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Die Verachtung
Die Kamera, die man, natürlich, nicht sieht, blickt auf eine Kamera, die
sich auf Schienen nähert. Die Kamera, die man sieht, blickt auf eine
junge Frau, begleitet sie im Travelling, langsam, ganz langsam. Dabei
spricht eine Stimme und sie berichtet, was man sonst zu lesen bekommt:
die Credits. Ein Film von Jean-Luc Godard. Am Ende der Fahrt schwenkt die
Kamera, die man sieht, auf die Kamera, die man nicht sieht, also auf uns,
Kamera und Auge des Betrachters, Auge in Auge; vielleicht der schönste
Vorspann der Filmgeschichte.
Schematisch und zugleich überaus rätselhaft dieser Film. Eine Satire auf
das System Hollywood, am Exempel des Produzenten Prokosch, dessen Geld
selbst die Legende Fritz Lang kujoniert. Ein Beziehungsdrama zu gleicher
Zeit, das in die Drehverwicklungen hineingewickelt ist, sich aber
zwischendurch ganz verselbständigt zum synkopierten Dialog als Zweikampf
in der noch nicht bezogenen gemeinsamen Wohnung in Rom. Die
Hauptdarsteller des Films: Die Farben rot, blau und gelb. Und die Musik
von Georges Delerue.
Prokosch ist der Mann, der alles hat und mehr noch haben will, das Geld,
die Villen, die Befehlsgewalt, das Recht zur Interpretation der Odyssee,
die Frauen. Eine Ökonomie zwischen den Figuren, über der ein Schleier
liegt, man weiß nur: sie liegt zugrunde, sie steuert das Verhalten, dem
alle Psychologie ausgetrieben ist. Oder, anders: die Psychologie ist
hineingeraten, kaum mehr entzifferbar, hineingeraten in die Räume, die
Farben, sei es die der Haare von Brigitte Bardot: blond oder schwarz,
null oder eins, Hollywood oder Godard, aber so einfach ist es natürlich
nicht.
Ein heruntergekommenes Cinecittà, die Auftritte von Jack Palance, der
Vorführraum mit der Inschrift unter der Leinwand: Das Kino ist eine
Kunstform ohne Zukunft, die wie ein Diskus geworfene Filmbüchse. Die
Malaparte-Villa auf Capri, das abgeblätterte weinrot, das Meer, die
Stufen, Brigitte Bardot nackt, den Krimi auf dem Hintern, das Dach. Das
sind die Bilder, einprägsam, wunderschön, die sich vor das Zentrum des
Films schieben, in der Erinnerung, unweigerlich. Dieses Zentrum aber: ein
Beziehungsstreit im aufgebrochenen Raum, der Wohnung. Blickhindernisse,
ein Hin und Her zwischen den Zimmern, ein Hin und Her der Worte.
Psychologie lässt sich immer unterschieben, aber eigentlich ist die
Geschichte der Auflösung dieser Beziehung eine der Logik des entgegneten
Worts.
Und die Summe dieses Films ein herüber und hinüber geschwenkter Dialog
entlang an einer weißen Lampe wie eine Leinwand, mal an-, mal ausgeknipst
und das Beharren Piccolis: du liebst mich nicht mehr. Es ist damit alles
entschieden, der Rest ein langer Abschied, dessen abruptes Ende spät
kommt, letzte Zeilen und ein Autounfall. Und zuallerletzt noch einmal,
aber fast blicklos, Langs Film und Godards Film kommen in der Leere
überein, der Leere des Ozeans, des Horizonts, finaler Blick ins Nichts: Löschung.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen in:
Die Verachtung
(Le Mepris)
Frankreich, 1963
Regie: Jean Luc Godard
Darsteller: Fritz Lang, Brigitte Bardot, Michel Piccoli
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