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War
Photographer
Abtasten
in Finsternis
Schweizer
Dokumentarfilmer begleitet den Kriegsfotografen James Nachtwey
Alles kaputt. Häuser, Autos: Kaputt. Stromleitungen,
Strassen: Kaputt. Menschen: Tot oder zerstört. Der Boden dampft noch. Krieg.
Ist gerade vorbei. Oder nicht? Hohes Surren japanischer Servomotoren. Ein Mann
fotografiert. Im Hintergrund: Eine Moschee. Das Kosovo im Juni 1999.
War Photographer des schweizerischen Produzenten und
Dokumentarfilmers Christian Frei ist
ein Film, den man vor nicht allzulanger Zeit noch nicht so hätte machen
können. Frei hat dem Magnum-Kriegsfotografen James Nachtwey eine von Zürcher
Tüftlern konstruierte Microcam auf die Spiegelreflex montiert. Somit sehen
die Zuschauer von Freis Film das Grauen der Welt aus Nachtweys Blickwinkel.
Manchmal ist die Microcam umgedreht und man sieht Nachtweys Gesicht, während
er fotografiert.
Das nervend hochfrequente Sirren des Filmtransports von
Nachtweys Kamera ist die Begleitmusik zur Selbstzerstörung ganzer Völkerscharen,
das Klicken von Verschluss und Spiegel das asynchrone Metronom zum aussetzenden
Herzschlag der menschlichen Zivilisation. Von Nachtwey stammt dieses Foto eines
von mehreren Machetenhieben verstümmelten Kopfes aus dem Bürgerkrieg
zwischen Hutu und Tutsi. Nachtwey ist eine still funktionierende Sonde, vom
Mediensystem auf die der Sonnenseite des Kapitalismus abgewandten Seite des
Planeten geschickt, die hart schwarzweiße Bilder von dort an die klimatisierten
Bodenstationen sendet.
Der Film zeigt Nachtwey bei der Arbeit und in seiner
New Yorker Wohnung. Bei der Arbeit, das heißt, die Kamera folgt ihm in
das Kosovo (1999), nach Jakarta (1999) nach Ramallah (2000) und in die Schwefelmine
von Kawah Ijen (Indonesien, 1999). Dazu kommen Interviews mit Nachtweys Freunden
und Kollegen wie CNN-Chefreporterin Christiane Amanpour und Blicke in die Redaktion
des Stern, wo ein Artikel mit Fotos von Nachtwey vorbereitet wird. Drei Redakteure
stehen vor einer Fotowand mit Nachtwey-Bildern aus dem Kosovo. Man überlegt,
probiert, ordnet. "Das ist schön", sagt einer der Redakteure.
Nachtwey wird später im Interview sagen, dass immer weniger Zeitschriften
dazu bereit seien, Fotos wie die seinen zu drucken, weil die Anzeigenkunden
ihre Werbeseiten lieber neben Fashion-Strecken platziert sähen als neben
Bildern, die von der mörderischen Realität unseres Planeten erzählen.
Diese Aussage macht fast soviel Angst wie die zitternden Bilder aus Krieg und
Zerstörung.
Der Film stellt Fragen: Kann Photojournalismus etwas
zum Guten hin bewirken, wenn er so intensiv ist wie der von Nachtwey? Nachtwey
glaubt: Ja. Stumpft Nachtwey ab, angesichts all dieses Elends? Antwort von sich
selbst und allen seinen Bekannten: Nein, was alle Beteiligten, inklusive Nachtwey
selbst, ehrlich zu überraschen scheint. Profitiert man als Kriegsberichterstatter
nicht vom Elend der Hungernden und Ausgebombten? Nachtwey sieht diese Gefahr,
andererseits habe er seit über 20 Jahren konsequent darauf hingearbeitet,
Kriegsfotograf zu werden, um das Leiden der betroffenen Menschen einer möglichst
breiten Öffentlichkeit in den Industrienationen möglichst deutlich
zu zeigen. Es gelingt ihm. Nachtwey spricht ruhig und präzise. Im Labor
gibt er genaue Anweisungen. Auf dem Schlachtfeld rennt er neben jungen Palästinensern
gegen israelische Truppen an, die man nie zu sehen bekommt. Tränengasgranaten
fliegen. Nachtwey kauert sich hustend in ein dreckiges Eck in Ramallah. Einer
seiner Freunde äußert die dunkle Vermutung, dass Nachtwey den Adrenalinkick
braucht, um sich selbst zu spüren. Wenn dem so ist, dann hat der Photograph
für diese Sucht wenigstens ein produktives Ventil gefunden.
"Seine Jeans hatten Bügelfalte", stellt
ein Kollege fest, der aus dem Off einen Streifen kommentiert, der Nachtwey und
andere Pressefotografen bei gewalttätigen Unruhen in Südafrika zeigt.
Der Fotoreporter neben ihm wird angeschossen und wird kurz darauf sterben. Man
sieht Nachtwey, wie er seinem Kollegen hilft, seinen Oberkörper aufstützt.
Außenrum tobt der Wahnsinn. Nachtweys auch unter widrigsten Umständen
stets außerordentlich gepflegte Erscheinung sticht stets aus der Verkommenheit
der Schauplätze hervor.
Er rast auf dem Rücksitz eines Motorroller-Taxis
durch Jakarta, sein Spürsinn ruft ihn zu Schauplätzen, von denen alle
anderen, die Kollegen seiner Zunft inklusive, eher davonrennen würden.
Ein Kameramann von Reuters erzählt, wie ein indonesischer Lynchmob nach
einem Attentat vier willkürlich herausgegriffene Ambonesen durch die Strassen
Jakartas jagte und einen nach dem anderen tötete. Nachtwey mittendrin.
Er habe die Menge auf Knien angefleht, die Menschen leben zu lassen. Keine Chance.
Nachtwey konnte nur noch die Morde dokumentieren. Helfen oder fotografieren?
Nachtweys Antwort: Wenn ich der einzige bin, der helfen kann, dann werde ich
es tun. Er sehe seine primäre Aufgabe aber in der Dokumentation der Ereignisse,
sei aber auch selbst durch seine Anwesenheit und sein Fotografieren Teil der
Ereignisse.
Hier, also auf der reflektiven Ebene, zeigt sich eine
der beiden Schwächen des Films. Nie wird die Frage aufgeworfen, inwieweit
versierte Konfliktparteien die Arbeit der Berichterstatter und Fotografen für
sich instrumentalisieren können und inwieweit das auch Nachtwey schon widerfahren
ist. Während die Schwefelminenarbeiter oder die von Nachtwey in den Slums
von Jakarta fotografierten Menschen ganz gewiss über jeden Manipulationsverdacht
erhaben sind, ist das in hochpolitischen Konflikten wie in Palästina oder
auf dem Balkan keineswegs so. Ein Pulk von Berichterstattern wird in weiße
Bunny-Suits gepackt und von UNO-Experten an den Schauplatz einer Massenerschießung
geführt, man drängelt sich um die besten Shots, Frau Amanpour holt
sich eine Atemschutzmaske, es ist nicht mehr auszuhalten.
Nachtwey sagt, er könne seine Arbeit nur machen,
weil ihm die Menschen, die er fotografiert, vertrauten. So auch die Einwohner
eines von Albanern bewohnten Dorfs im Kosovo. Leichen werden ausgegraben, ein
mit einer albanischen Flagge drapierter Sarg davongetragen. Hier hätte
der Dokumentierende nachhaken müssen. Die wichtige Frage nach der Reflexivität
der Kriegsberichterstattung wurde nicht gestellt. Ist die von Nachtwey reklamierte
Nähe nicht auch ein Problem, wenn beim Rangehen auch die für die Berichterstattung
wertvollen Aspekte der Distanz des Beobachters verloren gehen? Die Qualität
der Scans der Realität und deren Konvertierung in die Wirklichkeiten unserer
Mediensysteme ist von entscheidender Bedeutung für unser politisches Handeln.
Die zweite Schwäche des Films ist an vielen Stellen
der Soundtrack. Dieser Film hat unglaublich starke Bilder und Frei hätte
auf diese Bilder allein vertrauen sollen. Immerhin hat er sich selbst auch mit
in Gefahr begeben. Bilder wie diese brauchen keine Musik, die sagt: "Das
ist jetzt dramatisch" oder "Das ist jetzt traurig". Die Kritikpunkte
verblassen insgesamt jedoch angesichts der Unmittelbarkeit und Kraft des Films
als Ganzes.
Ein wesentlicher Pluspunkt: die Montage. Nachtwey bei
den Ärmsten der Armen, die zwischen den Eisenbahnschienen in Jakarta leben.
Ein Familienvater, dem von der Bahn ein Bein und ein Arm abgefahren wurde. Ein
schmutziger Zug fährt kreischend und Funken schlagend vorbei. Schnitt.
Menschen steigen aus der Hamburger U-Bahn aus, gehen in das ultrasaubere Gruner-und-Jahr-Gebäude,
wo heute schon die Horrorschlagzeilen von morgen komponiert werden.
Der Film ist voll von intelligenten visuellen Ideen.
Auch die Schnitte von der Kamera-Kamera auf die fertigen Bilder sind so lakonisch
wie brillant. Man hat einen direkten Vergleich, in welchen Situationen das Schwarzweißfoto
besser funktioniert als das bewegt-farbige Videobild und wann es umgekehrt ist.
Nachtwey bewegt sich still durch den Wahnsinn, er jagt
im Ghetto einen Film nach dem anderen durch. Man wundert sich von Sekunde zu
Sekunde mehr, dass er vollkommen unbeschadet mit einer Kameraausrüstung,
die locker 10.000 Euro wert ist, durch die verkommensten Gegenden der Welt laufen
und dabei auch noch Menschen fotografieren kann, die von Diebstahl und Verkauf
seines Equipments problemlos einige Monate leben könnten. Auch von dieser
Seite lässt sich die Frage stellen, wie lange die von Nachtwey kultivierte
Art der Berichterstattung unter den Bedingungen des bellizistischen Brutal-Kapitalismus
noch funktionieren kann, selbst wenn sie sich mit diesem gewissermaßen
in Symbiose befindet. Er selbst sei durch die Bilder aus dem Vietnam-Krieg zur
Kriegsberichterstattung gekommen, gibt Nachtwey zu Protokoll. Allerdings, so
fügte er an, seien die für die Kriege Verantwortlichen immer stärker
daran interessiert, dass aus den Kriegsgebieten keine für sie unangenehmen
Bilder mehr an die Öffentlichkeit kommen.
Kein Wunder, dass dieselbe Öffentlichkeit sich mehr
für harmlos-debile Filmchen aus dem Umfeld der verantwortlichen Mächtigen interessiert
als für das, was diese Lebensformen tagtäglich per Fernbedienung anrichten.
"War Photographer" war für den diesjährigen Dokumentarfilm-Oscar
nominiert und das zu Recht. Bekommen hat den Oscar dann "Murder on a Sunday
Morning" der beiden Franzosen Poncet und de Lestrade, der sich mit dem
täglichen Rassismus im amerikanischen Justizsystem auseinandersetzt - durchaus
ein Beitrag der Jury zur Selbstkritik Amerikas. Doch zurück zu "War
Photographer": Die Macher des Films, namentlich Christian Frei und Kameramann
Peter Indergand, haben gemeinsam mit James Nachtwey ihr Leben für die freie
Berichterstattung aufs Spiel gesetzt. Dieser Film ist großartig und für
jeden politisch Interessierten ein Muss.
Günter Hack, 01.04.2002
Dieser Text ist zuerst erschienen bei:
Zu diesem Film gibt’s im archiv mehrere Texte
War
Photographer
(War
Photographer)
Schweiz
2002, 96 Minuten
Regie:
Christian Frei
Musik:
David Darling, Eleni Karaindrou, Arvo Pärt
Director
of Photography: Peter Indergand, Hanna Abu Saada
Fotos:
James Nachtwey
Mitwirkende:
James Nachtwey, Christiane Amanpour (Chefkorrespondentin CNN), Hans-Hermann
Klare (Ressortleiter Ausland „Stern“), Christiane Breustedt (Chefredakteurin
„Geo Saison“), Des Wright (Kameramann „Reuters“), Denis O’Neill, Drehbuchautor,
Nachtweys bester Freund)
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