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Wege zum Ruhm
„Wege
zum Ruhm“ ist ein kompromissloses Plädoyer gegen den Krieg und für
die Menschlichkeit. Die Handlung spielt im 1. Weltkrieg und sie spielt in Frankreich.
Doch es geht nicht um einen bestimmten Krieg und noch weniger um ein bestimmtes
Land. Seine Kritik trifft vielmehr mitten ins Herz der Kriegsmaschinerie selbst,
so dass es gar nicht mehr des Feindes bedarf um die Absurdität und Unmenschlichkeit
dieser Maschinerie aufzuzeigen.
Zwei
Welten führt Kubrick uns vor, zwei Welten die unterschiedlicher nicht sein
könnten, und die doch zusammengehören, wie die zwei Seiten einer Medaille,
denn erst beide zusammen sind die Wirklichkeit des Krieges.
Der
Film beginnt in der ersten Welt, der Welt der Offiziere. Diese Welt besteht
im Film aus einem riesigen Schloss mit ausgedehntem Park. Weiträumigkeit
und gerade Linien zeichnen diese Welt aus, Soldaten in exakter Formation, die
in einer Reihe aufmarschieren, salutieren und reibungslos funktionieren. General
Broulard sucht im besagten Schloss den ihm untergebenen General Mireau auf,
um ihm einen schicksalhaften Befehl zu überbringen. Mireaus Division soll
eine umkämpfte Anhöhe, den Ameisenhügel, erstürmen (der
in der deutschen Synchronisation zur „Höhe 19“ wird). Mireau
bezeichnet dies zunächst als unmöglich, und verweist auf die Tatsache,
dass seine Division fast aufgerieben sei, doch schwenkt er um, als Broulard
ihm eine Beförderung in Aussicht stellt. Diese Anfangsszene ist bezeichnend
für den Stil, in dem die Offiziere als Angehörige der ersten Welt
agieren. Zunächst herrscht hier ein Ton von weltläufiger Gewandtheit,
man lächelt und plaudert, man pflegt small talk und hat immer einen Scherz
und ein bisschen Ironie auf Lager. Daneben gibt es noch einen anderen Tonfall,
nämlich das pathetische Deklamieren von Phrasen über Ehre und Vaterland.
Zwischen diesen beiden Tonlagen werden alle Offiziere während des ganzen
Films hin und her springen. Beiden Tonlagen ist jedoch eines gemeinsam: Man
kann in ihnen nicht die Wahrheit sagen. Und dies eben ist ein entscheidendes
Merkmal der Welt der Offiziere: Sie ist eine Welt des Scheins, eine Welt der
Propaganda und damit eine Welt der Lüge. Die Offiziere sagen immer etwas
anderes als das, was sie wirklich meinen. Ihre Worte dienen nur dazu, einen
blendenden Schein aufrecht zu erhalten. Als nämlich Broulard die mögliche
Auszeichnung erwähnt, antwortet Mireau mit einem pathetischen Bekenntnis:
Er sei verantwortlich für 8000 Soldaten, das Leben eines Soldaten, sei
ihm wichtiger als jede Auszeichnung. Also könne er den Auftrag nicht ausführen?
„Das habe ich nicht gesagt“, antwortet Mireau. Seine Männer seien zu allem
fähig. Sie werden es schaffen.
Die
nächste Szene führt uns in die zweite Welt des Films, die Welt der
Schützengräben und der einfachen Soldaten. Ist die Welt der Offiziere
eine Welt des Scheins und der Lüge, so sind wir jetzt in der Welt der Wahrheit.
Hier geht es nicht um Geplauder und Phrasen, sondern um Leben und Tod. Im Gegensatz
zur Weiträumigkeit und Exaktheit der Welt der Offiziere ist hier alles
eng und krumm und düster. Die Soldaten stehen nicht in einer Reihe, sondern
an die Gräben gepresst und müssen sich ständig vor feindlichen
Granateinschlägen ducken. Mehr als einmal führt Kubrick uns in langen,
meisterhaften Kamerafahrten die beängstigende Endlosigkeit und Ausweglosigkeit
dieser Schützengräben vor. In diese Welt ist General Mireau mit seinem
Adjutanten herabgestiegen um den verhängnisvollen Befehl zu überbringen.
Er gibt sich wieder leutselig, plaudert gönnerhaft und herablassend mit
einzelnen Soldaten. Dann betritt er den Unterstand von Colonel Dax, meisterhaft
verkörpert von Kirk Douglas, und lässt sich von Dax den Ameisenhügel
zeigen. Die Kamera zeigt seinen Gesichtsausdruck, der keinen Zweifel lässt,
dass Mireau weiß, wie unmöglich eine Erstürmung ist. Doch seine
Worte sagen etwas ganz anderes, er habe schon schlimmere Stellungen gesehen,
viel schlimmere. Mireau sagt Dax, dass er den Ameisenhügel einnehmen wird.
Dax verweist auf den Zustand seiner Männer und fragt nach den erwarteten
Verlusten. Mireau antwortet sachlich kalkulierend wie ein Geschäftsmann:
„Sagen wir 5 Prozent werden durch unsere eigenen Leute getötet, … 10 weitere
Prozent im Niemandsland und nochmals 20 Prozent bleiben im Draht hängen.
Dann bleiben 65 Prozent und der schlimmste Teil der Arbeit ist getan. Sagen
wir, weitere 25 Prozent bei Erstürmung des Hügels - wir hätten
dann noch so viel Kraft, die mehr als ausreicht, um ihn zu halten“. Dax spricht
aus, was dies bedeutet: Mehr als die Hälfte der Männer wird umkommen.
„Ja, ein schrecklicher Preis“, sagt Mireau unverbindlich. Dann wechselt er zur
Phrase: „Ich verlasse mich auf Sie, Frankreich verlässt sich auf Sie.“
Der
Angriff am nächsten Tag scheitert erwartungsgemäß, die Soldaten
fallen massenhaft, in dieser alptraumhaften Grabenlandschaft, die ein einziges
Grab ist. Mireau verfolgt im Beobachtungsstand den Angriff und gibt den Befehl
auf die eigenen Stellungen zu feuern, da ein Teil der Division nicht vorrücken
kann. Als der Hauptmann vor Ort auf einem schriftlichen Befehl besteht fordert
Mireau die Ablösung des ganzen Regiments und die Einberufung des Kriegsgerichts.
Auf Veranlassung Mireaus werden drei Soldaten stellvertretend für alle
ausgewählt und vom Kriegsgericht, das eine einzige Farce ist, wegen Feigheit
vor dem Feind zum Tode verurteilt.
In
diesen Szenen führt Kubrick uns eine Konfrontation der zwei Welten vor,
bei der die Welt der einfachen Soldaten aber von vorn herein ohne jede Chance
ist, da die Welt der Offiziere alle Regeln festlegt. Kubrick legt den unmenschlichen
Zynismus aller handelnden Offiziere bloß. Für die Offiziere sind
die Soldaten nur abstrakte Zahlengrößen. So wie Mireau vor dem Angriff
die prozentualen Verluste kalkuliert hat, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden,
dass hinter seinen Zahlen der Tod vieler Einzelner steht, so will er zunächst
100 Männer anklagen. Im freundlichen Plauderton einigt er sich aber mit
dem vorgesetzten General Broulard, der ihn bittet doch nicht zu übertreiben,
schließlich auf einen Mann aus jeder Kompanie, insgesamt drei Männer.
Broulard bezeichnet das als sehr vernünftig und lädt im nächsten
Atemzug alle zum Essen ein.
Der
einzige Offizier, der sich dem Zynismus und der Heuchelei verweigert ist Colonel
Dax. Er, der im Zivilberuf Strafverteidiger ist, steht zwischen den Welten.
Kirk Douglas gelingt hier eine perfekte Verkörperung des Zwiespalts. Er
verlässt nie die Rolle des pflichtgetreuen Offiziers, der Befehlen gehorcht,
auch wenn seine wahren Emotionen seiner Mimik zu entnehmen sind. Verzweifelt
versucht er mit den Mitteln des Militärapparates als Verteidiger vor dem
Kriegsgericht die drei Männer zu retten und muss zwangsläufig scheitern.
Er ist auch der einzige, der im direkten Gespräch sowohl mit Mireau, als
auch mit Broulard versucht, die Maske des Scheins zu durchbrechen und die Wahrheit
auszusprechen. „Glauben Sie im Ernst, was Sie eben sagten?“, fragt er Broulard
etwa. Er erntet damit jedoch nur Entrüstung. Dax ist der einzige, der wiederholt
den Begriff der Menschlichkeit anführt und damit den Zynismus der Offiziersklasse
offen legt. Für diese sind die einfachen Soldaten nur abstrakte Zahlengrößen,
niemals Menschen, ja sie betrachten sie sogar als weniger denn menschlich. Als
einmal die Rede auf eine Einheit kommt, die aufgerieben wurde, weil die Soldaten
sich zusammengekauert hatten, amüsiert Mireaus Adjutant sich. „Sie lernen
es nie“, sagt er, „Herdeninstinkt, typisches Verhalten niederer Tiere“. Doch
Dax erwidert scharf „Es scheint mir nur menschlich“. Als eben dieser Adjutant,
der im Prozess als Ankläger auftritt, in gekünstelt entrüstetem
Ton voll falschem Pathos die Verurteilung fordert, da die Attacke eine Schande
für Frankreich, für jeden Mann, jede Frau und jedes Kind in Frankreich
sei, da antwortet Dax mit einem Appell an die reine Menschlichkeit: Der Fall
dieser Männer spricht allem menschlichen Recht Hohn. Ein Schuldspruch wäre
ein Verbrechen. Das Mitgefühl sollte nicht außer Kraft gesetzt sein.
Er bittet das Gericht Gnade walten zu lassen.
Es
ist dieses Beharren auf der reinen Menschlichkeit, der puren Kreatürlichkeit,
das Kubricks Plädoyer gegen den Krieg so eindringlich macht. Die drei willkürlich
ausgewählten Soldaten, Paris, Ferol und Arnauld werden uns in ihrer Todesangst
vorgeführt. Ihr Tod ist so sinnlos wie nur irgendetwas. Trotzdem wird ihre
Hinrichtung unaufhaltsam nach allen Regeln der Form vorbereitet. Die drei Männer
verbringen die Nacht in einen Viehstall gesperrt. In einer symbolhaften Szene
beneidet Paris eine Kakerlake, die morgen noch leben wird, wenn sie schon tot
sind. Ferol erschlägt die Kakerlake. So willkürlich werden auch sie
drei getötet, und für die Offiziersklasse sind sie kaum mehr als Kakerlaken.
Kubrick zeichnet die drei nicht als Helden, er zeichnet sie nicht einmal besonders
sympathisch. Sie werden uns nur als Menschen vorgeführt und jeder der drei
zeigt eine andere Form menschlicher Verzweiflung im Angesicht des Todes oder
besser des Sterben-Müssens. Ferol, der ausgewählt wurde, weil er angeblich
sozial minderwertig ist, weint und jammert ununterbrochen. Paris war Zeuge,
wie ein Kamerad wegen des Fehlverhaltens eines Vorgesetzten sterben musste und
wurde von eben diesem Offizier für den Prozess ausgewählt. Er gibt
sich gefasst, doch in einer Szene wird gezeigt, wie mühsam diese Gefasstheit
der Verzweiflung abgerungen ist. Arnauld schließlich wurde vom Los bestimmt.
Seine Verzweiflung drückt sich in Rebellion aus, wenn er den Priester angreift
als den quasi moralischen Repräsentanten einer Welt, die ein Schicksal
wie seines zulässt. Arnauld war es, der in der Nacht vor der Schlacht mit
einem Kameraden flüsternd erörterte, welche Todesart die grausamste
wäre. Nicht vor dem Sterben haben wir Angst, sondern vor der Art, wie wir
sterben, befand er damals. Als Paris ihn jetzt niederschlagen muss, da er den
Priester angreift, fällt er so unglücklich, dass er einen Schädelbruch
erleidet. Die Führung entscheidet, dass er auf eine Bahre gebunden wird.
Bei der Exekution soll man ihn in die Wange kneifen, denn Mireau will ihn bei
Bewusstsein.
Colonel
Dax hat inzwischen von Mireaus Befehl erfahren, auf die eigenen Truppen zu feuern.
Er überbringt diese Nachricht inklusive der eidesstattlichen Erklärungen
aller Zeugen General Broulard. Das Ganze ist inszeniert wie eine Rettungsaktion
in letzter Minute und in einem gewöhnlichen Kriegsfilm würde Mireau
jetzt zur Verantwortung gezogen und die drei Verurteilten würden begnadigt
werden. Der Skandal wäre auf das Fehlverhalten eines einzelnen Generals
reduziert. Doch Kubrick zeigt uns keinen gewöhnlichen Kriegsfilm. Es geht
nicht um einen menschenverachtenden Offizier, es geht darum, dass ein ganzes
System menschenverachtend ist.
Deshalb
werden wir am nächsten Morgen Zeugen der Exekution. Die Welt der Offiziere
zeigt ihre Überlegenheit. In einer langen Reihe und wiederum in exakter
Aufstellung ist die ganze Division angetreten. Ein reibungsloses Ritual wird
abgespult und unter Trommelwirbel werden die drei Verurteilten zur Hinrichtung
geführt. Kubrick zelebriert diese Szene in jeder Einzelheit. Endlos lang
ist dieses Schreiten und in einer quälenden Schnittfolge sehen wir immer
wieder den schluchzenden Ferol, den mühsam gefassten Paris, Arnauld auf
der Bahre und immer wieder die drei Pfähle, denen sie langsam näher
kommen und die die Assoziation zu den drei Kreuzen von Golgatha wecken. Das
Anbinden, das Verbinden der Augen und schließlich die Schüsse: Die
Welt der Offiziere hat ihre Überlegenheit zelebriert und doch hat sie gleichzeitig
eben durch dieses Ritual, das ein Ritual der Unmenschlichkeit ist, jeden Anspruch
auf Achtung verloren.
Die nächste Szene zeigt uns Broulard und Mireau beim Essen und Plaudern. Es ist der gleiche Salon wie ganz zu Anfang des Films. Diese Dinge sind meist sehr trostlos, aber diesmal ganz prächtig abgelaufen, finden sie. Die Männer starben wunderbar. Manchmal benimmt sich jemand unpassend und es bleibt ein schlechter Geschmack, aber diesmal war es perfekt. Weiter kann man den Zynismus nicht treiben. Tiefer kann man nicht sinken. Es bleibt noch eine Rechnung offen. Vor dem hinzugerufenen Dax konfrontiert General Broulard Mireau mit seinem skandalösen Befehl. Als Mireau jeden Vorwurf zurückweist, lächelt Broulard, dann werde er die Untersuchung vor der Öffentlichkeit ja gut überstehen. Mireau ist entrüstet: „Sie machen mich zum Sündenbock, den einzigen völlig unschuldigen Mann in dieser ganzen Affäre.“ Selbst im Augenblick des eigenen Scheiterns, bleibt er in der Maske der Lüge und des Scheins. Broulard bietet Dax anschließend Mireaus Posten an, da er glaubt, Dax hätte darauf hingearbeitet. Auch er hat Lüge und Heuchelei so sehr verinnerlicht, dass er gar nicht auf die Idee kam, Dax hätte wirklich gemeint, was er gesagt hatte. Als Dax ihm vorwirft, degeneriert und sadistisch zu sein, findet Broulard seine Ironie wieder. „Dax, Sie enttäuschen mich. Die Schärfe Ihres Verstandes ist durch Sentimentalität getrübt. Sie wollten diese Männer wirklich retten! Sie sind ein Idealist. Ich bemitleide Sie wie den Dorftrottel.“ Dax wird wieder an die Front geschickt. Er ist gescheitert, weil Menschlichkeit im unmenschlichen System des Krieges scheitern muss.
In
einer abschließenden Szene zeigt uns Kubrick die angetrunkenen Soldaten
vor dem Ausrücken in einem Saal, wo ihnen unter Johlen und Pfeifen auf
der Bühne ein deutsches Mädchen vorgeführt wird, übrigens
die einzige Frau im ganzen Film! Sie soll etwas singen und in einem neueren
Film würden jetzt alle „Ausziehen! Ausziehen“ grölen. Doch dann geschieht
etwas Überraschendes. Während die Frau zunächst unhörbar,
dann etwas lauter mit schüchterner Stimme das Lied vom treuen Husar anstimmt,
wird es im Saal immer stiller. Schließlich summen erst einige, dann fast
alle Männer das Lied mit und viele haben die Augen voller Tränen.
Es ist dies eine der anrührendsten Szenen der Filmgeschichte. Diese Männer,
die in wenigen Minuten ausrücken werden um zu töten und zu sterben,
finden in der Melodie eines deutschen Liedes, eines Liedes des Feindes, etwas,
das sie im Innersten ihrer Seele berührt. Es mag die Erinnerung an das
eigene Zuhause sein, vielleicht aber auch eine Ahnung davon, dass die Männer,
die sie töten werden und von denen sie getötet werden, bei demselben
Lied dieselben Empfindungen haben. Dieser Schluss ist ein Symbol verzweifelter
Menschlichkeit inmitten eines Systems der Menschenverachtung.
Dieser
Text ist nur erschienen in der filmzentrale
Wege zum Ruhm
(Paths of Glory)
USA 1957, 87 Minuten, Regie: Stanley Kubrick ,Buch:
Stanley Kubrick, Calder Willingham, Jim Thompson, Kamera: Georg Krause, Musik:
Gerald Fried, Produzent: James B. Harris, Kirk Douglas. Darsteller: Kirk Douglas,
Ralph Meeker, Adolphe Menjou, George MacReady, Wayne Morris, Richard Anderson,
Joseph Turkel, Timothy Carey, Peter Capell
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