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Die
unendliche Geschichte
I
Den Film »Die unendliche Geschichte«
will sich mein Sohn, zwölf Jahre alt, nicht ansehen. Er fürchtet,
die Phantasiewelt, die er sich bei der Lektüre des Buches aufgebaut hat,
werde von den ganz anderen, mächtigeren Phantasiebildern des Films erschlagen
werden. Ich gebe zu bedenken, daß die eigenen Bilder sich möglicherweise
als die stärkeren erweisen könnten. Aber er scheint entschlossen,
seine Phantasie gegen die Phantasie der Kulturindustrie zu verteidigen: ein
Michael-Ende-Leser, wie ihn Michael Ende sich nur wünschen kann.
II
Dessen Protest gegen das Resultat freilich ist naiv,
denn als Experte des Visionären hätte er wissen müssen, daß
das Phantastische im Kino fast immer die imaginative Unschärfe und Vieldeutigkeit
des Lese-Erlebnisses auf eine vorgegebene Dimension reduziert - mithin ein-dimensional
ist und die Wahrnehmung zwingt, alle Varianten auszuschalten. Nur ganz selten
gelingt es dem phantastischen Kino, mit den Zwischenräumen zwischen Realität
und Irrealität zu spielen: Interaktionen zu ermöglichen zwischen unserer
Wahrnehmung und unserer Einbildungskraft. In der Regel wird der Zuschauer festgelegt
- in diesem Fall auf einen Drachen Fuchur; der nun einmal einen Dackelkopf hat;
auf einen Felsenbeißer; der wie ein unförmiges Gebirgsmassiv die
Bildfläche ausfüllt; auf einen Atreju, dessen Darsteller den Vorzug
hat, sich in einigen amerikanischen Produktionen als strapazierfähiger
Kinderstar bewährt zu haben: als internationaler Exportartikel, in dem
sich wahrscheinlich Millionen Kinder wiedererkennen und dennoch enttäuscht
sind, weil sie sich nicht nur identifizieren, sondern auch träumen wollen.
In diesem Film überrollt die kompakte Faktizität des Phantastischen
unsere Fähigkeit und unser Verlangen zu phantasieren. Dies geschieht gewalttätig:
mit Hilfe einer Technik, die Geräusche, Farben, alles Gestalthafte und
selbst Stimmungen zu Superlativen aufdonnert. Es gehört zum Wesen des Superlativs,
daß er den Spielraum, die Alternative, das Geheimnisvolle vernichtet.
III
Michael Ende hat ein neues Buch geschrieben, in dem
er mit den Mythen der Menschheit, den Nachtseiten des Lebens, den Abgründen
von Zauberei und Wahnsinn vertrauten Umgang pflegt. Das Buch heißt „Der
Spiegel im Spiegel". Seine „Unendliche Geschichte" könnte auch
„Das Buch im Buch" heißen. Die Labyrinthik ist offenbar Endes Spezialgebiet,
auch wenn er sie etwas kunstgewerblich garniert und es wie ein dramaturgischer
Trick aussieht, daß der Autor aus dem anfänglichen Leser seiner Geschichte
deren Helden macht: ihn in das Buch hineinsteigen läßt, auf daß
er die Kindliche Kaiserin erlöse, Phantäsien rette und die Menschheit
aus dem Klammergriff des vernichtenden Nichts befreie.
Es ist mehr als ein Trick. „Die unendliche Geschichte"
steht in der langen Tradition jener Bücher, die auf der Suche nach dem
Absoluten sind und dabei der Sogwirkung des Esoterischen und Mystischen nicht
ausweichen. Von der Wort- und Zahlensymbolik der Kabbala bis zu Mallarme, der
sein „livre" als Allegorie des Universums konzipiert und nie vollendet
hat: eine beachtliche Phalanx von Wort-Magiern, Sprach-Priestern, Buch-Fanatikern,
die sich zur offiziellen Geistesgeschichte immer oppositionell verhalten haben.
Ende ist ihr Erbe - ein Novalis des Nuklearzeitalters. Was ihn mit dem Romantiker
verbindet, macht ihn fremd und populär zugleich: fremd, weil es einer subversiven
Traditionslinie angehört - populär, weil in seinem Werk die Sirenenklänge
für eine ratlose, verängstigte, todessüchtige Menschheit unüberhörbar
sind.
IV
Zu einem Über-Buch kam nun
mit der Wucht der Zwangsläufigkeit der Super-Film. Schon immer war Film
ein Industrieprodukt; dieser hier aber ist das Ergebnis neuer industrieller
Dimensionen, deren Zukunft gerade erst begonnen hat. George Lucas' »Krieg
der Sterne«
und Steven Spielbergs »E.T.« haben diesen Dimensionen den Weg gebahnt, und ausgerechnet zwei
deutsche Tycoons, Bernd Eichinger und Günter Rohrbach, sind entschlossen,
ihn fortzusetzen. Überhaupt scheint eine neue Zeit der Tycoons angebrochen:
dynamischer; „unverbrauchter" Produktions-Titanen, kraft- und geldstrotzender
Energiebündel einer neuen Generation von „Machern". Ihre Filme sind
Monstren von phantastischer Glätte und Glitschigkeit: Vistavision-Träume
in Dolby Stereo, die man „sich reinzieht" oder „in den Kopf knallt"
- erstaunt, daß nichts als Leere zurückbleibt. Ennui und Sehnsucht
nach dem untergegangenen Kino.
V
Denn kann man ernsthaft noch Film nennen, was Co-Produzent
Rohrbach selbst in schamhaftem Understatement als eine deutsche Geschichte mit
amerikanischer Oberfläche bezeichnet? Verschwindet nicht vielmehr, was
einmal das deutsche, französische, britische oder amerikanische Kino ausmachte,
von der Leinwand, wenn ein Film nur noch - Oberfläche ist: ein generalstabsmäßig
geplantes, von „Design-Konzeption" und „Storyboard" festgelegtes,
von computergesteuerten Kamerateams auf Gigantomanie und Hochglanz getrimmtes
Konglomerat aus Fertigbau-Träumen, die den Zuschauer - ganz im Gegensatz
zu genuinen Filmbildern - dazu verdonnern, zu fressen, was ihm vorgeworfen wird?
Was bedeutet eigentlich noch filmischer Erfindungsgeist, wenn man sich die neuesten
special effects aus den Studios von George Lucas holen und für die Tricktechnik
ein Team englischer Spezialisten einfliegen lassen kann? (Die Bundesrepublik
war, seien wir ehrlich, bis vor kurzem noch ein Entwicklungsland - jetzt steht,
Rohrbach sei Dank, in der Münchner Bavaria die größte und teuerste
Blue-Screen-Anlage der Welt.)
Was heißt filmische „mise en scène",
wenn sie von Mikroprozessoren, Servo-Motoren und hydraulischen Systemen übernommen
wird? Und was kann das Kameraauge noch entdecken, wenn eine Storyboard-Equipe
in 5000 Einzelbildern die Geschichte bis in stilistische Details schon vorformuliert
hat? Was hat der Filmarchitekt, mag er auch Zehetbauer heißen, noch zu
tun, wenn die „Design-Konzeption" ihm Landschaften von hypertrophischem
Kaufhaus-Surrealismus vorsetzt: verzuckerter Caspar David Friedrich und exotisch
verquollener Moritz von Schwind als Panorama für die Entscheidungsschlacht
zwischen Gut und Böse - so etwa stellt sich, denke ich mir, Ronald Reagan
den Tag seines Jüngsten Gerichts vor.
VI
Kino war immer Traumfabrik, auch Traum-Industrie.
Das Kino der „postindustriellen" Ära wird kein Kino mehr sein, weil
seine Visionen aus der elektronischen Retorte stammen: stromlinienförmige
Fantasy-Gebilde für die Distribution und den anschließenden Verschleiß
durch Kabelfernsehen und Kassettengeschäft. Das Nichts hat zugeschlagen
und Phantásien längst verschluckt.
VII
Auch meinen Sohn: Soeben hat er sich von mir acht
Mark gepumpt, um sich »Die unendliche Geschichte« anzusehen.
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: epd film
4/84
Die
unendliche Geschichte
Bundesrepublik
Deutschland 1984. Regie: Wolfgang Petersen. Drehbuch: Wolfgang Petersen, Herman
Weigel. Kamera: Jost Vacano, Franz Rath. Schnitt: Jane Seitz. Musik: Klaus Doldinger.
Ton: Mike Le Mare, Ed Parente, Chris Price. Bauten und Ausstattung: Udle Rico,
Rolf Zehetbauer. Kostüme: Diemut Remy. Spezialeffekte: Brian Johnson. Produktion:
Neue Constantin/Bavaria/WDR. Gesamtleitung: Mark Damon, John Hyde. Produzenten:
Bernd Eichinger, Dieter Geissler. Verleih: Neue Constantin. Länge: 99 Min.
FSK.- ab 6, ffr. Kinostart: 6.4.1984. FBW-Prädikat: Besonders wertvoll.
Darsteller: Barret Oliver (Bastian), Gerald McRaney (Bastians Vater), Drum Garrett
(Erstes Straßenkind), Darryl Cooksey (Zweites Straßenkind), Nicholas
Gilbert (Drittes Straßenkind), Thomas Hill (Koreander), Deep Roy (Winzling),
Tilo Prückner (Nachtalb), Moses Gunn (Cairon), Noah Hathaway (Atreju),
Sydney Bromley (Engywuck), Patricia Hayes (Urg1), Tami Stronach (Die Kindliche
Kaiserin).
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