zur startseite
zum archiv
Wahre
Lügen
Vom Trauma zum
Exzess
Atom Egoyans neuer Film "Wahre Lügen"
kommt zunächst erstaunlich geradlinig daher. Ein klassischer Whodunit-Plot,
angesiedelt vor 50er-Jahre-Kulissen, dazu saftige Sexszenen. Die tragische Dimension
hält der Regisseur bis zum Schluss zurück
Vor zwei Jahren erschien in der britischen Filmzeitschrift
von Sight and Sound unter dem Titel "No Sex please, We are American"
ein Artikel, in dem Paul Verhoeven, Brian de Palma und William Friedkin darüber
lamentierten, dass es heutzutage in Hollywood schier unmöglich geworden
sei, vernünftige Sexszenen zu drehen. Verhoeven schwärmte unter anderem
von mehrseitigen detaillierten Beschreibungen in den Drehbüchern von Joe
Eszterhas und "symphonisch" anmutenden Paarungsritualen zwischen Sharon
Stone und Michael Douglas. Das Resümee des Artikels fiel eindeutig aus:
Es gibt - Bush und Konsorten sind schuld - keine Mainstream-Filme mehr, in denen
es noch richtig zur Sache geht. Blümchensex sei das höchste der Gefühle.
Es ist kaum anzunehmen, dass Atom Egoyan sich in
der Gesellschaft der zornigen alten Männer allzu wohl gefühlt hätte
(viel lieber würde man ihn einmal an einem Tisch mit Ulrich Seidl sehen)
- obwohl sein neuer Film "Wahre Lügen" auf den ersten Blick selbst
an die Tradition schwül-hitziger Eszterhas-Verfilmungen erinnert, die in
den Neunzigerjahren das kurzlebige Genre des Erotikthrillers begründeten.
"Wahre Lügen" beschreitet in Egoyans ungemein beständigem
Oeuvre in mehrerlei Hinsicht Neuland: Sein Budget übersteigt das früherer
Filme um ein Vielfaches, es gibt mit Colin Firth und Kevin Bacon zwei zugkräftige
Namen, und "Wahre Lügen" kommt als Genrefilm, als Neo-Noir-Krimi
daher.
Am Anfang liegt ein totes Mädchen nackt in der
Badewanne einer Luxussuite - ein Skandal, der im Jahr 1957 den kometenhaften
Aufstieg des Entertainer-Duos Lanny Morris and Vince Collins vorzeitig beendete.
"Wir waren nicht bloß Helden", erzählt Lanny (Kevin Bacon)
aus dem Off, "wir waren Götter." Die Figuren von Lanny und Vince
sind lose an den Fünfziger-Jahre-Act von Dean Martin und Jerry Lewis angelehnt;
der lässige Crooner und sein anarchistischer Sidekick, das Yin und Yang
des Showbiz. Lanny: "Wir waren ein Junge-Mädchen-Gespann. Ich war
Spaß, er war Kontrolle. Ich war Rock 'n' Roll, und er war Klasse. Seine
Anwesenheit erlaubte Amerika, mich zu lieben."
Die Hybris der selbst ernannten Götter endet
nicht am Bühnenausgang. Außerhalb des Rampenlichts lassen sie erst
richtig die Sau raus: Sex, Koks, Pillen ("Alles, was nicht injiziert wurde,
war okay. Es war nicht ernsthaft ernst"), Mafia, noch ein paar Pillen,
ein flotter Dreier im Hotelzimmer - das Leben ein einziger Exzess. "Der
netteste Typ der Welt zu sein", diktiert Lanny in das Aufnahmegerät
der jungen Gesellschaftsreporterin Karen O'Connor (Alison Lohman), "ist
der schwierigste Job der Welt, wenn du es nicht bist."
Eine Millionen Dollar ist diese Geschichte wert.
Diese Summe bietet ein großer Verleger Vince Collins fünfzehn Jahre
nach dem Ende seines berühmten Show-Acts mit Lanny Morris für seine
Lebensgeschichte. Karen ist die Aufgabe zugekommen, gemeinsam mit Vince an dessen
Memoiren zu arbeiten. Ihm ist zunächst nicht klar, welche Rolle er und
Lanny in Karens Leben spielen, und noch viel weniger, welche das Mädchen
für ihn und Lanny spielen wird. Sicher ist nur, dass jene Nacht im Jahr
1957, als in Lannys und Vince' Hotelzimmer das tote Zimmermmädchen Maureen
(Rachel Blanchard) aufgefunden wird, der Schlüssel zu dem Geheimnis ist,
das die Karrieren von Vince und Lanny seither umgibt.
Egoyans faszinierter Blick auf die amerikanische
Unterhaltungsbranche der Fünfzigerjahre unterscheidet sich gravierend von
seinen früheren Arbeiten, in denen traumatische Erlebnisse die übergreifende
Erzählstruktur bildeten. Das zeigt sich schon in der Akribie, mit der Egoyan
die Nachtclub-Auftritte und den 39-stündigen Benefiz-Fernsehmarathon, Lannys
und Vince' letzten gemeinsamen Auftritt, im Stile eines period pictures nachstellt.
"Wahre Lügen" ist wie üblich bei Egoyan als Labyrinth aus
Täuschungen, Selbstbetrug und emotionalen Abhängigkeiten entworfen,
doch sind die Beziehungen der Figuren zueinander, auch ihre gegenseitigen Machtverhältnisse,
weniger verstörend angelegt, als man es von ihm gewohnt ist. Die traumatische
Erfahrung führt in "Wahre Lügen" immer wieder nur geradewegs
in den Exzess.
Dennoch sind die Bezüge zu zwei von Egoyans
besten Filmen, "Der Schätzer" (1991) und "Exotica"
(1994), unverkennbar. In "Der Schätzer" wie in "Exotica"
schrammt die Erotik immer haarscharf am Pathologischen entlang, gerade auch
durch ihre sterile Körperlosigkeit. Die sexuellen Stimuli zielen nicht
mehr auf Triebbefriedigung ab - wohl kaum etwas läge Egoyan ferner als
die bloße Transgression von Abbildungstabus, auf die Verhoeven, de Palma
und Friedkin in ihren Filmen primär abzielen.
In beiden Egoyan-Filmen fungieren sexuelle Reize
vielmehr als eine Form der Kontaktaufnahme; ein Code, der nur von Sender und
Empfänger entschlüsselbar ist und der den unwissenden Betrachter automatisch
in die Rolle des Voyeurs drängt. In "Der Schätzer" stellt
sich über die heimlich aufgezeichneten Pornofilme eine gemeinsame Erfahrung
her zwischen dem entfremdeten Leben der Zensorin und ihrer armenischen Schwester,
die des Englischen nicht einmal mächtig ist. Ihr Mann wiederum, ein Gutachter
für Feuerversicherungen, leistet Liebesdienste an seinen vom Schicksal
getroffenen weiblichen Klienten; sein Altruismus ist auf der Grundlage von Abhängigkeiten
errichtet. Die Lapdances in "Exotica" folgen einem noch viel komplizierteren
Verständigungsmodell, sie sind voller inzestuöser Implikationen und
vervollkommnen damit die sprachlose Verstörung. Insofern Egoyan solche
Codes nur zögerlich aufschlüsselt, meist in fragmentarischen Zwischenschnitten
aus Traumbildern, Rückblenden und Erinnerungsschlieren, spielen alle seine
Filme gewissermaßen mit klassischen Topoi des Mystery-Thrillers.
"Wahre Lügen" ist ungleich gestraffter,
eingängiger und folgerichtig auch expliziter: ein klassischer Whodunit
mit einigen saftigen Sexszenen. Mysteriös in der Verwinkelung seines Plots
und seiner Erzählperspektiven (Karen und Lanny wechseln sich mit ihren
Off-Kommentaren ab und stiften dabei Verwirrung), aber erschreckend banal in
der Aufschlüsselung seiner traumatischen Struktur.
Karen wird sogar doppelt sexuell kompromittiert.
Erst treibt sie es mit Lanny, später schmeißt Vince ihr aus alter
Gewohnheit ein paar Pillen ein, um sie beim Techtelmechtel mit einem blonden
Collegegirl, der Karen zuvor - wieder bei einer Benefizveranstaltung - als Alice
im Wunderland begegnet ist, zu beobachten. Die sexuelle Dialektik von Dominanz
und Unterwerfung zieht in "Wahre Lügen" vulgärpsychologische
Affekte nach sich.
In den USA hat das genügt, um "Wahre Lügen"
kurzzeitig ins Gespräch zu bringen. Die öffentlichen Diskussionen
um die Altersfreigabe haben dem Film letztlich allerdings mehr geschadet als
genutzt, denn die Kritik merkte sehr schnell, dass Egoyans Film den Wirbel nicht
rechtfertigte. In der offiziellen Version ging es der MPAA um die paar Sexszenen,
die in "Wahre Lügen" zwar nicht unbedingt expliziter als gewohnt
ausfallen, dafür aber etwas ausführlicher inszeniert sind (Bacons
unverblümtes Voice-Over und der exzessive Drogenkonsum taten ihr Übriges).
In einem amerikanischen Filmmagazin versuchte Egoyan als Reaktion auf die Entscheidung
der MPAA, den Film mit einem NC-17-Rating zu versehen (vergleichbar mit der
deutschen "ab 18"-Altersfreigabe), das Grundproblem beim Filmen von
Sexszenen zu erklären.
"Die offensichtlichste Lösung, zu sehen
in zahllosen Hollywood-Filmen, ist, die Köpfe und Schultern der Darsteller
zu kadrieren, während ihre Unterleiber die Arbeit verrichten. Gelegentlich
schneidet der Regisseur in die Totale, aber der Akt selbst bleibt quasi unsichtbar.
Die Körper der Schauspieler befinden sich unter den Bettlaken. Ich bin
allerdings überzeugt, dass der master shot die beste Methode ist, eine
Sexszene zu filmen - eine einzige, ungeschnittene Sequenz. Ich will Körper
sehen. Die traditionelle Kopf-Schulter-Kadrierung hätte in meinem Film,
mit diesen Figuren, nicht funktioniert. Die Sexszenen mussten reißerisch
und zügellos aussehen. Ich wollte den Sex roh und entblößt."
Egoyans Kritik ist nahezu identisch mit der von Verhoeven,
de Palma und Friedkin, aber Egoyan scheint die MPAA zu unterschätzen, wenn
er lediglich die explizite Darstellung der Unterleibsbewegungen für das
hohe Rating verantwortlich macht. Denn Egoyan hat die sexuellen Konnotationen
von "Wahre Lügen" weitaus ambivalenter angelegt, als es auf den
ersten Blick scheint. Hinter der verdrogten Geilheit offenbart sich ein schwarzes
Loch sexueller Repression. Karen fungiert in diesem, wie Lanny es viel sagend
ausdrückt, boy-girl act eher als Katalysator denn als aktive Teilnehmerin.
Darin wiederholt sich die Geschichte von Maureen, die 15 Jahre zuvor eingekeilt
zwischen Lanny und Vince sterben musste. Als willfährige Gespielin heizt
Karen die Stimmung bloß an. Doppelpenetration, die Two-on-One-Sexnummer
(zwei Männer, eine Frau), gehört zu den Standards im Pornofilm; in
"Wahre Lügen" legt Egoyan die homosexuellen Untertöne dieser
Konstellation frei.
Lanny sinniert über die Vorzüge der Missionarsstellung.
Er bevorzuge den Blickkontakt, sagt er, es gebe keine Geheimnisse. Er blicke
den Mädchen in die Augen und wisse, wer sie sind. Doch bei Maureen war
es anders, fügt er hinzu: "Sie sah genau, wer ich war." Was sich
hinter dieser kryptischen Bemerkung verbirgt, verstehen wir kurz darauf, als
sich Vince von hinten an Lanny heranmacht. Vince scheint zunächst Orientierungsprobleme
zu haben; er findet die richtige Öffnung nicht. Lanny nimmt das zunächst
recht locker. Doch als Vince sich erneut an dessen Hintern zu schaffen macht,
diesmal mit etwas mehr Nachdruck, platzt Lanny der Kragen. "Wir ficken
nicht, Vinnie," schreit
er einem sichtlich gebrochenen Vince ins Gesicht. "Wir lieben uns, aber
wir können keine Queers sein!" Können - ein kleiner, aber feiner
Unterschied.
Bacon hat in Interviews einen ähnlichen Verdacht
geäußert. Seiner Meinung nach war allein der homoerotische Subtext
ausschlaggebend für das unangemessen hohe Rating von "Wahre Lügen"
- dazu passt auch, dass Egoyan nach dem ersten Votum der MPAA eine leicht gekürzte
Fassung des Films vorlegte. Doch auch diese wurde mit dem NC-17-Rating versehen,
sodass Egoyan schließlich die ursprüngliche, ungeschnittene Fassung
in die Kinos brachte - ohne Altersfreigabe. Schwuler Sex und Drogen, so scheint
es, gehen in Hollywood einfach nicht zusammen.
Dabei ist es dieser subtile, fast unmerkliche Twist,
der "Wahre Lügen" erst interessant macht und ihm eine ähnlich
tragische Qualität wie in "Exotica" oder "Das
süße Jenseits" verleiht.
Nach dem Urteil der MPAA jedoch muss der Film wohl etwas anders gelesen werden
als von Egoyan geplant: als Metakommentar auf die Bigotterie der amerikanischen
Unterhaltungsindustrie - der Gegenwart.
Andreas Busche
Diese Kritik ist zuerst erschienen
in der taz
Wahre
Lügen
Kanada
/ Großbritannien / USA 2005 - Originaltitel: Where the Truth Lies - Regie:
Atom Egoyan - Darsteller: Kevin Bacon, Colin Firth, Rachel Blanchard, Alison
Lohman, Maury Chaykin - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 16 - Länge:
108 min. - Start: 2.2.2006
zur startseite
zum archiv