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Vizontele
Inhalt:
In
einem kleinen Dorf Hakkari, irgendwo in Anatolien, schlummert um 1974 herum
das Leben und die Zeit scheint stehengeblieben zu sein. Die Menschen gehen vor
allem mit großer leidenschaft ins Kino und ihre offenkundige Abgeschiedenheit
vom Rest der Welt scheint sie in keinster Weise zu stören. Als auf einmal
ein Fernseher, ein wundersames "Radio mit Bildern", aus Ankara ankommt,
stellt dieser das Kaff auf den Kopf und Bürgermeister Nazmi wittert seine
große Chance mit dem "Vizontele", wie die Menschen hier den
Apparat nennen.
Kritik:
In
seinem Heimatland, der Türkei, ist Yilmaz Erdogan schon lange ein bekannter
Mann. Der erst 32-jährige wurde hier vor allem durch zahlreiche Theaterstücke,
Bücher und Schauspielleistungen zu einer allseits geläufigen Figur
des öffentlichen Lebens und im Jahre 2000 brachte er mit der Tragikomödie
Vizontele
sein Regiedebüt auf die Leinwand, das nun auch bei uns zu sehen ist. Der
Grund dafür, daß dieser Streifen überhaupt im ansonsten gegenüber
dem osteuropäischen und Balkan-Kino eher etwas vorsichtigen Deutschland
zu sehen ist, liegt augenscheinlich auf der Hand: Über drei Millionen Zuschauer
in der Türkei - ein neuer Rekord. Und ich kann sagen, wer Vizontele
gesehen hat, weiß, weshalb dem so ist:
Insbesondere
dadurch, daß Yilmaz Erdogan in seinem Werk eigene Kindheitserinnerungen
thematisiert (er selber ist in Hakkari geboren), gibt er dem Film einen ganz
besonderen, sehr stark lebensbejahenden Charakter und entführt den - ja
zumeist eher westlich orientierten - Zuschauer für knapp zwei Stunden in
eine Gegend, in der der Wandel der Zeit gestorben ist und ein Mikrokosmos, gespickt
mit Personen skurrilster Art, den Alltag eines jeden bestimmt. Die Hauptfiguren
in diesem Miniuniversum sind der Bürgermeister Nazmi, dessen Sohn zu Beginn
des Filmes als Wehrdienstleistender verpflichtet wird, was seiner Mutter größeren
Kummer bereitet, als seinem eher lässigen und optimistischen Vater, der
etwas abgedrehte Erfinder und Tüftler Enim (dargestellt von Erdogan selber)
und vor allem ein Kino.
Dieses
kleine OpenAir-Filmtheater ist der kulturelle und soziale Dreh- und Angelpunkt
Hakkaris, in dem sich die Bewohner des Dorfes tummeln, sich streiten, sich unterhalten,
sich freuen und ärgern; wo sich kleine Tragödien und kleine Komödien
zwischenmenschlicher Natur ereignen und wo auch vordergründig der einzige
Eindruck der Außenwelt vermittelt wird. Aber die Schauspieler auf der
Leinwand wirken so weit weg, so künstlich und so fremdartig auf die Bewohner
Hakkaris, daß sie aus einer anderen Welt zu stammen scheinen. Irgendwann
kommt aus Ankara eine kleine Sensation: Ein Fernseher. Niemand weiß wirklich
genau, was das ist, keiner hat jemals darauf etwas gesehen, geschweige denn
weiß, wie man damit umzugehen hat. Als man dann, vor allem durch den Bürgermeister
und Emin, der den Auftrag bekommt, das rätselhafte Gerät zum Laufen
zu bringen, langsam die Dienlichkeit dieses hochmodernen Apparates versteht,
spaltet dies das Dorf in zwei Hälften: Die eine behauptet, das "Vizontele"
würde Hakkari endlich die neusten Meldungen liefern und Kino für daheim
bieten, während die andere der Überzeugung ist, es handle sich hierbei
um ein Ding des Teufels und wäre ein Vorbote des Bösen...
All
diese kleinen Querelen und neckischen Nicklichkeiten unter den Bewohnern inszeniert
Erdogan mit leichter Hand und versprüht dabei jede Menge Charme und Optimismus,
wobei er in seinen stärksten Momenten es sogar vermag, den Zuschauer in
lautes Lachen ausbrechen zu lassen, oder ihm nachdenklich stimmende Impressionen
der doch eigentlich von Armut gebeutelten Dörfler überlässt,
welche er aber im gleichen Augenblick niemals depressiv oder resignierend wirken
lässt - eher im Gegenteil. Die Charaktere sind dem Zuschauer durch ihr
meist recht beschränktes und naives Denken sofort symphatisch und werden
durch sehr ordentliche Schauspieler, unter denen mir besonders der junge Cem
Yilmaz auffiel, der zwar nur kurz, aber dafür durchaus überzeugend
zum Einsatz kam und der sicherlich auch im westlichen Kino seine Chance haben
könnte, überaus adäquat in Szene gesetzt.
Diesbezüglich
ebenfalls erwähnenswert ist die gelungene Kameraarbeit von Omer Faruk Sorak,
der pralle Farben und schöne Kompositionen (besonders eine Einstellung,
in der Emin vor seinem Haus sitzt und eine Zigarette raucht, gefilmt aus einer
fast schon Froschperspektive, sagte mir ästhetisch sehr zu) in Einklang
bringt und es so versteht, ein unglaublich lebendiges und zwangloses Bild der
Bevölkerung zu entwerfen. Auch wenn der Film über weite Strecken eine
klassische Komödie mit allerlei intelligentem Witz und einer herrlichen
Unverkrampftheit ist, so hat Vizontele
auch seine ernsten und sogar kritischen Momente. In der Szene etwa, in der die
Frau des Bürgermeisters aus dem Fenster starrt und in der ewigen Sorge
um ihren Sohn ihren Mann fragt, ob Ankara denn nun weit weg wäre, macht
Yilmaz Erdogan seine Kritik am Zentralismus deutlich und fordert durch den Fernseher,
als Symbol des Westens und der sogenannten zivilisierten Welt, eine weniger
starke Anpassung an die westlichen Gewohnheiten, was besonders am Schluss sehr
deutlich wird, der wie ein Schlag ins Gesicht des erheiterten Zuschauers wirkt,
und ihm eine neue Interpretationsperspektive suggeriert, auch wenn der Film
hier in seinen letzten Minuten in manchen Augen vielleicht etwas zu sentimental
und vorhersehbar wird, was mich aber an dieser Stelle keineswegs störte.
Yilmaz
Erdogan ist mit Vizontele
ein sehr gelungener Erstling geglückt, den man sich als für den europäischen
und kleinasiatischen Raum offener Kinofreak ruhig mal ansehen sollte. Es bleibt
zu hoffen, daß dieses Werk auch der Start zu internationaler Bekanntheit
für den talentierten Regisseur wird!
Janis
El-Bira
Diese
Kritik ist zuerst erschienen bei:
Vizontele
(Türkei,
2001)
Regie:
Yilmaz Erdogan
Premiere:
27. September 2001 (Deutschland)
Drehbuch:
Yilmaz Erdogan
Länge:
110 Minuten
Darsteller:
Yilmaz
Erdogan (Deli Emin), Demet Akbag (Siti Ana), Altan Erkekli (Nazmi), Cem Yilmaz
(Sitki), Yasar Akin (Ihsan), Caner Alkaya (Yso), Yasemin Alkaya (Gulsen), Betül
Arim (Ismihal), Aydin Aydin (Zakir), Iclal Aydin (Reyhan), Senol Bali (Yilmaz),
Cezmi Baskin (Latif), Zeki Bayar (Berfinci)
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