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Sage mir, woran Du glaubst...
The Skeleton Key ist ein altmodischer, konventionell inszenierter Horrorfilm.
Zwei oder drei Gründe, weshalb er dennoch besser ist als das Gros der Genrekonfektionsware,
die in schöner Regelmäßigkeit unsere Multiplexe und Videotheken
heimsucht
Ein erster Grund ist sicherlich der Schauplatz: New Orleans,
jene Stadt, die durch die Schreckensnachrichten und –bilder des vergangenen
Herbstes, für kurze Zeit ins kollektive Bewusstsein der Mediengesellschaft
zurück geholt wurde, wobei sich auch ihre ethnische und soziale Ungerechtigkeit
offenbarte. Diese spielt auch in Iain Softleys vor der Katastrophe entstandenem
Film eine Rolle, wenn sie auch nur oberflächlich und letzten Endes mit
äußerst fragwürdigem Ergebnis behandelt wird. Die Stadt mit
ihrem brausenden Nachtleben, die uralte Straßenbahn, in der schon Alan
Parker in Angel Heart seinen Privatdetektiv ermitteln ließ (die Parallelen
erschöpfen sich übrigens hier mitnichten). Die von Farnen überwachsenen
Bäume, das schwüle subtropische Klima der Sümpfe, das einen förmlich
aus den verregneten Bildern anzuspringen scheint. Schließlich die starken
afrikanischen Einflüsse, denen sich der Voodoo-Zauber verdankt, der ein
wichtiges Element der Geschichte liefert.
Aber dass ein noch so perfekt in Szene gesetzter Schauplatz
noch keinen gelungenen Genrefilm ausmacht, das bewies kürzlich Timur Bekmambetovs
Verfilmung von Lukjanenko’s Fantasy-Roman Wächter der Nacht eindrucksvoll. Effektiv bröckelt und modert sein
nächtliches Moskau, dessen Finsternis immer wieder von Neonröhren
zerrissen wird, vor sich hin. Eine Stadt, deren Zerfall man förmlich zusehen
kann, wie bei Zeitraffer-Aufnahmen eines verwesenden Tierkadavers. Leider hat
die Geschichte, die uns durch diesen apokalyptischen Ort führt, nichts
zu bieten als plumpe Selbstbedienung bei Ästhetik und Mythen amerikanischer
Erlöser-Blockbuster, von Star Wars bis
Matrix, und was schlimmer ist: sie ist schlampig erzählt.
So blieb das Endergebnis enttäuschend.
Ein guter Horrorfilm braucht also mehr als nur einen
geeigneten Schauplatz, in The Skeleton Key
gibt es mehr, wenn auch hier die Story nicht sonderlich originell ist.
Caroline (Kate Hudson) fühlt sich schuldig am Tod
ihres Vaters, weil sie, als dieser noch lebte, so sehr mit dem eigenen (Nicht-)Erwachsenwerden
beschäftigt war, dass sie seine Krankheit erst bemerkte, als es bereits
zu spät war. Zur Wiedergutmachung beginnt sie in einem Altersheim zu arbeiten,
zeigt sich von der anonymen Sterbeindustrie jedoch bald desillusioniert. Eine
neue Beschäftigung findet sie im Haus der Devereaux’s, in den Sümpfen,
eine Stunde außerhalb der Stadt. Ben Devereaux (John Hurt) ist seit einem
Schlaganfall ans Bett gefesselt und seine Frau Violet (Gena Rowlands) sucht
eine neue Pflegerin. Caroline zieht bei ihnen ein und merkt bald, dass in dem
alten Kolonialhaus etwas nicht stimmt. Auf dem Dachboden, dem einzigen Ort,
für den ihr Generalschlüssel nicht passt, entdeckt sie einen Raum,
in dem offensichtlich okkulte Rituale abgehalten wurden. Als sie Violet zur
Rede stellt, erfährt sie, dass 100 Jahre zuvor, während einer Party
der regionalen Elite ein schwarzes Hausangestelltenpaar in diesem Raum bei der
Ausführung eines Rituals mit den Kindern der Herrschaften erwischt und
von der aufgebrachten Gesellschaft im Garten grausam gelyncht worden ist. In
Caroline beginnt sich der Verdacht zu regen, dass Violet ihren Mann mit einem
Fluch belegt habe. Sie beginnt Nachforschungen zum regionalen Aberglauben anzustellen.
Der Film nimmt sich viel Zeit für die Einführung
der Charaktere und Schauplätze, der Spannungsbogen wird gemächlich
aufgebaut. Die Geschichte wird mit einem dichten Netz von must-see-twice-Effekten unterfüttert. Viele Dialoge, die zunächst
zufällig oder nebensächlich, ein Produkt von Violets Alters-Schrulligkeit,
zu sein scheinen, ergeben von der überraschenden Auflösung her betrachtet
einen diabolischen Subtext. Bahnbrechend ist auch das sicherlich nicht, vielmehr
ist es seit Fight Club oder The Sixth Sense gängige Dramaturgie geworden. Ja, die italienische
B-Film-Ikone Mario Bava zeigte bereits in den Siebzigern, wie mit einem einzigen
Satz am Ende eines Films alle Karten neu gemischt werden können und nichts
mehr ist, wie es zu sein schien.
Das besondere an The Skeleton Key ist der
Diskurs um Glauben und Aberglaube, der sich durch die Geschichte zieht. Der
Film ist fantastisch, im Sinne Tododrovs, weil er aus einer Unschlüssigkeit
zwischen natürlichen oder übernatürlichen Erklärungen für
das Geschehen, sowohl auf Seiten der Protagonistin, als auch des Zuschauers,
seinen Effekt zieht. Bis zum Schluss bleiben die Grenzen von Aberglaube und
Realität offen. Wenn es heißt, dass man das Böse durch eine
Linie Ziegelstaub fernhalten könne, und dies in einer Szene des Films dann
auch zu funktionieren scheint, so weiß man doch nicht, ob die „böse“
Person, die vor der Linie halt macht, es tut, weil sie nicht passieren kann
oder weil sie glaubt, es nicht zu können, oder weil sie will, dass man
glaubt, sie könne es nicht, oder weil
sie will, dass man glaubt, dass sie glaubt, sie könne es nicht. Hier trägt
auch die Psychologie der Hauptfigur, so altbacken sie auch sein mag, Früchte,
weil sie bis zum Schluss die Möglichkeit offen lässt, dass es sich
um ein ödipales Wahnprodukt Carolines handle, in welchem sie den Ersatzvater
vor einer diabolischen Muttergestalt zu retten sucht. Die Regeln der Diegese
konstituieren sich ständig neu, weil, wie in García Márquez’
Macondo, das, woran die Menschen glauben, Teil ihrer historischen Wirklichkeit
wird.
Der große Wurf ist Regisseur Softley sicherlich
nicht gelungen, und doch kann The Skeleton Key
einem Genre, in dem sich der von Scream
eingeschlagene Kurs der Hyperselbstreflexivität
zunehmend als Sackgasse erweist, die Tür zu neuen oder, besser gesagt,
zurück zu alten thematischen Wegen öffnen, auf denen es mehr zu verhandeln
gibt als nur die eigenen Regeln.
Nicolai Bühnemann
Der verbotene Schlüssel
USA 2005 - Originaltitel: The Skeleton
Key - Regie: Iain Softley - Darsteller: Kate Hudson,
Gena Rowlands, John Hurt, Peter Sarsgaard, Joy Bryant, Maxine Barnett, Fahnlohnee
Harris, Marion Zinser, Deneen Tyler - FSK: ab 16 - Länge: 104 min. - Start: 18.8.2005
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