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Das
wandelnde Schloss
Traumgleiche
Tragikomik
Alle
Bilder fließen, und jede Metamorphose ist möglich: Hayao Miyazakis
neuer Animationsfilm "Das wandelnde Schloss" besticht durch seine
zeichnerische Virtuosität und seinen Reichtum an Ideen. Der Regisseur bekräftigt
damit das hohe Niveau der Animes aus dem japanischen Ghibli-Studio
Ein
idyllischer Landstrich unter freiem blauen Himmel beginnt zu erzittern. Auf
riesigen Hühnerbeinen stakst ein reizendes Ungetüm ins Bild, eine
Art Fischmenschdampfmaschine: Es ist das wandelnde Schloss, das dem Film seinen
Titel gibt. Sein fülliger Körper ist aus schlecht ineinander passenden
alten Gebäuden gezimmert. Türme und Erker, Dächer und Kuppeln
fallen bei jedem Schritt knirschend auseinander, um sich auf geheimnisvolle
Weise doch wieder neu zusammenzusetzen. Unter den Kaminen sind zwei große
Kanonen angebracht, die wie Teleskop-Augen vorstehen, hinten baumelt ein Schwanz
mit einer kleinen Holztür. Die Funktionsweise bleibt ein Geheimnis, es
ist schließlich das Schloss eines Zauberers namens Hauro. Für die
antreibende Dampfkraft sorgt ein Feuerdämon namens Calcifer, der sich bei
seinem ersten Auftreten gleich darüber beschwert, dass er über die
Maßen ausgebeutet wird.
In
seiner Mischung aus Altertümlichem und Fantastischem, aus verblüffendem
Handwerk und purer Magie ist dieses Schloss wie ein Bild für die Kunst
seines Schöpfers Hayao Miyazaki: Die Produktionen seiner gemeinsam mit
dem Kollegen Isao Takahata Mitte der 80er gegründeten Firma Studio Ghibli
bürgen für etwas, das im Gegenwartskino rar geworden ist: eine glückvolle
Koexistenz von populärer Unterhaltung und persönlicher Vision. Bei
Miyazaki schlägt sich das unter anderem in einem enorm aufwändigen
Produktionsprozess nieder, der noch immer - obwohl Miyazaki seit dem Historienepos
"Prinzessin Mononoke" (1997) digitale Bearbeitung zumindest zulässt
- vom Charme des Handgearbeiteten geprägt ist. Der Regisseur prüft
jeden von zehntausenden Kadern persönlich und lässt im Falle von Unzufriedenheit
nachzeichnen. Ghibli-Filme besitzen daher eine Flüssigkeit der Animation,
die sie einzigartig macht. Aber nicht nur an diesem Reichtum sind sie sofort
zu erkennen, sondern auch an dem der Ideen.
"Das
wandelnde Schloss", basierend auf einem Buch der auf fantastische Jugendliteratur
spezialisierten Britin Diana Wynn Jones, ist auch in dieser Hinsicht exemplarisch.
Kaum ist das Schloss gezeigt worden, wird die eigentliche Hauptfigur vorgestellt:
Die 18-jährige, introvertierte Hutmacherin Sophie macht einen ihrer seltenen
Besuche in der Stadt, wo sie von Soldaten angesprochen wird. Ein großer
blonder Jüngling nimmt sie in Schutz, und binnen kurzem geschieht Unglaubliches
in der mit sorgfältigem Detailrealismus eingeführten Szenerie. Plötzlich
findet sich Sophie von schattenhaften Figuren, amorphen schwarzen Batzen unter
adretten Strohhüten, verfolgt, der blonde Mann rettet sie schließlich:
Keine zehn Minuten des Films sind vergangen, als er mit ihr zum Lauf über
die Dächer ansetzt und zur Walzermelodie über die Dächer der
Stadt entschwebt.
Der
Blonde ist natürlich Hauro, und Sophie hat sich den Hass einer mit ihm
verfeindeten Hexe zugezogen, die über die Strohhut-Brigade gebietet. Am
nächsten Morgen erwacht Sophie, belegt mit einem Fluch, von dem sie nicht
sprechen kann, im Körper einer Greisin und begibt sich auf der Suche nach
Hilfe zu Hauros Schloss, wo sie bald unerkannt als Haushälterin angestellt
wird. Eine Art Familie - Hauro und sein kleiner Helfer (der sich eine Kapuze
mit Bart über den Kopf zieht, wenn er Heiltränke verkaufen geht),
der quicklebendige Feuerdämon und eine Vogelscheuche, die auf ihrem Holzbein
ergeben hinterdrein hüpft - sammelt sich um Sophie, aber draußen
tobt der Krieg, in dem Hauro benötigt wird, Abgesandte des Königs
suchen nach ihm, während Sophie seine Liebe sucht.
Im
Folgenden wird die Handlung noch um einiges komplizierter, aber Zusammenhalt
garantiert bei Miyazaki weniger die narrative als eine emotionale Logik. Der
Zauber seiner Welten liegt auch in ihrer Komplexität: Klare Einteilungen
interessieren ihn nicht. Nicht die in der aktuellen Hollywood-Animation so angesagte
Trennung in Witze für Erwachsene und Kinder: Wie Lewis Carroll, dem er
nicht nur in seinem vorigen Film "Chihiros Reise ins Zauberland" explizit
huldigte, schafft Miyazaki vielmehr traumgleiche tragikomische Universen, die
ganz kategorienlos alle Altersgruppen gefangen nehmen.
Völlig
absurd scheint Miyazaki die Unterteilung der Figuren in Gut und Böse: Die
Hexe wird später, ihrer Kräfte beraubt, auf rührende Weise in
die Schlossfamilie integriert, als liebenswert senil-renitente Großmutter.
So universal wie Miyazakis Humanismus ist sein Verhältnis zu Regionen:
"Das wandelnde Schloss" spielt, eher nominell als sichtlich, im Elsass,
in der Originalfassung wird trotzdem selbstverständlich japanisch gesprochen.
(Die deutsche Synchronisation ist sauber, kann aber mit der charakteristischen
Subtilität der Ghibli-Sprecherwahl nicht konkurrieren: Insbesondere der
Feuerdämon, eine der reichsten komischen Figuren im Miyazaki-Oeuvre, wird
auf comic relief reduziert.)
Das
ist typisch für den japanischen Regisseur, der ganz nebenbei immer wieder
die internationale Film- und Kunstgeschichte zitiert und gern japanische und
mediterrane Architektur vermischt: Eine seiner schönsten Arbeiten heißt
"Porco Rosso" (1992), spielt im Italien der Zwischenkriegszeit und
handelt von einem wagemutigen Piloten, der unerklärter Weise ein (anthropomorphes)
Schwein geworden ist. "Lieber ein Schwein als ein Faschist", sagt
er, was nebenbei Miyazakis Abneigung gegen Dogmen und Totalitarismus auf den
Punkt bringt.
Als
Marxisten und Traditionalisten, als Schöpfer von Öko-Parabeln oder
als Antikriegsregisseur hat man ihn schon zu charakterisieren versucht, aber
das greift alles zu kurz, so wie der Versuch, ihn dank der Rekorderfolge seiner
Filme daheim als "japanischen Disney" zu vermarkten. Miyazaki ist
nicht bloß Entertainer mit Botschaft, er ist Philosoph. Seine Filme sind
in eminent konsumierbare Form gebrachte Gedankengebäude, die ihm immer
wieder zugeschriebenen Überlegungen spielen darin wichtige Rollen, aber
einfache Muster lassen sich daraus nicht ableiten, das hieße seine Abgeklärtheit
als Naivität zu verkennen: Aus Miyazakis Filmen spricht zwar ein unverbrüchlicher
Glaube an die Größe des Menschen und an die Schönheit der Welt,
aber dieser Glaube paart sich mit dem Wissen, dass Mensch wie Natur zur Grausamkeit
fähig sind.
Solche
Paradoxa prägen die Ghibli-Produktion: Der Konflikt zwischen Fortschrittsglaube
und Natur wird in Miyazakis mit Abstand dunkelstem Werk, "Prinzessin Mononoke",
besonders explizit, er spielt an einer historischen Bruchstelle Japans, dem
14. Jahrhundert, wo die Eisenerzeugung einen Entwicklungsschub ermöglichte,
zugleich aber die Loslösung vom archaischen Glauben einleitete. Bei Miyazaki
zeigt sich das als schmerzhafter Prozess: Den (Tier-)Göttern bleibt nur
die Wahl, wie sie sterben wollen, und die Menschen sind im Namen der Progressivität
zu den atavistischsten Taten fähig. Das Fußvolk wird in den Scharmützeln
dahingerafft wie am Ende von Akira Kurosawas verwandtem "Kagemusha".
Zuletzt wird unter schweren Verlusten zumindest die Chance auf einen Neubeginn,
ein fragiles Gleichgewicht, erreicht.
Bei
Miyazaki sind selbst die Paradiese nicht blind utopisch, sondern relativ realistisch.
Das erklärt auch den nur scheinbaren ästhetischen Widerspruch zwischen
wirklichkeitsnahem Zeichenstil und üppigen, vom Schintoismus geprägten
Geisterwelten. In den Filmen des Agnostikers Miyazaki lebt eine pantheistische
Vision. Alles ist beseelt, die Figuren müssen sich nur die Gabe bewahrt
haben, das auch wahrzunehmen. In "Mein Nachbar Totoro" (1988) mischt
sich eine an Ozus realistische Familienfilme erinnernde Erzählung mit einer
Fabel von Waldgeistern. Eine Schlüsselszene vom Treffen dieser Welten spielt
an einem der alltäglichsten Orte: einer Bushaltestelle, wo ein Mädchen
und der Titelheld, ein unwiderstehliches, riesiges Kuschelmonster, nebeneinander
zu stehen kommen. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
In
den realistischeren Filmen von Isao Takahata kommt die Detailgenauigkeit noch
stärker zur Geltung, auch das japanisch-spirituelle Element des im Zusammenhang
mit Ozu immer wieder beschworenen "mono no aware", der Traurigkeit
über den unvermeidlichen Lauf der Dinge: Sein erschütterndes Ghibli-Debüt
"Die letzten Glühwürmchen (1989) erzählt nach einem klassischen
japanischen Roman von zwei Kindern, die während des Zweiten Weltkriegs
langsam verhungern. Der tragische Ausgang wird zu Anfang vorweggenommen, wenn
man beide als Geister sieht. Gerade das Wissen um die Aussichtslosigkeit gibt
ihrem Kampf ums Überleben kathartische Kraft. Die Gesten menschlicher Zuneigung
erhalten erhöhtes Gewicht. Es ist kein Heldenlied über humane Ausdauer,
sondern ein Film über die menschliche Gabe zu lieben.
Davon
erzählt auch Miyazaki, obwohl er nie einen so niederschmetternden Schluss
wie Takahata zuließ. Seine Figuren schwingen sich immer wieder zu lichten
Höhen auf, das Fliegen ist ein Schlüsselmotiv, das auch als Kontrapunkt
zum irdischen Unglück dient (nur in "Prinzessin Mononoke" gibt
es dieses Gegengewicht pointierterweise nicht). Diese Dialektik kommt im ungewohnt
hochrasanten Finale von "Das wandelnde Schloss" zum Höhepunkt,
ebenso wie Miyazakis Gabe, den Lauf der Dinge, dank der Animation paradox "natürlich",
in konstante Veränderung zu übersetzen: Der ständige Wandel von
Erscheinungsbildern und Alter - Sophie sieht im Verlauf des Films manchmal plötzlich
wieder wie 18 aus, manchmal wie 80, und manchmal mischen sich die beiden Zustände
auf wundersame Weise (auch Altersweisheit und jugendliche Unvernunft sind bei
Miyazaki keine Gegensätze) - wird da dynamisch beschleunigt, und angesteuert
wird ein zentrales Bild für die Empathie, die Miyazakis Universum prägt,
und für den Ursprung aller Träume: ein flammendes Herz.
Christoph
Huber
Dieser
Text ist zuerst erschienen in der taz
Das
wandelnde Schloss
Japan
2004 - Originaltitel: Hauru no ugoku shiro / Howl's Moving Castle - Regie: Hayao
Miyazaki - Darsteller: (Stimmen) Robert Stadlober, Sunnyi Melles, Kevin Iannotta,
Gerald Schaale, Claudia Lössl - Prädikat: besonders wertvoll - FSK:
ab 6 - Länge: 117 min. - Start: 25.8.2005
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