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Krieg
der Welten (2005)
Panik,
Flucht, Desaster
Trostlose
Soßen, es fehlt der Fun. Schwarze Schatten liegen über dem Sommerkino.
Was mit Steven Spielbergs „Krieg der Welten“ auf das Publikum in aller Welt
losgelassen wird, muss den Leuten einen Schauer über den Rücken jagen.
Und den verantworten nicht die Aliens.
Irgendwo
in den Weiten des Weltalls, wird uns erklärt, hocken fremde außerirdische
Wesen, die echt neidisch sind auf unseren wunderschönen Planeten. Tja,
und jetzt sind sie hier. Kurz nur währt die Illusion in diesem Film, die
Illusion einer Gesellschaft, einer Welt, in der wir alles im Griff haben. Langsam
setzt in der ersten Szene ein Lastkran im Hafen von New York einen Container
auf einem anderen ab, placiert ihn behutsam, millimetergenau. Dann kommt der
Schichtwechsel, der Mann verlässt seinen Arbeitsplatz und eilt davon, weist
unwirsch die Bitte eines Schichtführers zurück, ob er nicht einspringen
könnte für einen Kollegen. Wild kurvt er mit erhöhter Geschwindigkeit
nach Hause, in die Reihenhaussiedlung von New Jersey.
Dieser
Anfang ist, angesichts dessen, was schon wenige Minuten danach folgt, der reine
Sarkasmus, mit einem zynischen Unterton – etwas also, was es in einem Spielbergfilm
bislang nicht gegeben hat. Nein, dieser Ray Ferrier hat sein Leben nicht im
Griff, sein eigenes nicht und nicht das seiner Ex und seiner zwei Kinder, die
er übers Wochenende in Obhut nehmen soll. Das wäre dann eine dieser
Rumpffamilien, von denen Spielberg immer wieder erzählt, die sich in Stunden
der Bedrohung – der äußeren, physischen wie der inneren, emotionalen
– zusammenfinden und bewähren. Für solche hoffnungsvolle erzählerische
Mechanismen ist in diesem grausamen, blutigen, trostlosen „Krieg der Welten“
kein Platz.
Man
kann sich ausmalen, wie die Paramount-Studiobosse in Hollywood vor einiger Zeit
reagierten, als sie diesen Film schließlich sahen, der zwar 138 Millionen
Dollar kostete, aber einige zuverlässige Erfolgsfaktoren aufzuweisen hatte:
den Top-Regisseur Spielberg, den Superstar Tom Cruise, einen klassischen Stoff,
den Roman von H.G. Wells von 1898, von Orson Welles in einem mittlerweile zum
Klassiker avancierten Hörspiel und von Byron Haskin in einem schönen
Fünfzigerjahre-Genrefilm weiterverarbeitet. Was jetzt auf das Publikum
in aller Welt losgelassen wird, wird den Leuten einen Schauer über den
Rücken jagen, und es hat nichts von dem Fun, der irgendwie auch dem härtesten
Horrorfilm eignet – was wir in unserer europäisch-intellektuellen Perspektive
als kathartischen Effekt deklarieren. George Romeros „Land of the Dead“, der
eine Woche zuvor in den USA startete – der vierte Teil seiner legendären
Zombie-Serie –, ist eine fröhliche Splatter-Geisterbahn dagegen.
Am
Anfang tummelt sich der Film ein paar wunderbare Minuten lang im Spielbergland.
Es ist Feierabend in New Jersey, das Licht ist schwer, eine baudelaireanische
Trägheit liegt über der Stadt, sie hat ihr Tagwerk geleistet. Eine
robuste, derbe Idylle, nicht ohne Macken. Es ist das Unterschichtenamerika,
das von der Regierung und der Bürokratie immer weniger beachtete, das sich
dadurch nur noch enger zusammenschließt. Wäsche flattert auf den
Leinen in den Hinterhöfen. Frauen gehen mit ihren Kindern im Arm herum.
Väter üben ein paar Baseballwürfe mit den Söhnen, versuchen
dabei auch ein wenig ihr Verhältnis zueinander – zwischen Ray und seinem
Sohn Robbie – zu klären.
Wenig
später entlädt sich ein schreckliches Gewitter über der Stadt,
legt alle elektrischen Geräte lahm. Kurz danach bricht der Boden auf, und
der erste der riesigen Tripods, der Alien-Kampfmaschinen, beginnt sein zerstörerisches,
mörderisches Werk – diese Tripods sind eine böse ironische Replik
auf den Kranführer Cruise vom Beginn. Panik, Flucht, Desaster. Szenen,
die die Amerikaner von den regelmäßigen Naturkatastrophen kennen,
den Überschwemmungen und Hurrikans, aber nicht vom Krieg, auf eigenem Grund
und Boden. Katastrophenbilder, die man in Europa aus den Jahren des Zweiten
Weltkriegs kennt – die Gedenkfeiern zum 60.Jahrestag seines Endes haben sie
wieder stark ins Gedächtnis zurückgerufen.
Sind
das die Europäer, die uns hier attackieren, fragt einer der verwirrten
Flüchtigen, auch das ist der reine Sarkasmus. Der Film macht auf dunkle,
schonungslose Weise die Verstörung spürbar, die immer noch, immer
stärker womöglich, Amerika nach dem 11.September gepackt hält.
Das Bild, das sich am stärksten in meine Erinnerung eingebrannt hat, sagt
Spielberg, das ist, wie alle über die George Washington Brücke aus
Manhattan fliehen.
Es
ist eine knallharte Neiddiskussion, die in diesem Film geführt wird, in
großer Dimension und auf unerhört radikale Art. Irgendwo in den Weiten
des Weltalls, wird uns erklärt, hocken fremde außerirdische Wesen,
die echt neidisch sind auf unseren wunderschönen Planeten. Und die einen
langfristigen, auf Millionen von Jahren angelegten Plan schließlich in
Gang setzen, um die störende Menschheit darin auszulöschen.
Man
darf sich nicht wundern, so eine Geschichte von Spielberg, dem „E.T.“-Filmer
serviert zu bekommen – schon vor diesem SF-Klassiker, also bald nach den „Close
Encounters“ hatte der Meister bereits überlegt, eine feindliche Übernahme
durch Aliens zu fabrizieren. Der Terror ist von Anfang an wesentlicher Teil
des Spielbergkinos, seine Action besteht meistens aus Fluchtbewegungen, kennt
keine organisierte Gegenwehr – ein infantiles Versteckspiel.
Tom
Cruise ist als Vaterfigur ein absoluter Versager, und er muss sich das von seinem
Sohn ins Gesicht sagen lassen. Robbie will dagegen in die andere Richtung, er
will zu den Soldaten, will sehen, was sich auf der anderen Seite des Hügels
abspielt, ob es eine Chance zur Gegenwehr gibt. Ray verkriecht sich mit der
Tochter Rachel (Dakota Fanning) in einem alleinstehenden Haus, mit einem verrückten
Alten (Tim Robbins), der an die Veteranen des amerikanischen Bürgerkriegs
erinnert. Wie diese würde auch er diesen Krieg am liebsten allein kämpfen.
Man
kann inzwischen verstehen, warum die Studioleute im voraus nichts über
den Film herauslassen wollten – was zu absurden Prozeduren bei Vorpremiere und
Pressevorführungen führte, aber auch zu überzogenen Protestverrenkungen
der betroffenen Kritiker. Es gibt Momente und Sequenzen in diesem Film, die
sind von eindringlicher Schönheit, sind ein Crashkurs ursprünglicher
– manchmal zarter, manchmal grausamer – Kinoerfahrung, den man nicht zerreden
sollte. Man schließt die Augen, gewissermaßen, und wenn man sie
wieder öffnet, hat die Welt sich verändert. Ob die Kritiker-Embargo-Taktik
Schule machen wird bei den Blockbuster-Studios, wird man sehen – wichtiger ist,
ob nach dem bisherigen faden Zutatenkino wieder ein paar Fleischbrocken kommen.
Bei
der Flucht hatte der Vater Ray dem Sohn aufgetragen, zusammenzuraffen, was an
Verpflegung in Griffweite war. Beim ersten Zwischenstopp soll der Sohn auspacken
– und präsentiert Soßen, nichts als Soßen. Mehr gab es nicht
in diesem Haushalt.
Fritz
Göttler
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in der Süddeutschen Zeitung
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mehrere Kritiken
Krieg
der Welten
(War
of the Worlds)
USA
2005 – Regie: Steven Spielberg. Buch: Josh Friedman, David Koepp. Nach dem Roman
von H.G. Wells. Kamera: Janusz Kaminski. Musik:
John Williams. Schnitt:
Michael Kahn. Mit: Tom Cruise, Justin Chatwin, Dakota Fanning, Tim Robbins,
Miranda Otto, David Alan Basche, Yul Vazquez, Daniel Franzese. UIP, 116 Min.
Dt. Kinostart: 29.06.2005
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