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Der
Wind wird uns tragen
Abbas
Kiarostamis neuer Film beginnt mit einer doppelten langsamen Annäherung.
Ein Auto auf kurvenreicher Straße in menschenleerer Gegend, die Kamera
folgt aus einiger Distanz. Dazu hört man die Gespräche der Männer
im Auto, unmittelbar, über die Beschreibung jenes Weges sprechend, dem
die Kamera folgt. Erste Näherungen nicht im Blick auf die Gesichter der
Männer, sondern indem die Kamera ihre Perspektive einnimmt und Feldarbeiter
zeigt, die nach dem Weg gefragt werden. Dann ein kleiner Junge am Rand der Straße,
der aus dem gesuchten Dorf im Schwarzen Tal kommt, als Lotse postiert wird -
und Lotse auch für die meiste Zeit bleiben wird. Noch immer verweigert
die Kamera den Blick auf den Protagonisten.
Erst
als er seinen Bestimmungsort, das Dorf, erreicht hat, bekommt man ihn zum ersten
Mal zu Gesicht, im Unterschied zu seinen Kollegen/Untergebenen, die nur ein
einziges Mal im Film kurz als Schemen ins Blickfeld der Kamera geraten werden.
Der ganze Film ist durch solche Blickverweigerungen strukturiert: das Zentrum
des Begehrens des Protagonisten, auch seiner Geschichte, die der Film erzählt,
bleibt abwesend: die Hundertjährige, auf deren Ableben offenbar spekuliert
wird, um eine seltene Zeremonie dokumentieren zu können, suchen weder der
Ingenieur noch die an seine Perspektive vollständig gebundene Kamera je
auf. Eine weitere Person ist nur als Stimme präsent: ein Arbeiter gräbt,
behauptet er wenigstens, an einem Loch zur Verlegung von Telefonkabeln. Das
Motiv der Verbindung des abgelegenen Dorfes zur Großstadt, insbesondere
zum Zentrum Teheran, wird mehrfach angespielt: der Protagonist ist selbst leitender
Ingenieur der Telefongesellschaft, also Vermittler von Kommunikation. Die jedoch
ist im Dorf nicht möglich. Um seine Handy-Anrufe empfangen zu können,
muss er stets auf den nächstgelegenen Hügel hetzen, wo er dann Botschaften
aus Teheran bekommt: einmal eine Todesnachricht, dann immer wieder Weisungen
von Vorgesetzten, die allerdings im konsequenzlos Vagen verbleiben. Zudem ist
das der Ort des gesichtslosen Gräbers, dessen Freundin zum Bindeglied zwischen
Fremdem und Dorfgemeinde zu werden scheint: sie gibt ihm die Milch, nach der
er lange schon verlangt, aber sie verweigert ihm zugleich ihr Gesicht. Die Blick-Verbindung
scheitert an der Düsternis der Unterwelt, in der sich die beiden begegnen.
Je
mehr er sich nach Erlösung aus jenem Limbo-Zustand sehnt, desto deutlicher
wird dem Ingenieur sein Status als Eindringling vor Augen geführt. Er ist
der einzige Erwachsene, der ständig durch das Dorf rennt, auf der Suche
nach einer Kommunikation, die entweder ausbleibt oder sinnlos ist. Das Dorf
selbst ist gefilmt als Ort kommunizierender Röhren, in senen sich seine
Bewohner langsam, aber zielsicher zu bewegen wissen. Der einzige Go-Between
zwischen Dorf und Ingenieur bleibt für einige Zeit der Lotsen-Junge, der
aber, nachdem ihn der Ingenieur beschimpft hat, ebenfalls jede Kommunikation
verweigert. Umso deutlicher wird, dass der Protagonist auf der Suche nach Erlösung
ist, deren Gewährung ausbleibt. Zuletzt wird auch der erwartete Tod der
Hundertjährigen keine Bedeutung mehr haben. Ob die Botschaft des Mediziners,
der als Agent eines Gottes reiner Immanenz auftritt, Wirkung erzielt, erfahren
wir nicht. Es ist dieselbe Botschaft, die bereits der lebensmüde Held von
Der
Geschmack der Kirsche
erhalten hat. Ebenso wenig wie dort ist das hier die Botschaft, auf die der
Film sich reduzieren ließe. Sie ist ein Vorschlag, der offensichtlich
die Sympathie des Regisseurs genießt, Annahme oder Ablehnung bleiben dem
Helden und dem Zuschauer überlassen. Eines jedenfalls lernt der Ingenieur:
wenn es Hoffnung gibt für ihn, dann nicht an diesem Ort. Am Tage der Zeremonie,
auf die er die ganze Zeit gewartet hat, reist er ab.
Abbas
Kiarostami setzt mit Der
Wind wird uns tragen
den Weg fort, den er mit Der Geschmack der Kirsche eingeschlagen hat. Die Untersuchung
des Wesens filmischer Repräsentation, die selbstreflexive Darstellung ihrer
ironischen Pointen, steht nicht länger im Zentrum seiner Filme. Stattdessen
wendet er sich der grundsätzlichen philosophischen Frage nach dem Sinn
der menschlichen Existenz zu. Das Wunder, das dieses Kino vollbringt, ist, dass
es dieses fraglos schwere Gewicht zu tragen vermag. Alles Schwere wird auf die
leichte Schulter seiner täuschend einfachen Bilder genommen. Angelopoulos
etwa geht in seinen letzten Filmen den umgekehrten Weg: seine Bilder sind bis
zum Rande symbolisch durchkomponiert; was er zeigt, ist mit dem Firnis düsteren
Raunens überzogen. Kiarostamis Bilder dagegen sind beinahe transparent
- ihre Parabelhaftigkeit ist sinnverwirrend identisch mit ihrem Naturalismus.
Nach wie vor inszeniert Kiarostami Kinder- und Laiendarsteller in ihren angestammten
Umgebungen, filmt Straßen, Landschaften, einfache Menschen. Ganz sanft
nur bekommen die so klaren, so wunderbar sonnendurchfluteten Bilder ein zweites
Gesicht, werden lesbar auf die ganz andere Topographie von Himmel und Hölle,
auf die Sehnsucht des Protagonisten nach Erlösung. Das Atemberaubende an
Kiarostamis Kunst ist, dass er dazu weder die Mittel des Symbols noch der Allegorie
benötigt: es geht nicht darum, Gegenstände, Personen, Bilder und Tableaus
mit Bedeutung aufzuladen, und sie darunter zu begraben. Alles behält seine
Schönheit im Zustand unbedeutendster Konkretion. Nachvollziehbarkeit aber
nicht psychologischer, sondern existentieller Art stellt sich aufgrund einer
Empathie ganz eigener und unwahrscheinlicher Art gegenüber dem in so vieler
Hinsicht ganz Fremden ein. Die Ereignisse, die Orte, die Personen, die wir sehen,
stehen nicht für etwas anderes - sondern gerade darin, dass sie nur für
sich selbst stehen, nicht auf Begriffe abziehbar sind, werden sie (und nur in
ihrer Unauflösbarkeit und Rätselhaftigkeit) allgemeingültig.
Ekkehard
Knörer
Diese
Kritik ist zuerst erschienen bei:
Der
Wind wird uns tragen
BAD
MA RA KHABAD BORD
LE
VENT NOUS EMPORTERA
Frankreich
/ Iran - 1999 - 118 min.
Verleih:
Pegasos
Erstaufführung:
30.3.2000
Fd-Nummer:
34176
Produktionsfirma:
MK2/Abbas Kiarostami Prod.
Produktion:
Marin Karmitz, Abbas Kiarostami
Regie:
Abbas Kiarostami
Buch:
Abbas Kiarostami
Kamera:
Mahmoud Kalari
Musik:
Peyman Yazdanian
Schnitt:
Abbas Kiarostami
Darsteller:
Behzad Dourani
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