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Das
verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz
Zwischen seinen Meisterwerken
„Los Olvidados - Die Vergessenen“ und „Viridiana“ inszenierte Luis Buñuel in den 50er Jahren in Mexiko
mehr als ein Dutzend Filme aus diversen Genres. Mit „Das Verbrecherische Leben
des Archibaldo de la Cruz“ begibt er sich auf das für ihn ungewöhnliche
Gebiet des Thrillers. Der Film bietet auf den ersten Blick die Geschichte eines
krankhaften Frauenmörders. Doch der Schein trügt. Archibaldo de la
Cruz ist nämlich gar kein Frauenmörder, er wäre nur gern einer.
Krank ist er aber auf jeden Fall. Und zwar auf eine Weise, die ihn zu einem
typisch buñuelschen Helden macht.
Der Film wird uns von Archibaldo
(Ernesto Alonso) selbst erzählt und der Held bekräftigt sowohl dem
Zuschauer als auch anderen Figuren im Film mehrmals, welch schlechter Mensch
er sei. Seine entscheidende Prägung erhielt Archibaldo als Knabe. Als Sohn
einer großbürgerlichen Familie erhält er eines Abends, während
auf der Straße revolutionäre Kämpfe toben, von seiner Mutter
(Eva Calvo) eine Spieluhr geschenkt. Die Mutter weist Archibaldos Kindermädchen
(Leonor Llausas) an, dem Buben eine märchenhafte Geschichte zu dieser Spieluhr
zu erzählen und das Kindermädchen erfindet, dass die Uhr einst einem
König gehörte, der ihre magischen Kräfte dazu nutzte, seine Feinde
zu töten. Archibaldo ist fasziniert und während sein Kindermädchen
vom Fenster aus die Kämpfe verfolgt, macht er die Probe aufs Exempel. Er
wünscht der lästigen Erzieherin den Tod. Im gleichen Augenblick wird
sie von einer verirrten Kugel getroffen und bricht tot zusammen. Vor den erschreckt
freudigen Augen des Knaben kommt die junge Frau blutend und mit geschürztem
Rock zu liegen. Entblößte Beine, Blut und Tod, alles zusammen mit
sexuellen Konnotationen aufgeladen, was der bekennende Fuß- und Bein-Fetischist
Buñuel natürlich nicht versäumt. Archibaldo ist für sein
Leben traumatisiert.
Als der Erwachsene in einem Juwelierladen
die Spieluhr wieder findet, muss er sie natürlich haben und die Dämonen
seiner Kindheit werden neu geweckt. Die Erinnerungen der Kindheit sind heilig,
bestätigt ihm der freundliche Ladenbesitzer. Archibaldo ist die Liebenswürdigkeit
in Person. Stets höflich und freundlich, trägt der passionierte
Milchtrinker in einem geschmackvollen Etui seine Rasiermessersammlung mit sich,
für jeden Tag eine andere Klinge. Archibaldo ist ein Idealist. Er umwirbt
die fromme Carlotta (Ariadna Welter), von deren Reinheit er sich Erlösung
verspricht, und macht ihr schließlich einen Antrag. Er sucht Erlösung
von seiner Obsession Frauen zu töten. In Gedanken malt er sich aus, wie
er sie töten wird, und Buñuel zeigt uns dies in unheimlichen Traumsequenzen.
Doch in der Realität gelangt Archibaldo nie so weit, da ihm das Schicksal
jedes Mal zuvor kommt. Eine Nonne im Krankenhaus, die eben noch davon schwärmte,
wie sehr sie sich den Himmel ersehnt, flieht vor dem Rasiermesser Archibaldos
und stürzt in einen offenen Fahrstuhlschacht. Kurz bevor er die leichtlebige
Patricia (Rita Macedo) töten kann, wird er unterbrochen, und in der gleichen
Nacht begeht Patricia Selbstmord, indem sie sich die Kehle durchschneidet.
Zwei Frauen sind besonders wichtig
für Archibaldo. Neben der verehrten Carlotta ist dies noch Lavinia (Miroslava
Stern), eine selbstbewusste junge Frau, die als Reiseführerin und Modell
für Schaufensterpuppen arbeitet. Archibaldo kauft eine solche Puppe und
zieht sie wie Lavinia an. Dann lädt er die junge Frau in sein Haus ein,
um sie im Backofen seiner Keramikwerkstatt zu verbrennen. Die Szene zwischen
Archibaldo und Lavinia ist gefüllt mit sexuellen Anspielungen. Die Frau
geht auf Archibaldos Spiel mit der Puppe ein und führt es weiter, indem
sie der Puppe ihre Kleider anzieht und nun selbst die Kleider der Puppe trägt.
Bevor Archibaldo zur Tat schreiten kann, wird er jedoch von einer amerikanischen
Reisegruppe unterbrochen, die in Begleitung Lavinias das Haus wieder verlässt.
Dieses Mal vollendet Archibaldo seine Mordfantasie, indem er stellvertretend
die Puppe im Backofen verbrennt, deren Plastikkörper sehr realistisch zuckt.
Während er die Puppe wie eine Leiche mit sich schleppt, verliert sie ein
Bein, wodurch die fetischistische Fixierung Archibaldos nochmals betont wird.
Von Carlotta erhoffte Archibaldo
sich seine Rettung. Umso mehr ist er schockiert, als er entdeckt, dass Carlotta
ein Verhältnis mit dem verheirateten Alejandro (Rodolfo Landa) hat. Zwar
beendet sie diese Beziehung noch vor der geplanten Hochzeit, doch für Archibaldo
ist sein Ideal zerstört. Er malt sich aus, wie sie in der Hochzeitsnacht
im Brautkleid vor ihm beten und wie er sie dann erschießen wird. Doch
wieder gelangt er nicht soweit. Auf der Hochzeitsfeier erscheint der abgewiesene
Alejandro und erschießt Carlotta.
Archibaldo gesteht dem ermittelnden
Kommissar (Carlos Riquelme) seine imaginäre Schuld. Er gesteht die vier
Morde, die er nur in Gedanken beging. Doch der Kommissar weist ihn jovial zurück.
Niemand könne für Verbrechen in Gedanken bestraft werden. Und er gibt
ihm noch einen guten Rat. Archibaldo möge sich doch einen Elektrorasierer
statt seiner Rasiermesser kaufen.
Buñuel erzählt seine
Geschichte sehr doppelbödig. Auf der reinen Handlungsebene gibt es nichts
Anstößiges. Hier wird die ironische Geschichte des verhinderten Mörders
erzählt. Doch ist diese Handlung mit sexuellen Anspielungen aufgeladen.
Buñuel versinnbildlicht dies vor allem mit weiblichen Schuhen, die er
zum sexuellen Symbol wandelt. Bezeichnenderweise trägt bereits der Knabe
Archibaldo an jenem verhängnisvollen Abend als seine Erzieherin ihn aus
seinem Schrankversteck holt, die Stöckelschuhe seiner Mutter. Für
Archibaldo sind Sex und Mordfantasien identisch. Sein Umgang mit Frauen scheint
vordergründig auf Sex zu zielen, nur dass die finale Vereinigung die Ermordung
der Frau wäre. Doch diese gelingt in der Realität nicht. Im Umkehrschluss
kann dies als Verbildlichung von Archibaldos sexuellem Unvermögen verstanden
werden. Archibaldo wird als allseits geschätztes Mitglied einer gutbürgerlichen
Gesellschaft gezeigt und Buñuel spiegelt sein Unvermögen in den
anderen männlichen Figuren des Films. Sowohl Patricia, als auch Lavinia
werden von ihren wohlhabenden Männern bewacht, ohne dass dies jedoch gelingen
würde. Die Männer haben keine Macht über ihre Frauen, sie sind
impotent im doppelten Wortsinn. Buñuel führt die bürgerliche
Gesellschaft als degeneriert und in Formeln erstarrt vor. Archibaldo glaubt
böse zu sein, doch ist die ihn umgebende Gesellschaft so korrupt und heuchlerisch,
dass der naiv böse Archibaldo immer schon überholt ist. In einer solch
verdorbenen Welt ist es nicht leicht, böse zu sein.
Es ist auffällig, welch zentrale
Rolle Spiegel in dem Film spielen. Archibaldo beobachtet mehrmals Szenen in
Spiegeln. Er ist ein Voyeur und macht uns als Zuschauer zu Voyeuren seiner Obsession.
In den Spiegelbildern wird enthüllt, was niemand sehen soll und sehen will.
Wir machen uns Bilder der Personen und Ereignisse. Seinen Höhepunkt findet
dieses Vorgehen in der bereits erwähnten Szene mit Lavinia und ihrer Puppe,
wo das Spiegelbild handgreiflich wird. Die handelnden Figuren des Films spielen
einander etwas vor, mit der Folge, dass niemand das ist, was er zu sein scheint.
Heuchelei ist das Grundmotiv dieser Gesellschaft.
In einer Szene auf Archibaldos
Hochzeit versammelt Buñuel eine joviale Gruppe bestehend aus einem Offizier,
einem fußkranken Priester und einem Beamten, die in ihrem Gespräch
das Bürgertum, die Sentimentalität, die Kirche und den Patriotismus
feiern. Diese Szene ist ein herrliches Beispiel für Buñuels Stil
der Doppelbödigkeit. Die drei Honoratioren repräsentieren all das,
was Buñuel sein Leben lang attackierte: die Dreifaltigkeit aus katholischer
Kirche, bigottem Bürgertum und Militär. Vordergründig bietet
die Szene ein freundliches etwas selbstgefälliges Gespräch. Doch eben
durch diese übertriebene Selbstgefälligkeit, durch die Art der Darstellung
desavouiert Buñuel dieses Bürgertum. Die genüssliche Selbstdarstellung
wirkt schärfer als jede Kritik. Hier fände kein noch so strenger Zensor
auch nur ein abfälliges Wort im Dialog. Trotzdem ist die Umsetzung eine
beißende Satire.
Der Schluss zeigt uns Archibaldo,
der in einem Sack die verhängnisvolle Spieluhr stellvertretend für
seine Kindheitserinnerungen im See versenkt und anschließend fröhlich
und befreit durch den Park spaziert. Rein zufällig trifft er Lavinia wieder
und verschwindet schäkernd mit ihr aus dem Bild. Was für ein Happy
End. Archibaldo scheint geheilt und geht einer befreiten Beziehung entgegen.
Wir haben hier ein für Buñuel typisches Happy End vor uns. Mehrmals
erhielt Buñuel von den Behörden Auflagen, das Ende eines Films abzuändern.
Und Buñuel verfeinerte dadurch sein Genie der Doppelbödigkeit, so
dass er in scheinbarer Vorwegnahme möglicher Zensur, seine bigotten Kritiker
unterläuft. Er bietet ein Happy End, doch er bietet ein so übertriebenes
Happy End, dass seine Übertreibung spürbar und als Satire erkennbar
wird.
Siegfried König
Das
verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz
Ensayo
de un crimen
Mexiko
1955, Regie: Luis Buñuel, Buch: Luis Buñuel, Eduardo Ugarte, Kamera:Agustin
Jimenez, Musik: Jorge Perez:, Mit: Ernesto Alonso, Miroslava Stern, Rita Macedo,
Ariadna Welter, Eva Calvo, Carlos Riquelme, Rodolfo Landa, Leonor Llausas.
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