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Was
geschah wirklich mit Baby Jane?
„Du
wirst dieses Haus nie verlassen”
Die
eine muss leiden, die andere muss leiden.
Die
eine, weil sie – wie sie es empfindet und auch sagt und auch danach handelt
– von der anderen jahrzehntelang gedemütigt wurde. Die andere hat ihr das
Leben zur Hölle gemacht. Die eine war ein Kinderstar, doch die andere hat
später verhindert, dass sie auch als Erwachsene ein Star wurde. Die andere
hat sie verdrängt, erniedrigt. Jetzt soll die andere dafür büßen,
den Rest ihres Lebens soll sie Buße tun.
Die
andere stand als Kind im Schatten der einen. Aber sie hatte sich geschworen,
die eine, wenn sie einmal älter sein würde, in den Schatten zu stellen,
erfolgreich zu sein, dass nachzuholen, was ihr als Kind verwehrt geblieben war.
Und sie wurde erfolgreich. Nun ist sie an den Rollstuhl gefesselt, abhängig
von der einen, die sie vor Jahren in diese Lage gebracht hatte. Aber sie macht
der einen keine Vorwürfe mehr. Sie bedauert die eine, und muss unter ihr
leiden, unter ihrem Hass, ihrer Verachtung.
Die
Rede ist von den Schwestern Baby Jane (Bette Davis), der einen, und Blanche
Hudson (Joan Crawford), der anderen. 1917 war Baby Jane Hudson ein erfolgreicher
Kinderstar, gefördert und getrieben von ihrem Vater (Dave Willock), ein
Kind, das verwöhnt wurde, dass angesichts des Erfolgs nicht scheu war,
seine Forderungen zu stellen. Wir sehen sie nach einem Auftritt mit ihrem Vater,
Fans um sich herum, vor dem Bühneneingang. Baby Jane soll schlafen, um
für den abendlichen Auftritt fit zu sein. Aber sie weigert sich, droht,
nicht aufzutreten, will Eis, und wenn sie es nicht bekommt, wird sie auch nicht
auftreten. Der Vater gibt nach. Denn ihn interessiert nicht das Kind, sondern
der Star, den er aus seiner Tochter gemacht hat. Im Hintergrund stehen die Mutter
(Anne Barton) und die andere Tochter, Blanche, mit versteinerter Miene steht
die Kleine dort. Nein, sie will kein Eis, obwohl Baby Jane es fordert, auch
für ihre Schwester. Der Vater reagiert unwirsch. Wenn Baby Jane wolle,
dass auch Blanche Eis bekommt, wie kann Blanche das nur abschlagen?
1935.
Blanche ist ein Filmstar. Baby Jane ist ein Möchtegern-Filmstar. Kein Produzent
will sie in einem seiner Filme sehen. Sie ist unbegabt, hysterisch, sie trinkt,
sie führt sich unmöglich auf. Aber Blanche besteht bei Abschluss ihrer
Verträge auf eine Klausel, in der Baby Jane eine zumindest kleine Rolle
garantiert wird. Eines Nachts fährt ein Auto vor die schöne Villa
der Schwestern. Es ist der Wagen von Blanche. Die Fahrerin gibt Gas, man hört
einen Schrei. Seit diesem Tag ist Blanche an den Rollstuhl gefesselt.
Ungefähr
25 Jahre später sehen wir die beiden Schwestern im von Blanche gekauften
Haus der Eltern. Sie sitzt in ihrem Zimmer im ersten Stock im Rollstuhl. Man
kennt sie heute noch, auch ihre Nachbarin Mrs. Bates (Anna Lee) und deren Tochter
Liza (Barbara Merrill); die sitzen gespannt vor dem Fernseher und sehen sich
einen Film mit der berühmten Nachbarin an. Im Erdgeschoss des Hauses der
Hudsons sehen wir Baby Jane. Kein Mensch kennt Baby Jane mehr. Ihre Tage als
Kinderstar sind vergessen. Baby Jane ist mürrisch, verbittert, sie hat
wieder angefangen zu trinken, Whiskey und Gin. Sie kümmert sich um Baby
Jane, wider Willen, denn sie ist verantwortlich für den Unfall von damals,
sie hat ihre Schwester zum Krüppel gefahren, obwohl sie sich daran nicht
erinnern könne, sagt sie. Man fand Blanche verletzt in der Einfahrt des
Hauses, Baby Jane war verschwunden. Die Polizei suchte sie und fand sie mit
irgendeinem fremden Mann, völlig betrunken, in einem Hotelzimmer. Nie hat
Blanche wieder von diesem Ereignis gesprochen. Seitdem aber leben die Schwestern
in diesem Haus zusammen, die eine hilflos und ihrer Schwester gegenüber
nachgiebig, die andere hasserfüllt. Baby Jane trägt immer noch Blond
mit Locken an den Enden ihrer Haare, ist weiß, blass geschminkt, die Lippen
rot. Sie sieht aus wie eine schlechte Karikatur ihrer selbst als Kind.
„Was
geschah wirklich mit Baby Jane?” ist einer jener Filme aus den 60er Jahren,
in denen ältere Schauspielerinnen in Horrorfilmen respektive psychologischen
Thrillern auftraten. Robert Aldrich („Vera Cruz”, 1954; „Sodom und Gomorrha”,
1962; „Der Flug des Phönix”, 1965; „Das dreckige Dutzend”, 1967) initiierte
mit „Was geschah ...” dieses „neue Genre”. Joan Crawford (1904-1977) war in
„Berserk!” (1968) und „Die Zwangsjacke” (1964) in zwei weiteren derartigen Streifen
zu sehen, Bette Davis (1908-1989) in „War es wirklich Mord?” (1965) und „Der
schwarze Kreis” (1964), vor allem aber in dem unvergesslichen, ebenfalls von
Aldrich inszenierten Thriller „Wiegenlied für eine Leiche” (1964) mit Olivia
de Havilland und Joseph Cotton (wer erinnert sich nicht an die Titelmelodie
„Hush hush, sweet Charlotte, Charlotte, don't you cry, Hush hush, sweet Charlotte,
He'll love you till he dies ...”).
Zurück
zu unseren beiden Schwestern. Die Haushälterin Elvira (Maidie Norman) weiß
Bescheid um die psychische Disposition von Baby Jane. Sie redet auf Blanche
ein, endlich die Konsequenzen zu ziehen und Baby Jane in ärztliche Obhut
zu geben. Aber Blanche weicht einer solchen Entscheidung aus. Vor allem steht
sie vor dem Problem, ihrer Schwester irgendwie beizubringen, dass sie das Haus
verkauft hat. Sie glaubt, Baby Jane wüsste nichts davon. Doch da irrt sie
sich. Baby Jane weiß über alles Bescheid. Und sie ist bereit, dies
mit allen Mitteln zu verhindern. Als erstes nimmt sie Blanche das Telefon aus
ihrem Zimmer weg. Sie lädt ihren ganzen Hass und ihre ganze Verzweiflung
auf ihre Schwester ab, demütigt sie, wo sie nur kann, entlässt Elvira.
Sie kann Blanche Stimme am Telefon imitieren, beschafft sich so den Alkohol,
den Blanche abbestellt hatte.
Baby
Jane ist nicht nur entschlossen, im Haus zu bleiben. Sie will wieder auftreten.
Sie gibt eine Anzeige auf, sucht einen Pianisten, der sie begleitet, um ihre
Kinderlieder wieder zu singen, zu tanzen. Blanche ahnt, was auf sie zukommt.
Den Zettel mit einem Hilferuf, den sie aus dem Fenster wirft, findet nicht Mrs.
Bates, sondern ihre Schwester. Dann erscheint Edwin Flagg (Victor Buono) bei
Baby Jane, der Pianist, spielt für Baby Jane, ist erstaunt und zugleich
entsetzt über die alte Frau, als sie ihre Kinderlieder singt und dazu tanzt.
Aber für 100 Dollar die Woche ist ihm das egal. Nur Elvira kommt alles
sehr merkwürdig vor, als Baby Jane sie wirsch entlässt. Elvira ahnt
Schlimmes, und als Baby Jane mit dem Auto in die Stadt fährt, geht Elvira
noch einmal in das Haus. Das Zimmer von Blanche ist verschlossen, kein Laut
dringt heraus. Elvira versucht mit Hammer und Schraubenzieher die Tür zu
öffnen, als Baby Jane zurückkehrt ...
Was
Aldrich inszenierte, ist nicht einfach ein exzellenter psychologischer Horrorfilm,
der einem guten Hitchcock in nichts nachsteht. „What Ever Happened to Baby Jane?”
ist eine delikate und präzise psychologische Studie über zwei Schwestern,
die sich gegenseitig das Leben zur Hölle gemacht haben, ein Film über
unerfüllte Wünsche und Sehnsüchte, die sich zwanghaft in die
Seelen der beiden Frauen eingeschrieben haben. Für den Zuschauer der Tragödie
wechseln Sympathie und Mitgefühl, Abscheu und Verachtung zwischen den beiden
Protagonisten des Dramas hin und her. Denn Blanche, die in ihrer hilflosen Situation
ihrer Schwester offensichtlich gnadenlos ausgeliefert ist, ergreift nicht die
Chance, über ihre Haushälterin Elvira, den einzigen Kontakt zur Außenwelt,
dem Drama ein Ende zu setzen und Baby Jane, die offensichtlich psychisch krank
ist, in eine Klinik einweisen zu lassen. Andererseits ist Baby Jane zwar eine
hasserfüllte, offenbar zu allem entschlossene Frau, die vor nichts zurückschreckt,
um ihre Schwester zu demütigen. Andererseits wirkt sie hilflos, klein und
bemitleidenswert, etwa dann, als etwas Furchtbares geschehen ist. Und letztendlich
liegt in der Tragödie ein Geheimnis versteckt, dass der Geschichte eine
ganz andere Sichtweise aufdrängt.
Die
Kooperation zwischen Bette Davis und Joan Crawford ist exzellent, unterstützt
von einem damals noch unbekannten Victor Buono als Pianisten, der Komik in die
Szenerie bringt. Buono, groß, gewichtig, neben Marjorie Bennett, die seine
Mutter spielt, ein Riese, spielt diesen Mr. Flagg als einen Mann, der es versteht,
seine wahren Gedanken vor Baby Jane zu verstecken. Seinem Gesicht ist anzusehen,
was er von der alten Dame hält, aber er macht ihr Komplimente und lässt
sich des Geldes wegen auf das groteske Spiel ein. Daneben agiert Maidie Norman
als Haushälterin, die mit beiden Füßen im Leben steht und sich
nichts vormachen lässt, die aber Baby Janes Entschlusskraft unterschätzt.
Zu nennen wäre zudem Anna Lee als neugierige, aber zugleich besorgte Nachbarin
der Hudsons, die neben Buono und Norman die Außenwelt repräsentiert,
die der versponnenen Innenwelt der Schwestern gegenübersteht.
Der
klaustrophobischen Atmosphäre im Haus der Schwestern entspricht die zwanghafte
und in sich verschlossene psychische Welt der beiden Frauen, die krankhafte
innere Abhängigkeit, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint.
Aldrich
verzichtete auf Effekthascherei; die Dramatik ergibt sich ausschließlich
aus dem Spiel der beiden großartigen Schauspielerinnen. Ernest Haller
fotografierte viele Szenen, die sich vor allem natürlich im Haus abspielen,
jeweils aus einer Einstellung heraus. Für den Zuschauer bedeutet dies,
dass es für ihn genauso wenig ein Entrinnen vor der tragischen Handlung
gibt wie für die Schwestern selbst.
Dieser
Film, sowie der zwei Jahre später gedrehte „Wiegenlied für eine Leiche”,
gehören für mich zu den Klassikern des psychologischen Horrors / Thrillers.
Wertung:
10 von 10 Punkten.
Prädikat:
Besonders wertvoll.
Ulrich
Behrens
Diese
Kritik ist zuerst erschienen – unter dem Usernamen POSDOLE - bei:
www.ciao.de
Was
geschah wirklich mit Baby Jane?
(What
Ever Happened to Baby Jane?)
USA
1962, 134 Minuten
Regie:
Robert Aldrich
Drehbuch:
Lukas Heller, nach dem Roman von Henry Farrell
Musik:
Frank de Vol
Director
of Photography: Ernest Haller
Schnitt:
Michael Luciano
Produktionsdesign:
William Glasgow, George Sawley
Darsteller:
Bette Davis (Baby Jane Hudson), Joan Crawford (Blanche Hudson), Victor Buono
(Edwin Flagg), Marjorie Bennett (Dehlia Flagg), Maidie Norman (Elvira Stitt),
Julie Allred (Jane Hudson 1917), Anne Barton (Cora Hudson), Dave Willock (Ray
Hudson), Anna Lee (Mrs. Bates), Barbara Merrill (Liza Bates), Robert Cornthwaite
(Dr. Shelby), Gina Gillespie (Blanche Hudson 1917)
Internet
Movie Database:
http://german.imdb.com/title/tt0056687
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