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Wächter
der Nacht
Weidlich wiegt
der Wächter in den Schlafe
Der Kinoprojektor streikt. Ein schlechtes Omen? Dafür
gäbe es eigentlich keinen Grund. Projiziert werden würde doch "Nochnoy
dozor", in der deutschen Übersetzung "Wächter der Nacht",
ein mutmaßlicher Überfilm, der Exportschlager aus Russland, die Verfilmung
des ersten Teils einer Romantrilogie von Sergei Lukyanenko, die in der Heimat
Jubelstürme entfachte und die Kassen ordentlich klingeln ließ. Gelassenes
Warten, der Trailer sah gut aus. Dann flimmert es wieder. Die Vorstellung beginnt
- natürlich erst nach zehnminütiger Werbung.
Ein mittelalterliches Treiben auf der Leinwand. Ritter,
Rüstungen, Kämpfe. Klirrende Schwerter, schnelle Schnitte. Es ist
die Introduktion, im Off spricht eine Stimme und von zwei Mächten erzählt
sie: Gut und Böse, die ewigen Erzfeinde - mal wieder. Die Schlacht würde
niemand gewinnen, gleich stark seien beide Parteien. Ein Waffenstillstand musste
her. Er würde anhalten bis zu jenem Tage, an dem ein Auserwählter
kommen, sich für eine Seite entscheiden und das Gleichgewicht aus den Fugen
geraten würde; zumindest besagt sie das, die Prophezeiung.
Etwas später: der Schauplatz hat gewechselt.
Moskau, 2004. Es ist recht düster dort, aber man fürchtet sich nicht.
Ein von Mythen bewohnter Organismus. Zauberer, Hexen und Vampire treiben sich
da angeblich rum, und Formenwandler - viele davon wandeln ihre Formen allerdings
nicht, eigentlich nur eine Eule, Olga heißt sie. Aus der wird ein Mensch
(Galina Tyunina). Eine Nebenfigur an der Seite des Protagonisten Anton (Konstantin
Khabensky) ist diese Eulen-Olga, eine Repräsentantin des Guten, eine Wächterin
der Nacht. Die wollen alles austarieren, zäumen ihre Pendants, die Wächter
des Tages, und erteilen ihnen Lizenzen für ihre frevelhaften Taten. Wer
also Böses vollbringen will, muss sich dieses Anliegen vorher genehmigen
lassen. Ja genau, erst beantragen. So wie in der deutschen Bürokratie.
Der Film läuft und läuft. Ziemlich abstrus.
Ein ganz schönes Gerümpel. Ein Vampirpaar mittendrin trachtet nach
dem Leben eines Jungen. Es kommt zur Rettung und Gegenüberstellung: Vampir
versus Anton. Wie öfters noch surren die Mücken als Nebenerscheinungen
einer rätselhaften Zwischenzone mit offenbar verlangsamt ablaufender Zeit;
unsichtbar der Vampir, in ihr, sich bewegend. Mit einer Spiegelscherbe versucht
sich Anton zu behelfen. Silhouetten eines Kampfes. Die Schnitte zu rasant, stroboskopisch
schnell. Sie traumatisieren, geißeln den Sehnerv, aber vermitteln festlich
das Konzept des Filmes: die Verwirrung. Ein echtes Dickicht. Eine Frau, darin
verheddert, ist verflucht. Über ihr taucht ein Wirbel auf, ein zerstörerischer
und bedrohlicher, ehe er verpufft geschwind. Hanebüchen ist die Lösung.
Und die Logik, die ist stellenweise im Urlaub: Als ein Kraftwerk zu Schutt und
Asche zerfällt, gehen die Lichter aus, auch in einem Stadion. Nur die Anzeigetafel
dort, die rebelliert.
Der Film läuft und läuft, läuft ziemlich
lange. Und Regisseur Timur Bekmambetov lässt sich nicht beirren, will weiter
verwirren und jongliert fortwährend mit schön getricksten Spielereien.
Zeitlupen, Verfremdungen, überdurchschnittlich - man zieht den Hut - gute
Kamerafahrten. Einmal verfolgt er, wie sich eine Niete von einem Flugzeug löst,
durch die Wolken fällt, auf ein Gebäude stürzt, durch den Lüftungsschacht
rollt und schließlich in einer Kaffeetasse landet. Bekmambetov beweist
einmal seine Fähigkeiten, als Arrangeur des Bildes. Dann aber die Ausuferungen,
wenn ein Kleinlaster mit flammendem Auspuff bei voller Fahrt bremst, einen Salto
vollführt und dann geradewegs weiterfährt. Ziemlich cool soll das
sein, so wie im besten amerikanischen Kino, das glänzt und glänzt.
Man möchte auch glänzen und den Rücken krümmen zur Verbeugung.
Darum hängt im Hintergrund mal das Portrait des "Scream"-Killerkostüms
in der "Scary-Movie"-Variante und im Fernsehen läuft "Buffy",
die Vampirjägerin, mit Sarah Michelle Gellar.
Es ist es soweit, der Film, durchwachsen gespieltes
Konglomerat aus Fantasy und Horror, ist am Ende. Konfusion, überraschend
rar gesäte Action, ungenutztes Konfliktpotenzial. "Wächter der
Nacht", bescheidene Exposition, Epik im Larvenstadium. Vielleicht reift
alles noch in den folgenden Teilen, reift wie der Wein mit der Zeit. Vielleicht.
Die Gedanken, sie schweifen. Auf der Leinwand flimmert nichts mehr. Metaphorisch
fällt der Vorhang, ein Überfilm war es nicht.
(Oktober 2005; verwirrte Impressionen einer Verirrung)
Daniel Szczotkowski
Wächter
der Nacht (Nochnoi
Dozor)
Russland
2004 - Originaltitel: Nochnoi dozor / Night Watch - Regie: Timur Bekmambetov
- Darsteller: Konstantin Khabensky, Vladimir Menshov, Valery Zolotukhin, Maria
Poroshina, Galina Tunina, Victor Verzhbitsky - FSK: ab 16 - Länge: 114
min. - Start: 29.9.2005
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