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Wide
Awake
Joshua, der zehnjährige Zögling
einer katholischen Schule, steckt mitten in einer „Phase“. Im Knabenchor brüllt
er ein ohrenbetäubendes Gloria. Er hofft damit, von Gott gehört zu
werden. Doch die eine Weltreligion ist nicht genug, wenn man einen heißen
Draht zum Himmel herstellen will: heimlich betet der Junge gen Mekka und legt
eine immerhin sechs Stunden währende buddhistische Fastenzeit ein. Seine
Eltern sehnen sich wieder nach dem Kind, dass mit Autos und Computern
spielt und alarmieren die Ordensschwester. Ergebnis des Vertrauensgesprächs:
Joshua will jüdische Chanukkakerzen anzünden. Was ist nur mit dem
Jungen los?
Die Protagonisten der Filme von
M. Night Shyamalan suchen nach dem Sinn des Lebens. Manchmal suchen sie nach
Gott, immer sind sie auf dem Weg zu einer, wie auch immer gearteten, spirituellen Erfahrung. Er sei jetzt hellwach – „Wide awake“ – so lautet das
Fazit, das der kleine Joshua am Ende eines aufreibenden Schuljahres zieht –
und am Schluss eines nicht uncharmanten Coming-of-Age-Films. Das Schwanken zwischen
Inbrunst und Verzagen, das Suchen mit der Seele teilt Joshua mit den Helden
von „Signs“,
„The Village“ oder „Das
Mädchen aus dem Wasser“. Darin erschöpfen
sich jedoch die Gemeinsamkeiten: Thriller- oder Fantasy-Elemente fehlen in Shyamalans
Debütfilm, der 1998 in amerikanischen, aber nie in deutschen Kinos lief
und bei uns nun seine späte DVD-Premiere erlebt. Zu Recht rühmt man
den aus Indien stammenden Regisseur für seine Begabung, in die spirituellen
Welten seiner Figuren eindringen zu können. Mit der Talentprobe „Wide Awake“
tastet er sich noch vor, bleibt meist an der Oberfläche einer Story, die
im gutbürgerlich-amerikanischen Familien- und Klosterschulmilieu angesiedelt
ist.
Tiefe gewinnt das religiös
grundierte Lichtspiel nicht in Momenten der Heilsgewissheit, sondern in Augenblicken
des Zweifels und der Niedergeschlagenheit. Joshua hat seinen geliebten Großvater
verloren. In Rückblenden gelingen Shyamalan, nicht zuletzt dank seinem
Hauptdarsteller Joseph Cross („Flags of our Fathers“) und Robert Loggia in der Großvater-Rolle, anrührende
Szenen. Stark auch die Momente, in denen die Eltern den trauernden Jungen morgens
als kraftloses Etwas aus dem Bett ziehen oder wenn Joshua in Opas übergroßes
Holzfällerhemd schlüpft und er das Kleidungsstück dann später,
im Moment der
Verzweiflung, im Garten verscharrt. Man spürt
die Nähe Shyamalans zum sensiblen Außenseiter-Kind, dem er später
in „The Sixth Sense“ ein gültiges Denkmal setzte.
Dass Joshua aber gleichzeitig
ein vorwitziger Grundschüler sein muss, der seine Nonnen-Lehrerinnen mit
kniffligen Glaubensfragen in Verlegenheit bringt, der stets zu Streichen aufgelegt
ist und auch schon ein Auge auf ein weibliches Wesen in der Mädchenschule
gegenüber geworfen hat – diese Janusköpfigkeit zwischen lähmender
Traurigkeit und vitalem Stehaufmännchentum lässt die Figur unstimmig
erscheinen. Shyamalan schrieb auch das Drehbuch, dessen Wendepunkte vielfach
unplausibler wirken als die im Grunde doch weit aberwitzigeren Handlungsvolten
seiner späteren Filme.
Vielleicht ist es die bodenständig-realistische
Grundierung von „Wide Awake“, die dick aufgetragene Dramatik einfach nicht verträgt.
Arg didaktisches Beispiel: Joshua rettet seinem besten Freund kurz nach dessen
epileptischem Anfall das Leben, schwört daraufhin dem Glauben ganz ab,
um schließlich in der Härte des Daseins und in der Verpflichtung
zur Nächstenliebe doch so etwas wie den göttlichen Auftrag zu erkennen.
Umso unnötiger, geradezu lächerlich, ist die Nachricht vom Großvater,
die Joshua in den letzten Filmminuten erhält. „Es geht ihm gut“, berichtet
ein zuvor in geheimnisvolles Schweigen gehüllter Knabe, ein vermeintlicher
Mitschüler, der in Wahrheit ein Bote des Himmels ist. Shyamalans berüchtigte
Hakenschläge am Schluss, „Last Minute Twists“ genannt, darf man nicht verraten.
Hier hat man dabei kein schlechtes Gewissen, denn der blondgelockte Rauschgoldengel
in Zivil sorgt eher für „Last Minute Kitsch“ – eine Überraschung der
triefenden Art.
Jens Hinrichsen
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: film-dienst
Wide
Awake
USA
1998
Laufzeit:
84 Minuten
Regie:
M. Night Shyamalan
Drehbuch:
M. Night Shyamalan
Schauspieler:
Joseph Cross, Timothy Reifsnyder, Dana Delany, Denis Leary, Rosie O´Donnell,
Camryn Manheim, Vicki Giunta, Robert Loggia, Julia Stiles
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