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Wicker
Man – Ritual des Bösen
Die negative Eigenschaft, einen Filmstoff nicht nur
zu wiederholen, sondern ihn vor allem zu amerikanisieren, weist auch „The Wicker
Man“ auf, das Remake des zu einem Kultfilm avancierten, englischen Mysterythrillers
von Robin Hardy aus dem Jahre 1973. Weniger geringe Einzelheiten, denn grundlegende
Änderungen forcieren in Neil LaButes Version den Blick auf einen interessant
gestalteten, geschlechterspezifischen Text, der eine weiter variierte Fortsetzung
des Mann-Frau-Themenkomplexes ist, den man bereits aus früheren Werken
des Filmregisseurs und Theaterautors - darunter „Your Friends & Neighbors“
- kennt. Trotz seiner dramaturgischen Übereinstimmungen und mitunter direkt
dem Original entlehnter Sequenzen ist das Update des „Weidenmannes“ eine angenehm
unaufgeregte Angelegenheit und zählt zu den besseren Genreneuauflagen der
letzten Jahre.
In Großbritannien einer der beliebtesten Horrorfilme
aller Zeiten, fristet „The Wicker Man“ hierzulande (und auch in den USA) ein
eher unbekanntes Dasein und wurde auch nie offiziell veröffentlicht, obwohl
das damalige Kinoplakat mit der übergroßen Strohpuppe zu den bekanntesten
Motiven des Genres zählt und Altstar Christopher Lee immer wieder betonte,
wie sehr er den Film und seine Rolle darin schätzen würde. Entsprechend
verwirrt äußerte dieser sich zu der Veränderung gegenüber
der Vorlage, den Anführer der mysteriösen heidnischen Sekte nun zu
einer Frau umzuschreiben, die als Matriarchin über Recht und Unrecht von
Summersisle waltet. Darüber hinaus wurde die Handlung ungünstigerweise
von Schottland in die Vereinigten Staaten transferiert und die offenherzige
Darstellung der Sekteninteressen des Originals – hemmungsloser Sex, wo und wann
immer man den Willen danach verspürt – somit gleich ausradiert.
LaButes Film ist ungleich zahmer geraten, da er den
antipuritanischen Geist der Vorlage geflissentlich ignoriert. Edward Malus war
darin ein erzkonservativer Polizist, der auf der seltsamen Insel mit all dem
konfrontiert wird, was gegen seinen Glauben, seine Weltanschauung, seine Prinzipien
verstößt. Letztlich wird die fromme Konformität des Mannes ihn
nicht schützend isolieren, sondern in einem der konsequentesten wie überraschendsten
Filmenden des Genres bildgewaltig in den Abgrund stürzen.
Nicolas Cage interpretiert die Figur anders: Zwar
ist auch er ein gehemmter, unsicherer Mann, doch resultiert dies aus einem persönlichen
Unfalltrauma, wie das Drehbuch eigenständig dem Stoff hinzudichtend am
Anfang demonstriert, als bei einem Unfall eine Mutter und ihre kleine Tochter
ums Leben kommen, ohne dass Malus Hilfe leisten kann. Im Gegensatz zum Original
ist er somit ein von Flashbacks geplagter Suchender, der nur noch wenig mit
der adult virgin
aus dem Jahre 1973 gemein hat. Die berühmt-berüchtigte Antiklimax
wiederholt LaBute allerdings dennoch, obwohl er deren Intention aus dem Subtext
löst – in seiner Version ist Malus sogar Vater einer Tochter.
Zwar verliert der Stoff durch die verharmlosenden
Änderungen an Essenz und Aussagekraft, dem Regisseur gelingt es aber trotzdem,
verhältnismäßig reizvoll, die strukturellen Ähnlichkeiten
in den Dienst einer selbst formulierten Richtung zu stellen. Der einstige Kampf
zwischen einer neuen, vermeintlich aufgeklärten und einer traditionellen
Welt, deren Bewohner es mittels der Eliminierung selbst auferlegter Dogmen in
ihrer unmodernen Erscheinung letztlich weitaus progressiver zu leben pflegten,
wird nun zu einer Gegenüberstellung der Geschlechter erklärt, bei
der Männer einen rein funktionellen Zweck erfüllen und über ihre
Aufgabe als Samenspender und Ritualopfer nicht hinauskommen. Man mag dieser
etwas plakativen Umformulierung LaButes kritisch gegenüber stehen, doch
er setzt sie entsprechend kompromisslos in Szene, ohne dabei zu vergessen, den
Widerspruch einer der Natur verpflichteten Gruppierung, die diese für ihre
soziale Ungleichheitsstruktur längst zu missbrauchen scheint, aufzuzeigen.
Zurückhaltender wird der Regisseur eher, wenn
es um die unkonventionelle Inszenierung der 73er-Version geht. Tatsächlich
unternahm Hardy in der Vorlage offenbar alles, um seinen Film nicht kategorisierbar
zu gestalten, da trafen okkulte auf rein der Thrillernarrative verpflichtete
Elemente, wurde gesungen und getanzt, sodass ganze Passagen den Charakter eines
schrägen Musicals besaßen, und nicht mit Freizügigkeit gegeizt.
Schräge Ethnoklänge und der zu heftigem overacting neigende Christopher Lee als Inselprophet unterstrichen
dabei nur die Merkwürdigkeit des Ganzen, was im Remake, trotz einer bemüht
unheimlichen Musikuntermalung durch Angelo Badalamenti („Blue Velvet“) und malerischen
wie gleichzeitig unheimlichen Bildern, in ihrer Eigenwilligkeit nicht wiederholt
werden kann.
Und dennoch ist auch der neue „The Wicker Man“ ein
mitunter faszinierend seltsames Erlebnis. Zwar kann LaBute Zugeständnisse
an das moderne Publikum nicht vermeiden, indem er einige selbstzweckhafte Schockszenerien
und einen überaus ärgerlichen Epilog entwirft, doch hält er sich
deutlicher an die ruhige Erzählweise Hardys, als vorher anzunehmen war.
Kenner des brillant aufgebauten Originals werden kaum überrascht, unvorbereitete
Zuschauer indes dürfte die durch und durch eigenwillige Handlung ähnlich
verunsichern, wie einst auch die Vorlage, die geschickt mit den Erwartungen
spielte und beinahe jede Minute mit neuen Plottwists aufwarten konnte. Zudem
gelingt es Cage, mit der Darstellung des zweifelnden Polizisten, nach vielen
gesichtslosen Rollen, die er zuletzt verkörperte, eine erstaunliche Präsenz
und Glaubwürdigkeit an den Tag zu legen, wenn seine Performance dem Vergleich
mit jener von Edward Woodward auch nicht standhalten kann.
Es ist also wie so oft bei Neuverfilmungen alles
eine Frage des Blickwinkels. Das Original „The Wicker Man“ hat viele Anhänger,
die es nicht zuletzt für seine zynische Auseinandersetzung mit dem Konservatismus
schätzen und wenig begeistert über den neuen Ton des Stoffes sein
dürften. Überraschenderweise konnte auch das Remake das unvorbereitete
Publikum nicht begeistern und blieb in den USA weit hinter den Einspielerwartungen
zurück. Gemessen am Original wäre das zumindest ein Segen – Jahre
später wurde es vielerorts überhaupt erst aufgeführt und entsprechend
gewürdigt.
Rajko Burchardt
Wicker
Man - Ritual des Bösen
Deutschland / USA 2006 - Originaltitel: The Wicker Man - Regie: Neil LaBute - Darsteller: Nicolas Cage, Ellen Burstyn, Kate Beahan, Frances Conroy, Molly Parker, Leelee Sobieski, Diane Delano, Michael Wiseman - FSK: ab 16 - Länge: 101 min.
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