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Von Samstag auf Sonntag
Gustav
Machaty (1901-1963) - genau: der, der Hedy Lamarr für Ekstase
(1933) splitternackt ausgezogen hat - legt in Von
Samstag auf Sonntag
(Ze
soboty na nedeli (1931))
vor
allem die Sexualökonomie seiner Zeit offen. Anmerkungen zum Meisterwerk
eines Regisseurs, dessen Filmen seine Arbeitsumstände (Streitigkeiten mit
der Zensur, diverse Umschnitte und Exil in den USA seit Mitte der 30er Jahre,
wo er wertvolle Jahre seines Lebens mit fruchtloser Auftragssuche verplempern
musste) nie erlauben sollten, sich zu so etwas wie einem organischen, kanonisierbaren
"Gesamtwerk" zusammen zu fügen.
Ze
soboty na nedeli
ist Kino für Zeitgeschichtler und Romantiker (und welcher Cinephile ist
nicht zumindest eins von beiden?): Ein Film über Arbeits- und Machtverhältnisse,
zugleich eine ruhige Liebesgeschichte, und das ohne verlogene Augenauswischer-
und Zurechtbiegerei - so schwer das zu glauben ist, in Zeiten, in denen selbst
die New Economy im Kino ein humorig-menschelndes Antlitz verpasst bekommt: In
Good Company
(2004) befindet sich Ze
soboty na nedeli dann
auch nicht mit aktuellen naiven Versöhnungs- oder Radikalisierungsphantasien
(Die
fetten Jahre sind vorbei
(2004)),
sondern eher mit dem "anderen", im Rahmen seiner Möglichkeiten
um Aufrichtigkeit bemühten Populismus einer Verbindung von Kinoträumen
mit Kapitalismuskritik, wie ihn beispielsweise Billy Wilders The
Apartment
(1960)
darstellt.
"Von
Samstag auf Sonntag" bedeutet der Titel dieses Films, und steckt damit
gleich die erzählte Zeit ab, die für das Paradoxon dieses Films von
entscheidender Bedeutung ist: Er berichtet vom Wochenende, von der Freizeit,
vom Einrichten eines Privatlebens. Und damit unweigerlich vom Erwerbsleben und
seinen Hierarchien.
Wenn
Jean Renoirs La
Règle du Jeu
(1939) in seiner Überschneidung libidinöser, sozialer und politischer
Energien von sexual
politics
handelt, dann geht es in Gustav Machatys Ze
soboty na nedeli
um sexuelle Ökonomie: Mit wem kann sich wer unter welchen Umständen
den Austausch von Körperflüssigkeiten leisten? Man muss nicht Michel
Foucault an den Haaren herbeiziehen, um festzustellen, dass das vor allem auch
eine Frage sozialer Machtverhältnisse ist, und damit konkreter räumlicher
und zeitlicher Situiertheit. Wenn wir dieselbe Frage, sagen wir mal: für
das Kalifornien um 2004 stellen, dann kann dabei Alexander Paynes Sideways
herauskommen,
mit anderen Forschungsergebnissen als eben für die mitteleuropäische
Stadt (mutmaßlich: Prag) um 1931, die Ze
soboty na nedeli
untersucht. Dennoch erzählen beide Filme, gerade in ihren Differenzen,
mehr oder weniger explizit von Ähnlichem: von der jeweiligen Stabilität
der Klassenstruktur, Rolle von Sexualität in der Freizeitkultur, Verfügbarkeit
und Zuverlässigkeit von Verhütungsmitteln, von Moralvorstellungen,
und davon, dass diese Faktoren stark miteinander verfilzt sind.
Saturday
Night
Mána
(Magda Maderova), eine ledige junge Frau, ist Sekretärin, also Teil einer
neuen Kaste städtischen Lebens: dem Lohn nach Arbeiterklasse, dem Auftreten
nach Bürgertum. Der mit dieser Zwischenstufe verbundene Traum vom Aufstieg
hat in Ze
soboty na nedeli
allerdings nicht, wie in zeitgleich gedrehten Joan-Crawford-Filmen, das Gesicht
von Robert Montgomery oder auch nur Franchot Tone (geschweige denn Clark Gable).
Sondern das der feisten, schmierigen, geilen Bürger, die ein Fixpunkt in
Machatys Charakter-Personal sind und sich hier ganz selbstverständlich,
und sichtlich ohne den Glauben, ihre Absichten verbergen zu müssen, mit
einem gemeinsamen Samstagabend im Nobelclub eine Nacht im Bett einzukaufen versuchen.
Klar:
Die entsprechende Sequenz hat in ihrer Verdichtung von Machtverhältnissen
etwas Naives, Vulgärmarxistisches an sich. Aber zugleich eine ganz und
gar unhysterische Evidenz, die es nicht leicht macht, sie als überzogene
Paranoia-Phantasie vom Töchterraub des Proletariats abzuschütteln.
Dieser Tonfall speist sich nicht zuletzt daraus, dass Machaty nichts gegen Sex
hat: Es geht ihm, wie auch sonst in seinem Werk, nicht um moralische Ansprüche
an die Sittlichkeit seiner Frauengestalten, sondern um eine Pragmatik, die zwischen
Lust und praktischen Konsequenzen ausbalanciert, und der das "Angebot"
der beiden Männer eben nicht besonders verlockend erscheint.
Keine
Angst, Mána kommt schon noch zu ihrem Sex mit einem Fremden, nur eben
nicht über die männliche Verführungsmasche: Vor ihrem Date geflüchtet,
das sie in ein Stundenhotel abschleppen wollte, lernt sie in einem Arbeiterviertel
den ruhigen Setzer Karel (L.H. Struna) kennen, dem sie zum Trocknen ihrer Kleidung
in seine Wohnung folgt. Die Nacht und der folgende Morgen, die beide dort verbringen,
bilden das Zentrum des 68-minütigen Films: eine behutsame Folge von kleinen
Handgriffen und Gesten, Prüfungen und Vertrauensbeweisen, die dann, nach
ausreichender Rückversicherung über die Verlässlichkeit Karels,
im Bett enden.
Sunday
Morning
Ein
scheinbar organisch gewachsenes Glück, das sich aber am Morgen danach,
im Kontakt mit der Außenwelt, als enorm fragil erweist: Missverständnisse,
gekränktes Ehrgefühl, ein Selbstmordversuch. Am Ende gibt es noch
eine Chance, aber das Wochenende ist auch vorbei.
Als
Entdeckung aus heiterem Himmel ist Ze
soboty na nedeli
gewaltig. Aus dem Schaffen Gustav Machatys ragt dieser fast unbekannte Film
allerdings noch entscheidender heraus.
Denn
die Erzählung vom Begehren und seinen Kosten, die Machatys gesamtes Werk
und seinen formalen Ausdruck bestimmt, gewinnt hier durch die Verortung in einem
konkreten Milieu Entscheidendes an Präzision dazu: Die allegorische Abstraktion,
die Machatys vorangegangenen Stummfilm Erotikon
(1929) genauso bestimmte wie später sein Melodram Ekstase
(1933), ist zurückgedrängt, oder eher: an einer konkreten Lebenswelt
ausgetestet worden. Die metaphernschwere Zeichensprache, die eleganten Kamerafahrten,
die unwirkliche Beleuchtung, die sinnlichen Schnittfolgen von Detailaufnahmen,
all das ist noch da, aber eben im Dienste der Erfassung einer Welt hinter diesen
Mitteln.
Der Film atmet das befriedigende Gefühl, wenn es
einem Stilisten gelingt, gerade Kraft seiner formalen Obsession einen Blick
auf die Welt freizugeben, anstatt sich in selbstbezüglichem Leerlauf einzukapseln.
(Genau diese Grenze ist es, hinter die Wong Kar-wai mit 2046 (2005)
zurückgefallen ist.) Was dabei verloren gegangen ist, ist die tranceartige,
schwüle, symbolbeladene Atmosphäre, die Anspruch auf Universalität
zu erheben schien wie ein Traum aus dem Freud’schen Unbewussten. Was gewonnen wurde: der Tonfilm.
You
ain’t heard nothin’ yet!
Ob
diese Landnahme Machaty (der nicht ganz zu Unrecht gerne als tragisch zu spät
- 1901 - geborener Stummfilmregisseur klassifiziert wird) begeistert hat, ist
fraglich. Mit Ekstase,
der zwei Jahre später entstand, hat er sich wieder weitgehend in den Stummfilm
zurückgezogen: ein symphonischer Score überzieht den ganzen Film,
unterbrochen nur von wenigen Sätzen Dialog. Größer kann der
Unterschied zur komplexen Tonspur von Ze
soboty na nedeli
kaum sein. Wie M
(1931),
wie City
Lights (1931),
wie Okraina
(1933)
oder Boudu
sauvé des eaux
(1932) und viele andere Werke aus dem Zeitalter des Übergangs vom Stumm-
zum Tonfilm (in seiner heutigen Form), ist dieser Film geprägt vom Wunder,
dass wir im Kino die Welt plötzlich auch hören können: Ein Schlager,
einmal in pompöser Orchesterfassung, dann in einer schäbigeren Version
mit verstimmter Violine, begleitet Mána auf ihrem Weg durch die Milieus
des städtischen Nachtlebens, in das sie aus dem Trott des stumpfsinnigen
täglichen Tippens geflohen ist, das wir vom Beginn des Films noch im Ohr
haben.
Dieses
monotone Hämmern der Schreibmaschinen wird im Finale variiert wiederkehren,
als nervtötendes Tropfen eines Wasserhahns, aus dem scheinbar nur der Selbstmord
erlösen kann, drinnen im stillen Kämmerlein (bekanntlich ist ja gerade
auch die Stille eine Erfindung des Tonfilms), während draußen auf
der Straße ein Umzug mit Blasmusikkapelle stattfindet. Rettung aus diesem
letalen Dornröschenschlaf gibt es im Finale, wenn Karel das Fenster zwischen
Drinnen und Draußen zerschlägt: Das tödliche Gas entweicht ins
Freie und die schwungvolle Blasmusik poltert herein in die hochdramatische Situation,
in einem virtuosen Tonbild, das die Stadt als Lebensraum in ihrem Doppelsinn
erfasst: als Kontingenz des unbeteiligten Nebeneinanders und als belebende Zirkulation.
Das ist so grausam wie es schön ist. Kino als Popularkunst des 20. Jahrhunderts,
das hat in seinen utopischsten Momenten auch immer geheißen, dass man
sich nicht blöd stellen muss, um träumen zu dürfen.
Diese
Kritik ist auch erschienen in:
Von
Samstag auf Sonntag
Ze
soboty na nedeli
Tschechoslowakei/Österreich
1931
Länge:
69 min
Regie:
Gustav Machatý
Drehbuch:
Gustav Machatý, Vitezslav Nezval
Produzent:
Frantisek Horký
Musik:
Jaroslav
Jezek
Kamera:
Václav Vích
Schnitt:
Gustav Machatý
Künstl.
Leitung: Alexander Hammid
Darsteller:
Ladislav
H. Struna, Magda Maderova, Jirina Sejbalová, Karel Jicínský,
R.A. Dvorský, F.X. Mlejnek, Mimi Erbenová, Jan Richter, Frantisek
Sauer, Míla Svoboda, Václav Menger, Leo Marten, Asa Vasátková,
Ludvík Hradský, Josef Kobík, Jindrich Adolf, Josef Klapuch
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