seine Partner, vor allem Mark Frost, haben das Spiel mit den Welten
aber noch weitergetrieben. Mit der Fernsehserie, mit Büchern, Platten und
T-Shirts dazu und jetzt mit dem Film haben sie ein kleines Ersatzreich geschaffen
für die Gemeinschaft der Fans. "Twin Peaks" ist zu einem realen
Ort geworden für viele couch potatoes auf der Landkarte ihrer Vorstellung.
Mit ihrem atmosphärisch-bizarren Grundton ist die Serie Kritik und Liebeserklärung
zugleich an all die alten Radioprogramme und Fortsetzungsromane, an Fiktionen
überhaupt. Twin
Peaks
handelt auch vom Fall und der glorreichen Wiedergeburt der Seifenoper. Im Film,
der mehr einen Skizze ist zur TV-Serie als ein abschließendes Gesamtbild,
macht Lynch immer wieder klar, wie Illusion und Wirklichkeit auf alle erdenklichen
Weisen ineinandergreifen.
Lynch
selbst, der hier im Film einen FBI-Chef mit Hörgerät spielt - wohl
eine Hommage an den schwerhörigen Bunuel -, steht einmal vor einem Südsee-Panorama.
Die Kamera öffnet das Bild, und der paradiesische Ausblick entpuppt sich
als billige Tapete. Mehr noch als Bunuel ist Lynch dem melodramatischen Neosurrealisten
Alejandro Jodorowsky verpflichtet, wenn er uns die Zerstörung eines laufenden
Fernsehapparats fast parallel zur Ermordung einer jungen Frau zeigt. Wie Jodorowsky
ist Lynch ein Wahrheitssuchender zwischen Sein und Schein, zwischen Kunst, Kitsch
und Leben. Das Leben im Film ist auch nur Fiktion, scheint Lynch zu sagen.
Dabei
hat uns das bläuliche Fernsehgeflimmer, das Lynch am Anfang leinwandfüllend
gezeigt hat, das Gefühl von einem seltsamen Nichts gegeben, von einer Art
pränatalen Zustand. Was auf die ganze TV-Serie zugetroffen hat, gilt ganz
besonders für den Film: Mit einem Verbrechen beginnt die Geschichte. Der
Tod hat etwas von einer schmerzlichen Geburt für den Künstler, für
den Erzähler und Sänger. Ein Mord steht also am Anfang des Films.
Ganz in der Nähe von "Twin Peaks" wird die Leiche von Teresa
Banks gefunden. Mit zertrümmertem Schädel treibt das schöne blonde
Mädchen im Fluß, wie Laura Palmer später in einen durchsichtigen
Plastiksack gehüllt, der bei Lynch ein schäbiger gläserner Sarg
ist für glücklose amerikanische Schneewittchen.
Zwei
junge FBI-Beamte (Chris Isaak und Kiefer Sutherland) sollen das Mädchen
vielleicht wachküssen, indem sie das Geheimnis des Verbrechens lüften.
In einer nervenzerfetzenden, fast rituellen Szene suchen die zwei Polizisten
nach Lesezeichen am toten Körper, als sei die Leiche ein Buch. Doch der
Fall wird vorerst nicht aufgelöst. Was die kleine, merkwürdige Kriminalgeschichte,
in der in typischer Lynch-Manier viel schwarzer Humor und schwarzer Kaffee fließen,
nicht leisten kann, muß die lyrische, tief romantische Hauptpassage des
Films erbringen. Wo die Erzählung aufhört, beginnt das Gedicht - und
umgekehrt. Das eine erhellt das andere, so einfach und genial ist die scheinbare
Zweiteilung des Films.
Der
kurze Auftritt von Special Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) als Mittler und
Medium zwischen den Welten leitet nach "Twin Peaks" über. Wie
eine Doppelgängergeschichte hat nämlich schon das Schicksal von Teresa
Banks gewirkt, wie eine Geschichte aus einem früheren Leben. Der Mörder
von Teresa Banks werde wieder zuschlagen, sinniert Cooper noch, irgendwann,
irgendwo, während schon Angelo Badalamentis enigmatisches Peaks-Thema ertönt.
Am Ende des Films wird wieder ein Mord stehen. Denn wir erleben jetzt die letzten
sieben Tage im Leben der Laura Palmer. Und Lynch inszenierte diese letzten Tage
der Jugend als eine fiebrige, wunderbar sentimentale Tour de force.
Diese
Vorgeschichte zur TV-Serie ist wie ein langer trauriger Song über Laura
Palmer. Die Blickrichtung eines Nachher auf ein Vorher entspricht der Teenager-Schönheit
Laura Palmers (Sheryl Lee), die wie das Leben aussieht und doch aus dem Reich
der Toten zu kommen scheint. "Das war Laura, aber sie ist nur ein Traum,
ein Gesicht in einem vorbeifahrenden Zug", heißt es in einem Lied
aus Otto Premingers film noir Laura,
dessen Titelfigur Namenspatin sein dürfte für Lynchs Heldin. Die Eckpfeiler
des zentralen Konflikts sind schnell gesetzt; der Mörder, den die TV-Seher
ohnehin kennen, bald entlarvt. Laura Palmer wird gehetzt von einem Monster,
das aus den Wäldern um "Twin Peaks" kommen mag, aber längst
Einzug gehalten hat in der Idylle, ja das Zuhause mitbegründet hat. Laura
droht verschlungen zu werden von ihrem eigenen Vater (Ray Wise), in dem ein
Ungeheuer des wilden Amerika schlummert und ein Monster verzweifelter väterlicher
Liebe. Zwischen grausamer Pedanterie und blutiger Barbarei pendelt die Raserei
des Daddy. Getrennte Personen fallen in einer Person zusammen. Laura muß
schließlich erkennen, daß ihre Alpträume Wirklichkeit sind.
Neben
Horrorfilmen hat sich David Lynch für die Auseinandersetzung zwischen Vater
und Tochter, zwischen Verderbnis und Unschuld an den anderen großen Genres
des amerikanischen Surrealismus orientiert, an Sexfilmen, Musicals und vor allem
dem Melo wie Grace Metallious in den USA sehr populären Kleinstadt-Drama
Peyton
Place,
in dem es um Inzest und Vatermord geht. Befreit von den Zwängen des Fernsehens
und auch des Geschichtenerzählens kann sich Lynch Zeit nehmen für
Freizügigkeit auf jeder Ebene. Er kann sich konzentrieren auf Atmosphäre
und Emotion.
Viele
Figuren der TV-Serie hat Lynch in seinem Gedicht dann auch weggelassen oder
als Nuancen eingearbeitet in die beiden Hauptcharaktere. Die Sherilyn-Fenn-Figur
etwa steckt vollkommen in Laura Palmer. Von fast musikalischer Qualität
ist die Farbgestaltung, in der sich das Blau der Sehnsucht und des traurigen
Sex mit dem Rot der Leidenschaft und der verlorenen Unschuld mischt, wie Glut
mit ätherischem Rauch, wie der Himmel mit der Hölle. Es gibt Momente,
wo Lynch und seine Crew durch Musik und Kamerastrategie direkt unsere Nervenbahnen
treffen und dann unser Herz. Etwa wenn Julee Cruise von den ewigen Fragen in
einer sehnsüchtigen Welt singt und Laura dabei die letzten Reste ihrer
Kindheit zerstören will. Oder wenn Laura zusammen mit ihrer Freundin Donna
(die hier nicht von Lara Flynn Boyle gespielt wird, sondern von der kindlicheren
Moira Kelly) auf der Couch liegt und auf Donnas Frage, wie denn ein freier Raum
im Weltraum sei, antwortete, es ginge immer schneller, und dann finge man Feuer,
und kein Engel würde einem helfen, dann erreicht Lynch eine hypnotische
Schönheit, eine Poesie der Schmerzlichkeit, die einen zu einem besseren
Menschen macht.
In
der Tat steht kein Engel Laura Palmer bei wie noch James Stewart in Capras Ist
das Leben nicht schön?
Kein Sheriff und kein FBI-Mann, die ja alle wie außerirdische Prinzen
wirken, tauchen auf. Sogar der Schutzengel aus ihrem kitschigen Kinderzimmerbild
ist eines Tages verschwunden. Sie kann nicht mehr nach Hause gehen, wo der Horror
wartet. Ein amerikanisches Trauma hat sich manifestiert. Erst in der Apotheose,
wo Raum und Zeit eins werden, wo für Lynch die Fiktion wieder zum Leben
wird, scheint sie ein Heim zu finden. Dort läßt Lynch Laura mit Dale
Cooper, mit Engeln und einem Zwerg zusammentreffen, der wie eine zusammengeschobene
Version ihres Vaters wirkt. Wenn das junge Mädchen (spätestens seit
Peyton
Place)
die Hoffnung der Kleinstadt verkörpert und die Kleinstadt das Herz Amerikas,
dann kann man Lynchs Laura-Palmer-Blues auch als Fall Amerikas mit dem Hoffnungsschimmer
der Wiedergeburt lesen.
Hans
Schifferle
Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film
Zu diesem Film gibt’s im archiv mehrere Texte
Twin Peaks - Der Film
TWIN PEAKS - FIRE WALK WITH ME
USA
- 1992 - 134 min.
Drama
FSK:
ab 16;
feiertagsfrei
Verleih:
Jugendfilm VCL (Video)
Erstaufführung:
20.8.1992/22.3.1993 Video/18.4.1994 premiere
Fd-Nummer:
29749
Produktionsfirma:
Lynch-Frost Prod./Ciby Pictures
Produktion:
Gregg Fienberg
Regie:
David Lynch
Buch:
David Lynch, Bob Engels
Kamera: Ron Garcia
Musik:
Angelo Badalamenti
Schnitt:
Mary Sweeney
Darsteller:
Sheryl Lee (Laura Palmer)
Ray Wise (Leland Palmer)
Kyle MacLachlan (Dale Cooper)
Moira Kelly (Donna Hayward)
Chris Isaak (Chester Desmond)
Dana Ashbrook (Bobby Briggs)
Kiefer
Sutherland (Sam Stanley)
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