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Wächter
des Tages
Mit dem Erfolg von „Wächter
der Nacht“ (fd 37253) erhob sich
die brachliegende russische Filmindustrie wie ein Phönix aus der Asche.
Sogar in den USA spielte der Actionfilm beachtliche 1,5 Mio. Dollar ein. Ein
kassenträchtiger Überflieger verspricht auch die Fortsetzung zu werden.
In Russland erzielte „Wächter des Tages“ in den ersten beiden Wochen das
doppelte Einspielergebnis des Vorgängers. Die filmischen Adaptionen der
in Russland beliebten Roman-Reihe bringen einen leicht schmuddeligen Touch ins
Fantasy- und Science-Fiction-Genre; „Star
Wars“ (fd 20658) oder „Matrix“
(fd 33720) sehen im Vergleich dazu blitzsauber aus.
Die „Wächter“-Filme spielen in einem Moskau,
das im Zeichen morbider „Ostalgie“ steht. Fabrikmauern bröckeln, durch
Mietskasernenkorridore zieht Kohlsuppenmief; mittendrin führen Gut und
Böse ihren Kalten Krieg, wobei die Grenzen zwischen hell und dunkel selten
klar zu ziehen sind. Mütterchen Russland zieht manchmal böse Fratzen
– und der freundliche Nachbar könnte ein Blutsauger sein. Beide Filme nehmen
ihren Ausgang in einer mythischen Schlacht im Jahr 1342, aber die Handlung selbst
spielt sich in der Gegenwart ab. Die Protagonisten sehen, hören, fühlen
mehr als Normalsterbliche. Die „Wächter der Nacht“ patrouillieren in Rote-Armee-Trucks
durch Moskaus Straßen, um Vampire und anderes Gespenstergesindel in Schach
zu halten.
Diesmal erlebt man aber auch die finsteren „Wächter
des Tages“ im Einsatz, die ebenfalls die Einhaltung des Waffenstillstands kontrollieren
sollen. Über Jahrhunderte konnte der Burgfriede zwischen Gut und Böse
aufrechterhalten werden, jetzt steht das Gleichgewicht kurz vor dem Kollaps:
Verantwortlich ist Anton, der sympathische, etwas schlampige Held der Serie.
Als ein „Anderer“ (ergo: übersinnlich Begabter) musste auch er sich entscheiden,
ob er der hellen oder der dunklen Partei angehören will. Er schloss sich
den Guten an, deren Chef Geser von den Moskauer Stadtwerken aus operiert. Nach
diplomatischen Verwicklungen um einen mysteriösen Mord muss Anton untertauchen
und seinen Körper mit einer Kollegin tauschen. Das bringt ihn seiner Traumfrau
Swetlana nahe, mit der er in einer originellen „lesbischen“ Liebesszene unter
der Dusche steht, um ihr seine wahre Identität zu enthüllen und seine
Liebe zu gestehen.
Unterdessen wird Antons minderjähriger Sohn
Yegor, den eine Hassliebe mit dem Vater verbindet, von der Gegenseite verführt
– nach dem Vorbild Anakin Skywalkers in „Star Wars“. Der Junge ist ein mit besonderen
Kräften begabter „Großer Anderer“ und stellt damit mehr als ein Familienproblem
dar: Wegen Yegor, der vom bösen Boss Zavulon in der Fürstensuite des
„Hotel Kosmos“ verwöhnt wird, droht der Status quo ins Wanken zu geraten.
Das bedeutet Krieg, Chaos und gegebenenfalls Weltuntergang. Am Ende inszeniert
Regisseur Timur Bekmambetow eine Materialschlacht, die es locker mit „Independence
Day“ (fd 32118) oder „Armageddon“ (fd 33238) aufnehmen kann. Aus den Trümmern
der zerstörten Metropole steigt freilich die Frage auf, wie es am Ende
der Trilogie weitergehen soll. Dank Unterstützung von 42 (!) russischen
Trickstudios wird auch vor dem Showdown schon ordentlich geklotzt. Autos und
Motorräder fliegen durch die Luft; in einer Rennauto-Szene rast eine böse
Agentin in ihrem roten Sportcoupé senkrecht über die „Kosmos“-Fassade,
saust durch Hotelflure, um dann vor den Füßen ihres tafelnden Chefs
die Bremsen quietschen zu lassen. Oberfinsterling Zavulon schwelgt im Luxus
wie ein Großindustrieller, während sein Gegenspieler Geser wie ein
freundlicher, aber durchsetzungsfähiger Duma-Abgeordneter wirkt: zeitgenössische
Archetypen.
Es überrascht kaum, dass Bekmambetow sich in
den 1990er-Jahren sein Geld als Werbefilmer verdiente. In seinem vierten Spielfilm
setzt er einmal mehr auf Rasanz, schnelle Schnitte, brüske Zeitsprünge
und spektakuläre Bilder. Indes verliert sich im Strudel der Effekte jedes
menschliche Maß. Prinzipiell interessante Figuren wie Anton, Swetlana
oder Yegor fallen einer bodenlosen Überwältigungsästhetik zum
Opfer. Der Regisseur kann oder will keine stringente Geschichte erzählen,
keine größeren Spannungsbögen aufbauen, keine Anteilnahme erwecken.
Wie der Vorgängerfilm ist „Wächter des Tages“ über lange Strecken
so wirr aus Horrormotiven, Actionfilm-Klischees und Alltagsfragmenten zusammengeschustert,
dass man nicht einmal unglücklich darüber ist, dass am Ende alles
in Stücke geht.
Jens Hinrichsen
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: film-dienst
Wächter
des Tages (Dnevnoi Dozor)
Russland 2006 - Originaltitel: Dnevnoi Dozor - Regie: Timur Bekmambetov - Darsteller: Konstantin Khabensky, Maria Poroshina, Vladimir Menshov, Galina Tyunina, Viktor Verzhbitsky, Zhanna Friske, Dima Martynov - FSK: ab 16 - Länge: 131 min. - Start: 20.9.2007
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