zur
startseite
zum archiv
Volver
- Zurückkehren
Kataplasma auf
bloßem Herzen
"Volver" ist der reine
Überfluss. Kleider und Shirts in allen Farben und Mustern, durch impulsive
Bewegungen in einen expressiven Wirbel versetzt. Speis' und Trank in Hülle
und Fülle, Sandwiches, Kuchen, Marmeladen, zubereitet in wohlfundierten
Küchen von Frauen voller Hingabe und mit ebenso wohlfundiertem Körper.
Die Busen- und die Haarfülle von Penélope Cruz, von Almodóvars
Kamera so dezent wie ungeniert gefilmt. Ab und zu ein wenig selbstgepflanzter
Stoff, wenn einen das Bedürfnis überkommen sollte... Auch das Blut
schwallt kräftig auf dem Boden, nachdem eine der Frauen mit dem großen
Messer zugestochen hat.
"Volver" ist das spanische
Wort für Zurückkommen, fürs Heimkehren. Aber die Heimat, das
macht der Film deutlich, ist nicht mehr zum Bleiben, und das Verlangen, sie
wieder zu verlassen, ist so groß wie die Sehnsucht, die man aus der Ferne
nach ihr hat. Eine Heimat als Gefängnis, mit ihren Friedhöfen und
Erinnerungen und ihren Häusern, wo die Frauen, von den Männern und
vom Leben abgesperrt, sich jener Existenzform annähern, die bei Hitchcock die alte Mrs. Bates hat.
Volver bedeutet eine Rückkehr
für den Regisseur, hat man schon in den allerersten Berichten zum Projekt
lesen können, zwei seiner Lieblingsstars spielen wieder für ihn, Penélope
Cruz und Carmen Maura, und manchmal scheint der Film sich damit zu begnügen,
dieses Glück in Bilder und Töne zu fassen, in Bewegungen und Melodien.
Ich fühle mich, hat Almodóvar erklärt, wie die Frau, die Kathleen
Turner in Romancing
the Stone
spielt, eine lächerliche Autorin von sehr sentimentalen Romanen, die unablässig
heult, wenn sie sie schreibt. Und natürlich muß man die Überschwänglichkeit,
die Volver zelebriert, auch als einen Reflex auf den vorigen sehen, als Reaktion
auf die Beklommenheit und die Brutalität, all die Versagungen, die La
mala educación kennzeichneten.
Von einem Gardel-Lied hat der
Film seinen Titel, das die ganze Melancholie des Tangos aufs wunderbarste beschwört:
"Heimkehren mit einem verwitterten Gesicht, der Schnee der Zeit hat meine
Schläfen gebleicht und weiß gemacht. Spüren... dass das Leben
ein Windstoß ist, dass zwanzig Jahre nichts sind, dass der fiebrige Blick,
der durch den Schatten wandert, nach dir ausschaut und dich nennt..." Pedro
Almodóvar geht mit seiner Heldin Raimunda noch einmal zurück nach
La Mancha, in die Zeit der Kindheit, ins Land der Mütter. Ins Don-Quijote-Reich,
wo die Windräder sich noch drehen, aber nun als ein Zeichen von Dynamik
und Fortschritt, ein Instrument der Energiegewinnung. Man kann beim Wort "Volver"
auch an eine Wende denken, an eine Revolution, in den Beziehungen der Menschen,
in der Geschichte der Menschheit.
Der menschlichen Travestie, der
Travestie als Lebensform, wie sie Almodóvar in fünfzehn Filmen feierte,
gibt dieser Film eine neue Dimension - indem er ein Fortleben nach dem Tode
zeigt und das Leben als eine Form des Todes. Raimundas Mutter kehrt zurück,
Carmen Maura, und sie bringt Zersetzung mit sich, in allen Formen, von ihren
Fürzen bis zur Transzendenz. "Volver" ist ein freies Remake von
Marnie, eine schöne kleine Studie
über Eltern und Kinder, über die Pflicht der Eltern, über die
Kinder zu wachen, und die Pflicht der Kinder, diesem Schutz ein Ende zu setzen,
und die Schrecken, vor denen die Eltern die Kinder nicht bewahren können
und die sie selber ihnen antun...
Ein Freund, so erzählt Almodóvar
in seinen Produktionstagebüchern, der Autor Juanjo Millás, sei zu
den Dreharbeiten zu "Volver" gekommen, und habe ihn gefragt, ob dieser
neue Film inspiriert sei von dem Buch "Pedro Páramo" - dem
Meisterwerk von Juan Rulfo, das nur ein Thema, eine Obsession kennt: die Frage,
wie die Lebenden und die Toten eine Form der Koexistenz haben. Der mexikanische
Furor und der Furor von La Mancha, Almodóvar war verwirrt und begeistert.
Das unerbittliche Feuer, der brennende Wind, die Trübsal, die Rulfo wie
kein anderer erlebt haben muss: "Und wenn Sie wollen, können Sie diese
Trübsal sehen, wann immer Sie wollen. Der Wind wirbelt sie auf, aber er
weht sie niemals fort. Dort bleibt sie, als wäre sie dort auf die Welt
gekommen. Und man kann sie schmecken und fühlen, weil sie immer über
einem ist und eng an einen gepresst und weil sie beklemmend ist wie ein großes
Kataplasma auf dem bloßen Herzen."
Fritz Göttler
Dieser Text ist zuerst erschienen
im:
Volver
- Zurückkehren
Volver. E 2006. R,B: Pedro Almodóvar. K: José Luis Alcaine. S: José Salcedo.
M: Alberto Iglesias. P: El Deseo. D: Penélope Cruz, Carmen Maura,
Lola Dueñas, Blanca Portillo u.a. 120 Min. Tobis ab 3.8.06
zur
startseite
zum archiv