Welt
am Draht
Matrix
für Fortgeschrittene
Die
tanzende Kamera von Michael Ballhaus und der fesselnde Inszenierungsstil Fassbinders
verbanden sich in den 60ern und 70ern zu manchem Meisterwerk filmischen Schaffens.
Nicht nur für die Kinoleinwand, auch für das deutsche Fernsehen arbeitete
Fassbinder und schuf dabei sogar mehrere Serien: Die 13-teilige Adaption von
Berlin
Alexanderplatz (1980),
der Fünfteiler Acht
Stunden sind kein Tag (1972),
den Zweiteiler Bolwieser
(1977)
und die Miniserie
Welt am Draht (1973),
bestehend aus zwei Folgen a 100 Minuten.
In
Welt
am Draht
entwickelt Fassbinder die Utopie einer Gesellschaft, die einen Computer baut,
der in der Lage ist, eine ganze Gesellschaft, der Realen gleich, zu simulieren.
Tausende von Computermenschen bevölkern einen virtuellen Raum, der der
unseren Welt gleicht, und werden von den Wissenschaftlern über Monitore
in ihrem Verhalten überwacht. So kann der Verlauf gesellschaftlicher und
wirtschaftlicher Entwicklungen zwanzig Jahre im Voraus bestimmt werden. Mittels
einer Apparatur kann auch direkt in den simulierten Raum eingetaucht werden.
Im Laufe des zweiteiligen Filmes entdeckt der Protagonist, daß er selbst,
seine wissenschaftlichen Mitarbeiter, und die ganze ihn umgebende Welt ebenfalls
nur elektronische Simulationen in einer künstlichen und ständig überwachten
Umgebung sind, die von einer höheren Ebene aus gesteuert werden. Videoüberwachung
führt somit in Welt
am Draht
gleichzeitig zur Möglichkeit und zur Unmöglichkeit von Existenz.
Zur
Möglichkeit von Existenz, weil die von der vermeintlichen Realität
aus simulierten Computerwesen nur deshalb real scheinen, da sie auf einem Monitor
sichtbar sind, weil sie zum Bild werden. Andernfalls wären sie lediglich
ein Haufen elektronischer Daten, Nullen und Einsen ohne Gestalt, lediglich statistisch
auswertbar in ihrem Verhalten. Die Überwachung durch eine höhere Ebene
verleiht ihnen durch ihr Gesehenwerden den Status von Individuen.
Zur
Unmöglichkeit von Existenz führt die Überwachung, da mit den
vermeintlich realen Wesen, somit auch den Hauptdarstellern des Films, genau
das Gegenteil geschieht: Sie halten sich selbst für real, bis sie erkennen
müssen, daß auch sie lediglich beständig überwachte Simulation
sind. Die Erfahrung des Überwachtwerdens, des Bildseins, entkörperlicht
sie, läßt sie nun ihrerseits zu reinen Daten werden und ihre individuelle
Identität verlieren.
Dieser
doppelte, scheinbar paradoxe Effekt der Videoüberwachung läßt
sich auch andernorts beobachten:
Auf
der einen Seite versichert uns die Videdoaufzeichnung eines Dagewesenseins,
die Aufzeichnungen eines James Bulger oder einer Lady Di auf den verschwommenen,
mit sekundengenauer Zeit versehenen Bildern werden zum indexikalischen Bild,
das Zeugnis ablegt über die Existenz der abgebildeten Personen bzw. über
die aufgezeichneten Vorgänge, zumindest in dem Moment, in dem sie von jemandem
betrachtet werden, und damit zu mehr als nur magnetisierten Videobändern
werden.
Andererseits
läßt die Videoaufzeichnung den Überwachten auch zum bloßen
Objekt werden, der im Kaufhaus aufgezeichnete Kunde ist eben nicht Kunde, sondern
in seiner bildhaften Darstellung höchstens potentieller Dieb, ein zu überwachender
Störfaktor in der Kaufhauswelt.
Mit
seiner von einem "Goldmann Weltraum Taschenbuch" inspirierten Story
nimmt Welt
am Draht eine
Diskussion vorweg, die erst später in vollem Umfang ausdiskutiert werden
sollte. Fassbinder fragt nach grundlegenden philosophischen Konzepten des Seins,
der Realitätswahrnehmung, und eben auch der Videoüberwachung. Er fragt
nach dem Objektstatus von überwachten Subjekten und skizziert den Alptraum,
als Individuum mit dem Glauben an seine eigene Existenz lediglich einem Trugbild
zum Opfer zu fallen (sicher nicht zufällig heißt der Supercomputer
des Films Simulakron). Zahlreiche aktuelle Filme nehmen diese Thematik auf,
von Cronenbergs ExistenZ
über Matrix
von den Wachowsky Brothers oder Dark
City
von Alex Proyas. Ein Rückblick auf Fassbinders Werk bringt dem Zuschauer
sicherlich einige neue Erkenntnisse, denn Fassbinder inszeniert zwar möglicherweise
ein wenig langsamer als genannte Kollegen, dafür allerdings auch mit ein
wenig mehr Tiefgang.
Benjamin
Happel
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei:
Welt
am Draht
Rainer
Werner Fassbinder
D
1973
Darsteller:
Klaus Löwitsch, Mascha Rabben