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Vergiss
mein nicht!
Lösch
mich, Baby
Wo
Ich war, soll Es dämmern, nur klappt das nie so recht: Nach einem Drehbuch
von Charlie Kaufman hat der Musikvideoregisseur Michel Gondry die Beziehungskomödie
"Vergiss mein nicht!" gedreht
Das
Vergessen ist so ein Thema der Stunde. Gerade werden in der Traumatherapie Medikamente
getestet, die schreckliche Erinnerungen auslöschen. Das Feuilleton ist
interessiert. Andere wollen das Leben mit Altersdemenz und Vergesslichkeit im
Zuge des Hypes vom demografischen Wandel neu bewerten. Passend dazu verlor unlängst
Drew Barrymore immer wieder ihr niedliches Gedächtnis. Bei dieser nicht
gerade aufklärerischen Begeisterung für den Erinnerungsverlust ist
es kein Wunder, dass mancher auch das Ziel der Psychoanalyse, Verdrängtes
bewusst zu machen, umkehren möchte. Wo ein Ich und dessen Geschichte waren,
soll jetzt ein freundliches Es dämmern. Der Künstler Pierre Bismuth
hatte die Idee, kleine Kärtchen verteilen zu lassen, in denen dem Adressaten
mitgeteilt wird, ein bestimmter Freund habe ihn aus seiner Erinnerung gelöscht.
Musikvideo-Regisseur Michel Gondry fand, dass man einen Film daraus machen könne.
Der
Kulturtheoretiker Fredric Jameson erklärte die Ästhetik des Musikvideos
zu einer Spielart des Surrealismus, der dessen entscheidendes Element fehle:
Das Unbewusste. Musikvideos ähneln zwar Träumen und anderen Produktionen
des Unbewussten. Doch gibt es meist nichts zu verdrängen oder zu verarbeiten.
Charlie Kaufmans Spezialität als Drehbuchautor ist es, dem avancierten
Musikvideo genau dieses arbeitende Unbewusste nachzuliefern. Seine Drehbücher,
die bisher vor allem von dem bekanntesten Musikvideo-Regisseur Spike Jonze ("Being
John Malkovich",
"Adaptation")
realisiert wurden, arbeiten sich an den zentralen Tätigkeiten des Unbewussten
ab, wie die Psychoanalyse sie beschreibt: Verdrängung, Verdichtung, Verschiebung.
Kaufman kennt sich aus mit den Plots der Projektion und den Ochsentouren der
Objektwahl. Nur hilft bei ihm selten das Verarbeiten, sondern eher pessimistisch
das Glück des Vergessens.
Michel
Gondry, der Regisseur von "Vergissmeinnicht", ist neben Chris Cunningham
und Spike Jonze der dritte berühmte Videoregisseur (u. a. Klassiker für
Cibo Matto, Daft Punk und Björk). Auch für ihn hat Kaufman schon ein
Drehbuch geschrieben ("Human Nature"). Doch noch nie war der Plan
für den Abstieg der Kamera ins Selbst so ausgetüftelt wie hier. Bei
"Vergissmeinnicht" sollen eher im Bild als im Plot Verdrängtes
und Kindheitsprägungen aus dem Archiv des Subjekts herausgezogen und als
Spielfilm organisiert werden. Selbst Hitchcock traute sich das nicht und überließ
diese Arbeit einem ausgewiesenen Surrealisten: Salvador Dalí.
Eine
Psychoklitsche auf Long Island bietet ein Verfahren an, die Erinnerung an einen
ganz bestimmten Menschen zu löschen. Dies wollen die beiden Hauptfiguren
(Jim Carrey und die als verunsichert pampige Postslackerin großartige
Kate Winslett) nach einer ausweglos gewordenen Beziehung in Anspruch nehmen.
Bei Carrey nehmen wir an dem Vorgang teil. Filmchen für Filmchen werden
seine Winslett-Erinnerungen abgespielt und gelöscht. Doch Carrey selbst
ist als Homunculus anwesend und versucht, obwohl sein Alltagsselbst samt Körper
betäubt ist, die schöneren Erinnerungen an Kate in Sicherheit zu bringen.
Die Operateure löschen nur die Areale, die sie vorher bei Gesprächen
markiert haben, und von denen sie wissen, dass dort die gemeinsamen Tage mit
Kate stecken. Dies wissend, schleppt der Carrey-Homunculus während der
Operation die erinnerte Kate immer dahin, wo sie in seinen bisherigen Erinnerungen
nicht gewesen sein kann: zum Beispiel in die Kindheit.
Bei
dieser Tour de Force liefert Kaufmans Talent für immer neue Modelle des
menschlichen Innenlebens den Rahmen; Gondrys Liebe zu zirkulären Situationen,
zu Spiegelungen und Diptychen sorgt für die Bilder. Die unvermeidliche
Wiederbegegnung der beiden Gelöschten scheint dabei auf den unsympathischen
Determinismus hinauszulaufen, den Bowie mit "Always Crashing In The Same
Car" besungen hat: Man verknallt sich immer in dieselben Objekte, auch
noch nach einer Lobotomie. Das kann man dann nur noch einer Himmelsmacht Liebe
zurechnen, die an Geschichte und Individualität nicht interessiert ist.
So
wird die den Film einrahmende Wiederbegegnung zum Gegenteil der vom Philosophen
Stanley Cavell als "Wiederverheiratungskomödien" zusammengefassten
Filme der 30er und 40er um sich wiederfindende Paare. Die setzen ja gerade fort,
was als (gemeinsame) Geschichte unablösbarer Teil der beiden Personen geworden
ist. Hier kann es dagegen nur nach der kompletten Auslöschung der gemeinsamen
Geschichte weitergehen.
Statt
mythischer Wiederholungszwänge werden hier aber eher Provinzialität
und Konformismus als Ursache dafür plausibel, dass halbwegs sympathisch
gestörte Typen wie die beiden Hauptfiguren keine allzu große Auswahl
haben und daher immer wieder aneinander geraten. Für Einzelgänger
sind die USA eine Hölle der Déjà-vus: so variantenarm, dass
man eh bei jeder Begegnung das Gefühl hat, mit der Person schon mal geschlafen
zu haben. Dass man nicht ganz sicher ist, kann an einer Hirnoperation, an Alkohol
oder an der Ähnlichkeit der wenigen Infragekommenden liegen. Im Staging
einer solchen Welt aus sich in Kreisläufen um sich selbst erschöpfenden
Bildern ist Gondry groß.
Es
gibt aber auch eine andere, schönere Begründung, warum die zwei ein
zweites Mal zueinander finden. Alles, was sie bei ihrer Wiederbegegnung voneinander
wissen, ist, dass der andere sie schon mal löschen wollte. Interessant
wird es, als sie sich die ihnen zugespielten alten Tapes anhören, auf dem
der jeweils andere begründet, warum er den Lebenspartner löschen lassen
wollte. So erschrocken und fasziniert von diesen kenntnisreichen, aber darin
eben auch liebevollen Verrissen der eigenen Person, müssen sie sich doch
verlieben. Wer mich so genau durchschaut, der muss mich retten. Das ist dann
wieder ein alt-psychoanalytisches Motiv, es ähnelt der Übertragungsliebe
zum behandelnden Arzt.
Diedrich
Diederichsen
Dieser
Text ist zuerst erschienen in der:
Zu
diesem Film gibt’s im archiv
der filmzentrale mehrere Texte
Vergiss
mein nicht!
Eternal
Sunshine of the Spotless Mind
USA
2004. R: Michael Gondry. B:
Charlie Kaufman. P:
Steve Golin, Anthony Bregman. K:
Ellen Kuras. Sch: Vadis Oskarsdottir. M: Jon Brion. T: Thomas Nelson. A: Dan
Leigh, David Stein. Ko:
Melissa Thoth. Pg:
Focus Features/Anonymous Content. V: Constantin. L: 108 Min. Da: Jim Carrey
(Joel Barish), Kate Winslet (Clementine Kruczynski), Kirsten Dunst (Mary), Mark
Ruffalo (Stan), Elijah Wood (Patrick), Tom Wilkinson (Dr. Howard Mierzwiak),
Jane Adams (Carrie).
Dieser Film ist als DVD erhältlich bei: http://www.highlightvideo.de
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