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Der
Wolfsmensch
Von
allen Halbwesen, die uns Universal zu seinen Gruselblütezeiten, ausgehend
von der Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts, erschlossen hat, erscheint mir
der Werwolf ein bißchen als "kranker Mann". Frankenstein, der
Vampir oder auch die Mumie - mal in lauen Hollywoodaufgüssen, mal mittels
der entfernt verwandten Zombies - erfreuen sich ungleich größerer
Popularität und feiern in regelmäßigen Abständen fröhliche
Urständ' auf der Leinwand. Beim Werwolf sieht die Lage etwas anders aus:
Zu drive-in-Zeiten herrschte zwar, vor allem in den trashigen Arkoff-Filmen,
einiger Zuspruch (I
was a Teenage Werewolf
und der richtig clevere How
to Make a Monster,
der für den 50er Teenie-Horrorfilm in etwa das ist, was ihm in den 90ern
Scream
war), doch wurde er in der zunehmenden Archivierung des Horrorfilms seiner eigenen
Typen und Motive etwas übergangen. In den 80ern gab es dann Filme wie den
zumindest handwerklich gelungenen und spannenden An
American Werewolf in London
und kurz zuvor den narrativ weit weniger spannenden und handwerklich kaum überzeugenden
The
Howling,
der jedoch als einer der wenigen "Postmodernisierungen" des Werwolffilms
immanent wichtig ist. Und dann natürlich noch Teen
Wolf,
über den man wohl besser den Mantel des Schweigens ausbreitet.
Spannend
fand ich deshalb zumindest in diesem Kontext an Wolf
Man,
wie wenig Variation das Topos in den Folgefilmen erfuhr. Wie dieser Film als
schematische Blaupause auch weiterhin absolute Verbindlichkeit für sich
beanspruchen konnte. Natürlich gibt es Details in der Narration, in denen
sich die zumindest struktutrell als Remakes anzusehenden Epigonen unterscheiden,
doch bleibt das Grundgerüst - mit Joe Dantes The
Howling
und How
to Make a Monster
vielleicht als großen Ausnahmen - in fast allen Filmen bestehen. Es geht
um Regeln, die formuliert und für die noch kommende Filmhistorie erschlossen
wurden. Was kann einen Werwolf töten? Diese Frage ist wichtig für
das Topos, geriert sich zum eigentlichen Thema jedes Werwolffilms. Wolf
Man
liefert erste Gedankenansätze, die spätere Filme weiterspinnen und
zu Ende denken. Der Gedanke, dass ein Stock mit einem Silberknauf, auf dem der
Werwolf und dessen Zeichen - das Pentagramm - eingraviert ist, als effektiver
Totschläger zu gebrauchen ist, wurde meines Wissens leider wohl fallengelassen,
auch wenn er im vorliegenden Film für einige schöne Einstellungen
gut ist: ein jeder Mord an einem Wolf wird durch zwei im Vordergrund stehende
Baumstämme, die ein umgekehrtes, rahmendes Dreieck - Hinweis auf den sexuellen
Subtext? - ergeben, gefilmt.
Spannend
immerhin auch, wie "fleischlos" der Film ist. Kaum ausgebildete Charaktere,
ein paar wenige Locations, wenn Lon Chaney jr. als Wolf die Nacht durchstreift,
zieht es ihn immer wieder an die gleiche Stelle in einem anonym bleibenden,
nebeldurchzogenen Wald. Das Verhältnis der Charaktere untereinander ist
schematisch, geradezu modellhaft. Das kann man dem Film negativ auslegen (und:
auf der oberstene Ebene - der des bloßen, entspannten Filmgenusses - würde
ich sogar dazu neigen). Man kann sich das auch mit dem geringen Budget des Films,
der ihm zugrunde liegenden Intention des schnellen Cash-In erklären. Gleichzeitig
ist das aber auch zumindest dahingehend aufschlussreich, welche Rolle die Psychoanalyse
für das Grusel- und Horrorkino spielt. Und zwar gar nicht im Sinne, dass
der Film als Beleg für die Gültigkeit psychoanalytischer Theorien
fungieren könnte, eher ganz im Gegenteil, dass die Strukturen, die Freud
zum einen der Kultur entnommen, ihr aber auch in gebündelter Form erschlossen
hat, hier in vollem Wissen darum angelegt wurden: Dass der Werwolf eine Frau
begehrt, was sich der im Werwolf steckende Mann nicht eingestehen, bzw. dem
nicht nachgehen kann, dass der Vater den Wolf schließlich richtet, das
ist in dieser schematischen Anordnung unschwer als die Struktur von Ich, Es
und Über-Ich zu erkennen. Die Narration eilt dem zudem zu Hilfe und erläutert
schon gleich zu Beginn - mit einem fast wehmütigen Griff ins Buchregal
(der Horrorfilm thematisiert seine literarischen Wurzeln stets), einer aufgeschlagenen
Lexikonseite -, dass das Werwolfphänomen nämlich wohl in erster Linie
psychischer Natur sei. Und auch Chaneys Charakter stellt sich gehäuft die
Frage, ob seine Wolfsphasen nicht nur das Ausleben psychischer Beschädigungen
sein könnten oder ob er "wirklich" zum Wolfsmenschen mutiert.
Der Film bestätigt nicht die Psychoanalyse aus sich heraus, er greift ihre
Theoreme als für den Horrorfilm dankbare Vorlagen auf und illustriert sie.
In seiner Reduktion vielleicht noch deutlicher, als dies andere Horrorfilme
zu der Zeit betrieben.
Diese
Aspekte machten mir den Film zumindest spannend, auch wenn er, nur ganz für
sich genommen, nicht so recht bei Laune hielt. Alte Gruselfilme sind letzten
Endes auch ästhetischer Genuss, und der stellte sich bei Wolf
Man
- von einigen immerhin schönen Kamerafahrten und der einen oder anderen
effektiv ausgeleuchteten Einstellung abgesehen - kaum ein. Die Szenen mit den
Gypsies - Bela Lugosi als Hellseher, der als Exot das Böse schließlich
auch, jedoch nicht willens, in das verschlafene Nest trägt - wurden kaum
ausgereizt, auch die Reduktion der Schauerszenen auf eine Location - ein paar
Bäume im Wald, Nebelschwaden - nimmt dem Film den Freiraum für optische
Reize. So bleibt ein zwar genregenealogisch recht interessanter, an sich aber
eher weniger überzeugender Gruselfilm in Erinnerung. Nicht die beste Ausgangslage
für eine Renaissance in Permanz, wie die anderen Figuren des Universal-Arsenals
sie regelmäßig erleben. Die Filmgeschichte gab dem Recht.
Thomas
Groh
Diese
Kritik ist zuerst erschienen im:
Der
Wolfsmensch
THE
WOLF MAN
USA
- 1941 - 70 min. - schwarzweiß
Horrorfilm
Erstaufführung:
31.10.1979 WDR
Produktionsfirma:
Universal
Produktion:
George Waggner
Regie:
George Waggner
Buch:
Curt Siodmak
Kamera:
Joseph Valentine
Musik:
Charles Previn
Schnitt:
Ted J. Kent
Darsteller:
Claude
Rains (Sir John Talbot)
Lon
Chaney jr. (Larry Talbot)
Evelyn
Ankers (Gwen Conliff)
Bela
Lugosi (Bela)
Ralph
Bellamy (Paul Montford)
Maria
Ouspenskaya (Maleva)
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