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Unleashed
- Entfesselt
Unleashed ist
wie eine ewige Kreisbewegung – vielleicht auch gleich eine ganze Ansammlung
von Kreisbewegungen. Die spektakulärste davon führt den Zuschauer
in einer Schwindel erregenden Fahrt von der Gegenwart in die Vergangenheit und
zurück - da sitzt eine Frau am Klavier, umzirkelt von der Kamera, die durch
die Wand dringt, dort ein anderes, längst vergangenes Klavierspiel streift,
um gleich wieder zurückzukehren ins Jetzt. Es scheint nur logisch, dass
Regisseur Louis Leterrier seine Geschichte auf diese Art erzählt, denn
es geht ihm um Dinge, die sich kaum fassbarer abbilden lassen: Eine Vergangenheit,
die aus dem Gedächtnis gelöscht, ein Kind, das zum Monster erzogen
wurde. Eine Art Kette trägt Danny (Jet Li) immer um den Hals, und wenn
sein Besitzer - ein anderes Wort wäre kaum passend für die Beziehung
der beiden -, die Kette löst, wird Danny zum Killer - das Ergebnis jahrelanger
unmenschlicher Erziehung in einem dunklen Kaspar Hauser-Loch. Auch das ist natürlich
ein Kreis, der sich geschlossen hat: Luc Besson hat den Film produziert und
das Drehbuch geschrieben, und die Geschichte vom Menschen, der zur Killermaschine
wird, hat Besson schon einmal erzählt, in Nikita. Und
den Kreislauf der Gewalt, von dem auch Nikita erzählte,
den dreht er hier um: Nach einem Autounfall seiner Besitzer irrt Danny allein
durch die Straßen, bis er schließlich eine Ersatzfamilie findet
bei einem blinden Klavierstimmer und seiner Tochter. Was damit beginnt, ist
seine Umerziehung, eine langsame Rückkehr in die Gesellschaft und zur Emotion:
Nikita reversed.
Dabei belassen können es Besson und Leterrier natürlich
nicht, zu stark ihr Drang nach jenem Kreiseln, das die Kamera zu umschreiben
scheint, und so beginnt alles von vorn: Der tot geglaubte Erzieher und vermeintliche
Besitzer Dannys lebt, die Hölle
des Daseins als Killermaschine beginnt von neuem – und endet wieder – wie sonst?
-, mit einem Autounfall, nach dem, - was sonst? -, auch Dannys Resozialisierung
von vorne beginnt. Man wird müde als Zuschauer, müde der Wiederholungen
und des Kreisens, müde der hektischen Kamera, die die Attacken des zur
Frankenstein'schen Bedrohung gewachsenen Jet Li in immergleicher Matrix-Manier
festhält, müde der Geschichte, die schon so oft erzählt wurde
und in Unleashed immer und immer wieder erzählt zu werden scheint.
In
manchen Sequenzen nähert sich Unleashed dabei
so sehr dem Trash an, dass man eigentlich lachen möchte über die Unverfrorenheit,
mit der er agiert – hätte man nicht ständig den Eindruck, die Filmemacher
meinten es ernst. Ernst meinen sie die Emotionen, von denen Unleashed erzählen
möchte, die Liebe und Zuneigung, die Reste menschlicher Erfahrung, die
in dem zum Tier erzogenen Wesen natürlich geweckt werden von - nur ein
Klischee unter vielen - der Musik, den Klavieren, die ihn in seiner neuen Heimat
tagtäglich umgeben. Wohin nun mit jener ernst gemeinten Emotion, wenn im
Showdown die beiden Widersacher nahezu völlig unmotiviert im Badezimmer
einer beinah unbekleideten jungen Frau stehen - so ein Faust- und Kickkampf
sieht sich schließlich auch viel schöner an mit einer Nackten im
Hintergrund? Wohin mit der Geschichte über Erziehung und Unmenschlichkeit,
wenn Danny sich plötzlich in einer Art zeitgenössischem Gladiatorenkampf
wiederfindet und in einer Arena mit einem Arsenal mittelalterlicher Waffen gegen
eine Horde Gegner kämpfen muss, die direkt der letzten Street Fighter-Folge
entsprungen scheinen? Nein, Unleashed kann
sich nicht entscheiden zwischen Trash und Anspruch, und man leidet unter dieser
Unentschlossenheit, die sich im ständigen Umkreisen von Figuren und Plot
Ausdruck verschafft. Es bleibt, trotz teils umwerfender Choreografie von Körpern
und Kamera, kaum etwas übrig – ein Torso, der wenig zu erzählen hat
und über all seinen Kreisbewegungen doch nur ins Stolpern kommt.
Benjamin
Happel
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in:
Unleashed
- Entfesselt
Frankreich
/ USA / Großbritannien 2005 - Originaltitel: Unleashed / Danny the Dog
- Regie: Louis Leterrier - Darsteller: Jet Li, Morgan Freeman, Bob Hoskins,
Kerry Condon, Michael Jenn, Vincent Regan, Dylan Brown - FSK: ab 16 - Länge:
102 min. - Start: 12.5.2005
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