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Das wilde Leben
Bei Heyne erscheint jetzt das
Buch „Das wilde Leben“, das Olaf Krämer über Uschi Obermaier in den
Neunzigern geschrieben hatte. Es fand bislang keinen Verleger. Uschi Obermaier,
die Ikone der Jahre 1969/70, heute 60 Jahre alt, nennt den Grund für die
Verzögerung: „Er hat mein Leben sehr ungeschminkt, brutal offen und ehrlich
analysiert. Es war dem Verleger zu hart“. – Ein Kurswechsel. Autor Olaf Krämer
hat jetzt das Buch für den gleichnamigen Film eingerichtet, der zeitgleich
mit dem Erscheinen der Biografie startet. Wir haben es mit einer Literaturverfilmung
zu tun und mit einem Biopic, das die multiplen Liebesbeziehungen Uschi Obermaiers
dramaturgisch in Ordnung bringt.
Von einer Off-Stimme kontextualisiert,
von Zwischen- und Untertiteln informiert, werden wir hautnah in die in die endsechziger
Jahre versetzt, in denen ein Mädchen von den Eltern geohrfeigt wird, wenn
sie sich dem kleinbürgerlichen Leben widersetzt. Wir können die Zeit
auch die des Großen Ausbruchs nennen. Uschi trampt nach München.
Sie findet Halt in der Kommune 1, alle nackt. Nur ein Reporter trägt Hemd
und Schlips. Er befragt jemanden, der Teufel heißt, ob er was gegen die
Justiz hat. Mit den Worten „wenn’s der Wahrheitsfindung dient“ hatte er sich,
der im Gerichtssaal lümmelte, erhoben, um dem Vorsitzenden den geschuldeten
Respekt zu erweisen. – Wir nehmen diesen belehrenden Hinweis dankend entgegen,
falls wir nicht schon davon gehört haben. Also schnell weiter. – Uschi
macht sich an den langhaarigen Langhans ran. Er war sehr jung damals, und wir
kennen ihn schon: Matthias Schweighöfer wars. Die anderen Mitspieler kennen
wir nicht. Das erleichtert die Identifizierung, falls so etwas gewünscht
wird. – Bleiben wir beim Plot. Uschi, schon damals aus dem Stand kultig für
eine Szene, die sich von der erstarrten Erwachsenenwelt abzusetzen im Begriffe
war, - Uschi also beginnt sich nach kurzer Eingewöhnungszeit vom ersten
ihrer vielen Liebhaber abzusetzen. „Langhans hat Angst vorm Ficken“ (Dialog).
Es folgen die nächsten Männer. Rolling Stones-Leader Mick Jagger klingelt
an der Tür. Eine Affäre beginnt, die Jahre lang dauern sollte, genauer
„ein Verhältnis wie Bruder und Schwester“ (Uschi Obermaier). Und Keith
Richards? „Bei ihm kommt an erster Stelle die Musik – an zweiter und dritter
Stelle auch. Und dann erst kam ich“. Also reist sie mit der Hamburger Kiezgröße
Dieter Bockhorn durch Indien, Pakistan, Afrika schließlich nach Mexiko.
Wenn dort die rote Sonne im Meer versinkt, versammeln sich ihre Liebhaber beim
Lagerfeuer. Es kommt zu dramatischen Szenen, und Dieter fährt sich mit
dem Motorrad tot. Auf einem brennenden Floß treibt sein Leichnam auf die
See hinaus. Uschi Obermeier steht am Strand und rekapituliert ihr Leben. Im
Off.
An Paparazzi fehlte es nicht.
Wir sehen sie. Die Skandalpresse, wie immer Der Spiegel inbegriffen, wird uns in Auszügen beigebracht. Ihre Perspektive
übernimmt auch der Film, bunt an Farben, üppig im Dekor, ausladend
im Kostüm und gleichzeitig schlicht bis einfältig im Gemüt. Die
Dialoge zeugen von einfachster Denkart. Der Zielgruppe und dem Pisa-Level eingedenk,
werden wir über die nötigsten historischen Fakten unterrichtet. Das
gibt klare, ins Ohr fallende Sätze, überdeutlich, aber unentbehrlich
für die, die von der aufregenden Historie der Kommune 1 nichts wissen und
belehrt werden müssen. Damit wir das verarbeiten können, dehnen sich
zwischen den Sätzen längliche Pausen, in denen weder Musik noch Atmo
stört. Und wem die deutsche Geschichte immer noch fremd bleibt, der kann
sich an die Botschaft halten, „dass ein Paar in der Lage sein muss, Konflikte
auszutragen – die Liebe allein reicht nicht“, verkündet der Präsident
der Filmförderungsanstalt, in Person Produzent des „Wilden Lebens“, Eberhard
Junkersdorf.
Aber bleiben wir gerecht. Was
die optische Ähnlichkeit der darstellenden mit den dargestellten Personen
anbelangt, notieren wir gutes Casting. Originalmotive, wie das Gebäude,
in dem die Kommune 1 sich entkleidete, bringen einen Hauch von Authentizität
in die Bio. Aber es langt nicht. Der Film lahmt. Woran liegts? Regisseur Achim
Bornhak, der mit diesem Film im Kino debütiert, hatte 1996 den Studentenfilm
„Der Mariannengraben“ gedreht und war auf Wohlgefallen gestoßen. Seitdem
hat er Werbefilme und Musikvideos (MTV, Viva) gemacht. Die Ausstattung finden
wir in „Das wilde Leben“ wieder, das Tempo nicht. Wer ist für die Langatmigkeit
verantwortlich? Der Schnitt (Peter Przygodda)? Ich mags nicht glauben.
Meine These: es fehlt der Bezug
zur zeitgenössischen Wirkung der Ikone Uschi Obermeier, 1969 war sie Star
in den Filmen von Rudolf Thome, Partnerin von Marquard Bohm. Es genügt,
sie in „Detektive“ (unter dem Namen Chrissie Malberg) halb selbstbewusst, halb
ängstlich-erwartungsvoll auf einem Sessel sitzen zu sehen, die langen Beine
leicht angewinkelt, die schwarzen Augen ein Gegenüber fixierend, - es genügt
so eine Szene, um zu wissen, dass dort ein Mensch und kein Model sitzt. Im Film
„Rote Sonne“ hat sie (hier schreibt sich ihr Name mit e: Obermeier) den freien
Blick, den Mund leicht geschmollt, die Lippen voll. „Wie sich die Freiheit der
Schauspieler realisiert, - das sieht und hört, wer in ,Rote Sonne’ Marquard Bohm,
Gaby Go, Syvia Kékulé und Uschi Obermeier sieht und hört,
wie sie sprechen, sich bewegen, tanzen. Um Kino zu machen, genügt es freie
Menschen zu filmen“, erkannte Enno Patalas 1970 im Januarheft der Filmkritik.
So war es. Uschi Obermeier war
die Botschaft, sie transportierte keine. - Unfair der Vergleich mit
einer Obermaier-Darstellerin, die in „Das wilde Leben“ bald 40 Jahre später
posiert? - Mir geht es darum, der Ikone der Spätsechziger gerecht zu werden.
„Rote Sonne“ enthält bereits das Treatment zum Film von heute, allerdings
lakonisch, unaufgemotzt, frei. Das Gespräch zwischen Marquard Bohm und
Uschi Obermeier (Fk 1/70-11) endet mit:
U.: Warum hast du nichts mehr
von dir hören lassen?
M.: Ich habe allen Mädchen,
die ich kennenlernte, von dir erzählt. Da habe ich schließlich gemerkt,
dass ich dich liebe.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser
Text ist so ähnlich auch erschienen in: epd Film
Das wilde Leben
Deutschland 2006 - Originaltitel: Eight Miles High - Regie: Achim Bornhak - Darsteller: Natalia Avelon, Matthias Schweighöfer, Milan Peschel, Georg Friedrich, Friederike Kempter, David Scheller, Victor Norén, Alexander Scheer - FSK: ab 12 - Länge: 114 min. - Start: 1.2.2007
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