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Walk the Line
Zynische
Sprüche, zerdepperte Hotelzimmer
Diesseits von Eden: Joaquin
Phoenix und Reese Witherspoon spielen im großen Johnny-Cash-Epos "Walk
the Line" beklemmend schön.
Es ist eine alte Geschichte, die
dieser Film erzählt, aber mittendrin gerät sie irgendwie aus den Fugen.
Die Geschichte von Kain, der jahrelang von Reue geplagt wurde und ins Grübeln
kam über Abels Tod. Womöglich war doch nicht er schuld am Tod des Bruders, vielleicht
hat nur der Vater ihm dies alles suggeriert – der Abel viel mehr liebte und
für den besseren Sohn hielt. Die Geschichte vom übermächtigen
Vater also, auf die Hollywood sich einst so gut verstand, in Filmen wie „Red
River“, „Jenseits von Eden“ oder „Run for Cover“. Zehn Jahre hat Regisseur
James Mangold gebraucht, bis er schließlich ein Hollywoodstudio – die
Fox – überzeugt hatte und diese Geschichte erzählen durfte. Die
Geschichte einer Erlösung, der Befreiung von einem Fluch, und welche Rolle
die Musik dabei hatte und die Liebe. Was damit zusammenhängt, dass man es nie leicht hatte mit
der amerikanischen Kultfigur Johnny Cash, mit seinem Spiel mit Naivität,
Glaubwürdigkeit, Unnahbarkeit. Mit dem Mythos, den er beharrlich um sich
wob – der Mann in Schwarz, der bekehrte junge Wilde, der Sänger des Folsom
Prison Blues, der am liebsten für die spielte, die die Gesellschaft ausgrenzt.
Eine emphatische, in einem Feuerring brennende Story, die James Mangold ganz
kühl inszeniert.
Der Film erzählt, wie Johnny
Cash sich auf die Bahn setzte, in den Sechzigern, die er dann den Rest seines
Lebens unbeirrbar verfolgte – mit einer Konsequenz, die keine Angst hatte vor
der Monotonie. Am Ende dann ein Verstummen, nach langer Krankheit, das fast
natürlich wirkte. Mangold zeigt Johnnys Jugend an der Seite von Jerry Lee
Lewis und Elvis, auf Tourneen für das Sun Label, die zermürbenden
Fahrten in den Bandbussen, den Rock und die Religion, die Nächte und Vormittage
mit Alkohol und Drogen, zynische Sprüche und zerdepperte Hotelzimmer.
Das ist schönes kraftvolles
Genrekino, eine wilde Künstlerjugend, die mit der Selbstzerstörung
kokettiert. Dann kommt June Carter, das Countrygirl, und plötzlich weiß
der junge Johnny, wie er das zusammenbringt, die Wahrheit der eigenen Existenz
– des Bruders Tod, die Vorwürfe des Vaters – mit dem Showbusiness. Wo bist
du gewesen, hat der Vater gefragt, damals, in der Baumwollregion von Arkansas,
als er John auf der Straße begegnete – er fuhr ins Krankenhaus, wo der
Bruder Jack lag, die Brust blutig, die er sich an einem Sägeblatt bei der
Arbeit zerfetzt hatte. Kains Trauma – dass der falsche Sohn gestorben ist, der,
auf dem die Hoffnungen der Familie ruhten. Wo bist du gewesen ... John war fischen,
am Fluss. In einer anderen Angelszene, später im Film, wird June ihn von
seinem Trauma erlösen, das ist eine der schönsten Liebesszenen der
letzten Jahre.
Es ist nicht die individuelle
Biografie des jungen Johnny Cash, die James Mangold interessiert, es ist der
amerikanische Archetypus, den er in ihm sieht. „In einem der Gespräche,
die ich mit John vor seinem Tod hatte, fragte ich ihn, wie es kam, dass er seine
erste Frau Vivian so schnell heiratete. Und er sagte zwei Worte: Pier Angeli
– das war James Deans Geliebte. Er sah sich selbst als James Dean ...“Holy shit“,
dachte James Mangold, als er das hörte, denn genau das war seine Vorstellung
gewesen, als er das Drehbuch schrieb: Johnnys Leben modellieren nach dem Vorbild
von „Jenseits von Eden“.
Ein anderer Mythos, eine andere
Überlagerung: „Johnny Cash lud mich zu sich nach Hause ein“, erzählt
Joaquin Phoenix, das war sechs Monate, bevor er für die Cash-Rolle überhaupt
ins Gespräch kam. Cash war ein Fan von „Gladiator“, dem Film von Ridley
Scott, in dem Phoenix den intriganten, selbstzerstörerischen Kaiser Commodus
spielte. „Ich erlebte ihn mit June und mit seinen Enkelkindern, er war freundlich
und zeigte eine Liebe, die nicht gespielt sein konnte. Dann, als ich mich verabschiedete,
fing er an, den sadistischsten Dialog aus
,Gladiator‘ zu zitieren, mit offensichtlichem
Vergnügen. Ich war fasziniert, dass dies die gleiche Person war ...“
Es ist keine äußerliche
Ähnlichkeit mit Cash, die Joaquin Phoenix in diesem Film so aufregend und
überzeugend macht – die blitzt nur hin und wieder auf, meistens auf der
Bühne, wenn er sich strafft und die Gitarre aggressiv zu einem weiteren
Körperteil zu machen scheint. Anders als Jamie Foxx in seiner Oscar-gekrönten
Performance in „Ray“ spielen und singen Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon
als June selbst. Beide wurden eben für den Oscar nominiert, und es ist
großartig, ihnen bei ihrer Arbeit zuzuschauen, ihren Ernst, ihre Konzentration,
ihre Aufrichtigkeit, ihre Diskretion. Das Kino sucht die Seele seiner Helden.
„Ich dachte“, sagte Phoenix, „ich müsste nicht klingen wie Cash – aber
ich musste wissen, was er empfand, als er sang.“
Es ist ein Film, der den Fans
einiges abverlangt, und der es ihnen doch auch ganz leicht macht – weil er nicht
dem Star gewidmet ist, sondern dem Land, das ihn geschaffen hat und in dem er
seinen Platz zu finden versucht. Man muss den Film sehen mit dem alten Cash
im Hinterkopf, den Bildern seines letzten Videos „Hurt“, den Tod vor Augen.
Cash, Dean, Phoenix – morituri nos salutant.
Ein beklemmend schöner Film
über die schwarze Seite des Glücks. Am schönsten ist Phoenix,
wenn er lauscht, wenn er anderen zuhört – und man weiß nicht, ob
er nicht eigentlich in sich versunken ist. Einmal will er Sam Phillips vorspielen,
dem Boss von Sun Records, und der erklärt ihm, was er von ihm will. „Stell
dir vor, ein Laster hat dich angefahren und du liegst sterbend im Rinnstein.
Und du hast gerade noch die Zeit, einen Song zu singen. Einen Song, um Gott
wissen zu lassen, was du empfindest über die Zeit, die du auf Erden verbracht
hast ... Das ist die Art Song, die Menschen wirklich rettet.“ Die letzten Minuten
im Rinnstein, das ist klassischer amerikanischer film noir. Das große
Kino der Verlorenen, der Verlierer.
Fritz Göttler
Dieser Text
ist zuerst erschienen in der Süddeutschen Zeitung
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Walk the Line
USA 2005 – Regie: James Mangold. Buch: Gill Dennis, James Mangold,
Kamera: Phedon Papamichael. Musik: T-Bone Burnett. Schnitt: Michael McCusker.
Mit: Joaquin Phoenix, Reese Witherspoon, Ginnifer Goodwin, Robert Patrick, Dallas
Roberts, Dan John Miller, Larry Bagby, Shelby Lynne, Tyler Hilton, Shooter Jennings.
Twentieth Century Fox, 136 Min., Dt. Start: 2.2.2006
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