zur startseite
zum archiv
Venus.de
- Die bewegte Frau
Die Dinge des
Lebens bleiben aktuell
Rudolf Thomes "Venus.de - Die bewegte Frau"
erzählt vom öffentlichem Schreiben und den Milieus unserer Tage
Zu den kleinen Wundern, an die man sich gerne gewöhnt hat, gehört
seit vielen Jahren das regelmäßige Auftauchen eines neuen Rudolf-Thome-Films
in den Kinos. Fernab der sich selbst feiernden pseudoglamourösen Filmszene
dreht der 63-Jährige auf minimaler Budgetbasis und leider weitgehend unbemerkt
von einer größeren Öffentlichkeit kontinuierlich aufregende
Filme. Heute startet sein neuer Film mit vierzehn Kopien - er trägt den
Untertitel "Die bewegte Frau".
Die Geschichte
von "Venus.de" ist rasch erzählt. Die erfolgreiche Schriftstellerin
Venus Siebenberg (Sabine Bach) wird von ihrem Verleger überredet, ihr nächstes
Buch vor laufender Webcam zu verfassen, die Filmrechte an dem Buch sind bereits
verkauft. Dazu soll sie sich für einige Wochen von ihrer Familie trennen,
um in einem Appartement über den Dächern Berlins isoliert arbeiten
zu können. Den Kontakt zur Außenwelt stellen allein technische Apparaturen
wie Computer und Faxgerät her. Venus nutzt den Abstand von ihrem vertrauten
Alltag, um sich in der Stadt auf Abenteuer einzulassen: auf eine Affäre
mit einem Maler und erklärtem Verächter von Literatur und Film. Leider
sind heimlich weitere Kameras installiert worden, sodass das Paar beim Liebesspiel
zu sehen ist, was den Verleger, den Filmproduzenten und die Familie auf den
Plan ruft. Als Venus schließlich zurückkehrt, begegnet sie ihrer
sich distanziert verhaltenden Familie.
"Venus.de"
erzählt eine einfache Geschichte mit viel Raum zwischen den Bildern, in
denen es sich der interessierte Zuschauer bequem machen kann. Ganz leicht und
sommerlich ist diese Abenteuergeschichte, in der viel miteinander getanzt und
sich beim Leben zugesehen wird. So unspektakulär und zufällig das
scheint, so nah ist Thome dem Leben - jenseits der konventionellen filmischen
Zubereitung. Plakatives ist Thomes Sache nicht. Aber man könnte die Grundidee
des Films - die öffentliche Produktion von Texten - für einen bissigen
Seitenhieb auf die Tendenz der Kulturindustrie halten, den Zugriff des Verbrauchers
immer früher in der Produktionskette zu verankern und sich Literaturdebatten
über noch nicht erschienene Bücher zu leisten.
Thome selbst denkt
nicht an die Kulturindustrie, sondern an die Künstler. Was kann daran interessant
sein, eine Schriftstellerin live bei der Arbeit zu beobachten? Rudolf Thome:
"Eigentlich ist das langweilig, weil nichts passiert. Aber Künstlern
ist ein gewisser Exhibitionismus zu eigen: damit
etwas aufregend und toll wird, muss man etwas von sich zeigen. Auch verrät
die gezeigte Konstellation auch etwas über die Figur, die offenkundig so
viel Selbstvertrauen hat, dass sie glaubt, das aushalten zu können."
Immer wieder hat
Thome seine Filme vor dem Alltag einer bestimmten Berliner Szene von Kulturschaffenden
inszeniert. Seinen Filmen, die oft parabelhaft daherkommen, ist eine Ethnografie
des Inlandes eingelagert: Thome zeigt einen (vielleicht nur geträumten)
Way of Life: Ein bestimmtes Kulturpathos, ein Interesse für Musik und Tanz,
Kleidungsweisen, Inneneinrichtungen, Körperhaltungen - alles dokumentiert
durch Liebesgeschichten in einem gut situierten Milieu. Ist denn "Venus.de"
auch wieder vermittelt autobiografisch? "Na ja, ich bin keine Frau, ich
schreibe keine Romane vor laufender Webcam. Aber ich schreibe seit einiger Zeit
meine Drehbücher im Netz, mit den Recherchenotizen Tag für Tag aktualisiert."
Die Tatsache,
dass Venus in ihrer Isolation nicht schreiben kann, ist Thome wohl vertraut:
"Ich muss selber leben, um meine Filme drehen zu können." Dieses
Leben ist Thomes Filmen eingeschrieben, gerade im zeitlichen Abstand wird deutlich,
wie zuverlässig die Arbeitsweise Thomes Daten für eine Mentalitäten-
oder auch Architekturgeschichte Deutschlands liefert. Die Inspiration zu solch
poetischen Verdichtungen des Alltäglichen rührt noch von Thomes Anfängen,
als er mit Klaus Lemke, Eckart Schmidt und Wim Wenders zur kinobesessenen Gruppe
der "Münchener Sensibilisten" zählte.
Früh hat
Thome Kritiker mit der Aussage überrascht, er drehe Dokumentarfilme über
Schauspieler, die Szenen aus einem Drehbuch nachspielen. So abstrakt und ausgedacht
Thomes Geschichten auch erscheinen mögen, mit ihrem dokumentarischen Ansatz
vermitteln sie stets ein konkretes Bild des Heute, zum Beispiel von Berlin.
"Es ist schon so eine Idee, dass in meinen Filmen das Bild von Berlin,
das ich in mir habe, das vielleicht ein Wunschbild ist, zu sehen ist. Ich denke
da an die Nouvelle Vague, an das Paris der frühen Godard-Filme. Ich möchte
in meinen Filmen auch so eine Stadt schaffen."
Weil aber Thomes
Ästhetik eine Ethik ist, sind offenkundige darstellerische Schwächen
das Resultat einer wunderbar altmodischen Hingabe an die Magie des Kinos: "Ich
mache ja keine Probeaufnahmen. Das Wirklichmachen einer Szene ist eine zu ernsthafte
Angelegenheit, um diese Energie in Probeaufnahmen zu verpulvern. Das hat mit
Magie, mit Zauberei zu tun, wenn ich meine ganze Kraft in die Schauspieler projiziere.
So was macht man nicht zum Spaß. Seit einigen Tagen drehe ich meinen neuen
Film ,Rot und Blau", ich habe bereits acht Kilo abgenommen."
Ulrich Kriest
Dieser Text ist zuerst erschienen
am 20. 6. 02 in der: Stuttgarter Zeitung
Venus.de
- Die bewegte Frau
Deutschland
2001 - Regie: Rudolf Thome - Darsteller: Sabine Bach, Roger Tebb, Vladimir Weigl,
Guntram Brattia, André Meyer, Rolf-Peter Kahl, Isabelle Hindersin, Nicole
Berger, Nora Hanke, Markus Perschmann - FSK: ab 12 - Länge: 95 min. - Start:
20.6.2002
zur startseite
zum archiv