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Die
untreue Frau
’68
mal anders
Einem
Regisseur Untreue vorzuwerfen, ist nicht sehr sinnvoll. Dafür spielt das
Geld eine zu große Rolle. Man wird auch älter, und gegen Entwicklung
ist ja sowieso nichts einzuwenden. Zehn Jahre nach dem ersten Nouvelle-Vague-Film
überhaupt ein Kammerspiel im gehobenen Bürgertum anzusiedeln und zum
wie viel hundertsten Mal eine Dreiecksgeschichte aufzudecken ist also vielleicht
nicht sehr einfallsreich, aber immerhin Klassizismus-verdächtig.
Dagegen
spricht natürlich die Zeit, und 1968 so einen Film zu zeigen heißt
bekennen, auf der falschen Seite zu stehen und der Reaktion die Hand zu reichen.
Was wiederum sehr gut zur Haltung Chabrols passt, und somit ist alles in bester
Ordnung. Chabrol überreicht den Fehdehandschuh, ohne dass man es merkt.
Plötzlich ist die andere Seite begründungspflichtig. Die mit dem Geschlecht
als Rhizom. Denn an Charles (Michel Bouquet) ist nicht viel auszusetzen. Nach
elf Jahren Ehe ist das Bett keine Stätte ausufernder Lust. Man wird es
ihm nicht übel nehmen, eine Sekretärin zu beschäftigen, die so
sexy wie gehorsam ist, ohne dabei die Grenzen des Anstands zu überschreiten.
Für letzteres ist sein Anwaltskollege zuständig. Und Hélène
(Stéphane Audran), die in der Nähe von Versailles das Haus hütet
und sich um den Sohn kümmert, darf schon mal in die Stadt, um sich ein
bisschen von sich abzulenken. Kein Wunder, dass der Schriftsteller Pelaga (Maurice
Ronet) sie im Kino „bereit“ findet. Das ist die normalste Sache von der Welt.
Und dass sich daraus eine längere Affäre ergibt? Sehr plausibel.
Aber
– wie soll man sagen: böserweise? – inszeniert Chabrol die zweite Liaison
nicht als Gegensatz zur Ehe, sondern als Anhang, als vielleicht etwas entspannteres,
aber zugleich müderes Areal, auf dem nicht weniger die Vorhersehbarkeit
lastet, auch wenn sie Spaß macht. Der bloße Sex ist es also auch
nicht. Explizit stellt Chabrol diese Frage auch gar nicht, das überlässt
er hübsch anderen. Er weiß es auch nicht besser, aber er schaut genau
hin, wie es meist nicht geht. Oder was plötzlich wieder entdeckt wird.
Die Liebe. Charles bewahrt bravourös Fassung, der Besuch beim Schriftsteller
ist großartig gespielt, von beiden Seiten, auf der einen Seite die durch
eine kleine Lüge herausgelockte Ungezwungenheit und Zutraulichkeit, auf
der anderen Seite die panische Lust, sich alles anschauen zu wollen, das Schlafzimmer,
wo Charles das riesige Feuerzeug entdeckt, aber dann überkommt es ihn doch,
alles zugleich, die Lebenslüge, der Verlust, die Offenheit des anderen,
und dann erlaubt er sich einmal, für zwei Sekunden, einen Ausbruch, und
schon ist der andere tot. Neuilly ist vielleicht ein Vorort, aber tagsüber
eine Leiche, wenn auch eingepackt, ins Auto zu verfrachten, das ist schon sehr
cool, auch die generöse Behandlung dessen, der eigentlich den anschließenden
Autounfall verursachte. Aber wie viel mehr erst daheim, das Beobachten seiner
Frau, wann sie anfängt, nervös zu werden, seine Genugtuung, dann die
Unterstützung seiner Frau, als die Polizei anfängt, aufzutauchen,
der Versuch der reinen Weste, das Ausmerzen eines Flecks, der nur zufällig
aufgefangen wurde und ohne Problem entsorgt werden kann. Fast glaubt man es
als Zuschauer, dieser vielleicht sogar gemeinsame Wille zu vergessen, die jetzt
gefundene zweite Stufe der Reife, die das Sich-Versagen mit ins Lebensspiel
hineinnimmt. Der Respekt vor dem Nicht-belästigt-werden-wollen von alten
Geschichten und neuen Versuchungen.
Natürlich
ist der Bürger ein Meister im Verdrängen, aber erstens wäre diese
Leistung dann doch zu unmenschlich, und zweitens muss die Polizei in diesem
Film ja auch was zu tun bekommen oder zumindest in ihren Handlungen zeigen,
dass sie gearbeitet hat. Das Ende ist ganz groß. Die zwei Kommissare kommen
wieder, der Sohn sieht sie als erster, Charles dreht sich zu seiner Frau, sieht
sie fest an und sagt ihr jetzt, ohne gefragt zu werden, dass er sie liebt, dass
er sie wahnsinnig liebt, und das glaubt man ihm aufs Wort und das ist eine Ohrfeige,
aber sie ist immer noch unterwegs, anzukommen.
Dieter
Wenk
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
Die
untreue Frau
LA
FEMME INFIDELE
UNA
MOGLIA INFEDELE
Frankreich
/ Italien - 1968 - 97 min. - Thriller, Melodram - FSK: ab 16; feiertagsfrei
- Verleih: Neue Filmkunst - Erstaufführung: 4.11.1969 ARD/10.3.1972 Kino
- Fd-Nummer: 16409 - Produktionsfirma: Les Films la Boétie/Cinegaï
Produktion:
André Génovès
Regie:
Claude Chabrol
Buch:
Claude Chabrol
Kamera:
Jean Rabier
Musik:
Pierre Jansen
Schnitt:
Jacques Gaillard
Darsteller:
Stéphane
Audran (Hélène Desvallées)
Michel
Bouquet (Charles Desvallées)
Maurice
Ronet (Victor Pegala)
Michel
Duchaussoy (Duval, Polizeioffizier)
Guy
Marly (Gobet, Polizeioffizier)
Donatella
Turri
Giovanni
Di Napoli
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