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Twin Peaks – Fire Walk With Me
Lost
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„Das Beste ist überall die
Stimmung.“ So was muss sich der Neoromantiker Lynch nicht zweimal vom Erzromantiker
Novalis sagen lassen. Fragt sich nur, was für eine. Schade, dass der deutsche
Bergwerkstechniker keine Musik komponiert hat. Klänge zur Blauen Blume.
Und wenn die Natur ein wenn auch noch weitgehend unbekanntes Alphabet haben
sollte, an dem sich die Lehrlinge zu Sais die Zähne ausbeißen, so
birgt sie sicher auch Partituren, von denen man noch nichts weiß. Man
muss nur zu dechiffrieren wissen. Ein bisschen wie am lebenden Objekt Special
Agent Chester Desmond (Chris Isaak), der seinem Gehilfen Sam Stanley (Kiefer
Sutherland) vorführt, was es heißt, Frauen zu lesen, anstatt sie
nur für ziemlich gaga zu halten. Der Fall der blauen Rose also. Teresa
Banks, mit der die unschöne Sache mit dem Buchstabengefrickel unter schmutzigen
Fingernägeln anfängt. Etwas später sieht man mit den Augen Desmonds,
der bald unerklärlich und für immer verschwinden wird, auf dem von
Harry Dean Stanton beaufsichtigten Wohnwagenareal einen ebensolchen Wagen auf
eine Art, wie früher vielleicht Indianer zum ersten Mal einem Pferd begegnet
sein mögen: etwas ganz und gar Übles, aber wie göttlich dabei.
Es sind diese singulären
Objekte in Lynchs beweglichem Atlas, die zugleich bannen und im Kopf des Betrachters
unsichtbare Sicherungsseile in alle Richtungen auszuwerfen scheinen, denn Explikatoren
und Hermeneutiker wie Desmond sind eher rar gesät. Niemand kann uns mit
Bestimmtheit sagen, was der Schimmel im Hause Palmer zu suchen hat. Anderes
wiederum geht unmittelbar ein, gerade weil es auch so lustig ist wie Laura Palmers (Sheryl Lee) Zähmung
von Bobby Briggs (Dana Ashbrook), als der sich
beschwert, dass sie ihn versetzt habe. Aber Laura kann nirgends bleiben. Sie,
die von sich sagt, „ich will doch nur nach Haus“, womit sie sich als Novalis’sche
Weggefährtin zu erkennen gibt, bleibt das eigene Haus verwehrt, das Heim,
weil es da ziemlich unheimlich zugeht. Tochter eines Mutter-Zombies und eines
Vater-Werwolfs im Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Gewand. Grace Zabriskie ist der lebende
(also tote) Beweis für die fertige Mutter. Der verrückte Vater Leland
(Ray Wise) profitiert von den Fieberfantasien der Tochter, um beim nächtlichen
Sukkubat als langhaariger Bob (Frank Silva) durchzugehen. Kein Wunder, dass
es Laura nach draußen treibt, erwünschtes Inkarnat, natürlich
nur gegen Drogenbezahlung, für die nach jungem Fleisch verlangenden hungernden
Seelen einer ansonsten unterbeschäftigten Libido. Zur monotonen, aber gerade
deswegen sehr obsessiven Schrabbelmusik in den nur für Eingeweihte betretbaren
Zonen grenznaher kanadischer Kaschemmen kommen für die Zeit orgiastischen
Vergnügens durchaus heimische Gefühle auf, wenn man zum Schmusen den
Partner oder die Flasche wechselt und eigentlich ganz nett zu viert auf dem
Sofa rumlümmelt. So hat man sich die aufregende Jugend eigentlich immer
vorgestellt. Sex & Drugs & Rock’n’Roll.
Aber da kann man leider nicht
immer bleiben. Schule, Eltern, und die Putzfrau will vielleicht auch mal die
Kippen wegräumen. Lauras Freundin Donna Hayward (anders als in der Serie:
Moira Kelly) hat möglicherweise gerade noch einmal die Kurve gekriegt,
weil sie von der Orgie aufgrund Drogen nicht so viel mitbekommen hat. Aber für
Laura gibt es keinen Weg zurück. Pendlerin zwischen dem Schlimmen. Und
sie weiß es. Ihr Lachen ganz am Ende, in diesem seltsamen jenseitigen
Lokal, wo auch der Zwerg seine lustigen Sprüchlein zum Besten gibt, ist
ihre ganz eigene unsentimentale und ergreifende Bejahung für all das, was
da noch kommen mag. Es ist nicht mehr viel. Aber sie war bedient.
In schöner romantischer Verkehrung
sollte man sich jetzt noch einmal die Folgen anschauen, die genau das vorführen,
was jetzt kommt, die man aber schon sah, bevor man wusste, wie es eigentlich
war. Dieser Film ist beides: nachgeschobene Ouvertüre und einführendes
Konzentrat.
Dieter Wenk
Dieser Text ist zuerst erschienen bei: textem
Zu diesem Film
gibt’s im archiv mehrere Texte
Twin Peaks - Der Film
TWIN PEAKS - FIRE WALK WITH ME
USA - 1992 - 134 min.
Drama
FSK: ab 16;
feiertagsfrei
Verleih: Jugendfilm VCL (Video)
Erstaufführung: 20.8.1992/22.3.1993 Video/18.4.1994 premiere
Fd-Nummer: 29749
Produktionsfirma: Lynch-Frost Prod./Ciby Pictures
Produktion: Gregg Fienberg
Regie: David Lynch
Buch: David Lynch, Bob Engels
Kamera: Ron Garcia
Musik: Angelo Badalamenti
Schnitt: Mary Sweeney
Darsteller:
Sheryl Lee (Laura Palmer)
Ray Wise (Leland Palmer)
Kyle MacLachlan (Dale Cooper)
Moira Kelly (Donna Hayward)
Chris Isaak (Chester Desmond)
Dana Ashbrook (Bobby Briggs)
Kiefer Sutherland (Sam Stanley)
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