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Viridiana
Das
ist kein Spielzeug
Kleine
Fetischkunde: Anmerkungen zu Luis Buñuels „Viridiana”
„Jetzt
heißt es: jeder für sich“, ruft eine abgerissene Frau und rennt davon,
nachdem sie zusammen mit einem Haufen verarmter Spanier ein zünftiges,
aber verbotenes Gelage in herrschaftlichem Hause abgehalten hat – und der Hausherr
heimkommt, um das zertrümmerte Speisezimmer zu entdecken. Viridiana hat
das dreckige Dutzend angeschleppt. Sie ist Novizin und wäre wohl eine gute
Nonne geworden; Ihre Gottesfurcht zumindest hat schon fast surreale Züge.
Sie gibt sich nicht mit einem bescheidenen Rosenkranz zufrieden, ihr tragbarer
Altar, ihr Fetisch, besteht aus einem massiven Holzkreuz, einer Dornenkrone
und einem Hammer. Doch was hilft’s! Die Menschen sind billig, das Fleisch ist
schwach und Viridianas abstoßender Onkel hat sich irgendwo auf dem Wege
der Trauerarbeit um seine tote Ehefrau so in seinen Neurosen verheddert, dass
er Viridiana, die eigentlich nur auf der Durchreise ist, in ein ziemlich mieses
Rollenspiel zwingt. Sie muss seine verstorbene Frau nachspielen – im Brautkleid.
Als er ihr – der künftigen Nonne! – dann noch einen Heiratsantrag macht,
will sie fliehen. Doch er betäubt sie, und sein perverses Spiel, seine
Inszenierung, gipfelt in einer echten oder erfundenen Vergewaltigung – wir wissen
es nicht. Sie ist sein Fetisch; kein Mensch, sondern ein Gegenstand mit magischer,
religiöser Wirkung.
Ihr
Onkel hat Viridiana also nicht rumgekriegt. Sie bleibt nicht nur sauber, sondern
rein. Sie ist so rein, dass sie es nicht mal über sich bringt, die Kuh
zu melken – hat ja auch was irgendwie Sexuelles, dieses Gefummel am Euter. Dann
darf die Novizin auch noch schlafwandelnd Asche aus dem Kamin entwenden und
am Morgen danach dem religiösen Sinngehalt dieser nächtlichen Geste
nachsinnen. Asche zu Asche und so. Wir sehen also: An christlich-ketzerisch-motiviertem
Symbol-Geschwurbel herrscht wahrlich kein Mangel.
Es
liegt nahe, dass Lars von Triers Heldin in „Dogville“ eine
Verwandte Viridianas ist. Wenngleich Grace am Ende Rache üben darf, was
Buñuels Heldin verwehrt bleibt. Wo man bei von Trier Pergolesis „Stabat
Mater“ in der Endlosschleife zu hören bekommt, erklingt in „Viridiana“
Händels Halleluja aus dem „Messias“ in schöner Regelmäßigkeit
– wenn auch nur von der Schallplatte. Und die Armenspeisung fällt diesmal
gleich mit dem Letzten Abendmahl zusammen: Die Penner stellen einfach mal einen
Da Vinci nach. Natürlich heisst einer der Gäste Zequiel und das Kruzifix
ist eigentlich ein Klappmesser. Religion ist also gefährlich, die katholische
allemal. Denn der eigentliche Leidensweg dieser Frau beginnt erst, als ihr Onkel
sich erhängt – und zwar mit einem Hüpfseil. Mit einem Hüpfseil!
Das ist doch kein Spielzeug! Man hätte es ihm rechtzeitig wegnehmen sollen,
denn praktisch alle Figuren in diesem Film zeichnen sich durch eine Infantilität
und Schlichtheit aus, die die depressiven Welten Kubricks geradezu hoffnungsfroh
erscheinen lassen. „She’s a bit simple“, beschreibt eine der Armen Viridiana
ungewohnt scharfsinnig. Diese nämlich eröffnet (in der Folge göttlicher
Eingebung) quasi ihr eigenes Privatkloster und gibt den Armen des
Dorfes Speise und Arbeit. Aber „jeder für sich“ – das gilt gleich von Anfang
an: Die so großzügig Beschenkten zerfleischen sich lieber gegenseitig,
zeigen gar keine Nächstenliebe für ihren leprakranken Kollegen, bemängeln
die Qualität der Bohnen und benehmen sich auch sonst schlicht undankbar.
Wie wird Viridiana ihre Aufopferung gedankt? Wie das so üblich ist, wenn
man sich aufopfert: Gar nicht. Es bleiben: ein verwüstetes Haus, ein lüsterner
Hausherr, eine weitere halbe Vergewaltigung und eine Leiche.
Gabriel
F. Yoran
Dieser
Text ist zuerst erschienen in der filmzentrale
Zu
diesem Film gibt’s im archiv
mehrere Kritiken
Spanien/ Mexiko
1961, Regie: Luis
Buñuel, Buch: Julio Alejandro
und: Luis
Buñuel. Mit: Silvia Pinal,
Fernando Rey, Francisco Rabal, Margarita Lozano, Jose Calvo.
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