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Woyzeck
„Wir
arme Leut – Sehn Sie, Herr Hauptmann:
Geld,
Geld! Wer kein Geld hat - Da setz
einmal
eines seinesgleichen auf die Moral
in
der Welt! Man hat auch sein Fleisch und Blut.
Unsereins
ist doch einmal unselig in der und
der
andern Welt. Ich glaub', wenn wir in
Himmel
kämen, so müssten wir donnern helfen.”
Georg
Büchners („Dantons Tod”, „Lenz”, „Leonce und Lena”) fragmentarisch gebliebener
„Woyzeck” gehört wohl zu den auf Theaterbühnen meist gespielten Stücken.
Noch heute streiten sich Literaturwissenschaftler um die Reihenfolge der einzelnen
Szenen des Stücks, v.a. weil die von Büchner geschriebenen Seiten
nicht paginiert waren. Das Stück erlebte, soweit ich das überblicken
kann, allein sieben Fernsehfassungen und wurde fünf Mal für das Kino
inszeniert, zum ersten Mal 1947 von Georg C. Klaren in einer DEFA-Produktion
mit Kurt Meisel in der Titelrolle.
Herzogs
Inszenierung hält sich weitgehend an den Büchner’schen Text, und im
Unterschied zu anderen seiner Filme steht in „Woyzeck” deutlich der Text im
Vordergrund.
„Ja,
Herr Hauptmann, die Tugend – ich hab's
noch
nit so aus. Sehn Sie: wir gemeine Leut,
das
hat keine Tugend, es kommt nur so die
Natur;
aber wenn ich ein Herr wär und hätt'
ein'
Hut und eine Uhr und eine Anglaise
und
könnt' vornehm rede, ich wollt' schon
tugendhaft
sein. Es muss was Schönes sein
um
die Tugend, Herr Hauptmann. Aber ich
bin
ein armer Kerl!”
Woyzeck
duldet. Mit schmerzverzerrtem Gesicht schaut er uns an. Die Verzweiflung steht
in diesem Gesicht geschrieben, eine Verzweiflung, die kaum nach Hilfe schreit,
sondern in der sich etwas spiegelt, was weit über die Person des Franz
Woyzeck (Klaus Kinski) hinausgeht. Er wird getreten, zum Laufen gezwungen, muss
Liegestütze absolvieren. Man sieht nur den Stiefel des Peinigers, der auf
Woyzecks Rücken knallt. Woyzeck sind auch wir, und Woyzeck ist ganz sicher
auch Kinski, und Woyzeck ist eben Woyzeck. Und Woyzeck ist Büchner.
Mit
der ihm gegebenen Arroganz seiner sozialen Stellung, in Selbstmitleid und fast
schon Selbstliebe ertrinkend lässt Woyzecks Vorgesetzter, der namenlose
Hauptmann (Wolfgang Reichmann in einer Glanzrolle des Films) den armen Soldaten
spüren, dass er ihn mehr für ein Tier als einen Menschen hält.
Er sei ein guter Kerl, aber ohne Moral. Woyzeck verdient sich ein paar Groschen
dazu, wenn er den Hauptmann mehrere Male die Woche rasiert. Wir schreiben Biedermeier.
Aber bieder geht es in der kleinen Garnisonsstadt irgendwann im frühen
19. Jahrhundert nicht zu.
Der
örtliche Arzt (Willy Semmelrogge) nutzt Woyzeck ebenso gnadenlos aus für
seine dubiosen Experimente. Wochenlang muss Woyzeck Erbsen essen, nur Erbsen,
dann seinen Urin bei dem Arzt abgeben. Auch dies tut Woyzeck nur, um noch ein
bisschen Geld zu bekommen.
Über
seine Ängste, Phantasien, Gedanken zu reden, fällt Woyzeck nicht schwer.
Nur hört ihm keiner zu. Der Soldat Andres (Paul Burian) ist nett zu ihm,
versteht ihn aber nicht. Der Arzt tut Woyzecks Äußerungen ab als
Ausdruck einer krankhaften, fixen Idee (er spricht von Aberratio mentalis partialis)
und gibt ihm einen Groschen mehr die Woche, um diesen Wahnsinnigen Studenten
vorzuführen. Der Hauptmann hält Woyzeck für einen Mann ohne Moral,
denn Woyzeck hat Marie (Eva Mattes), der Magd, ein uneheliches Kind gemacht.
Marie
scheint Woyzecks einzige Hoffnung, einziger Halt in diesem erbärmlichen
Leben zwischen Erniedrigung und Armut, Kontaktlosigkeit und sozialer Arroganz.
Doch er kann Marie nicht heiraten, weil ihm das Geld dazu fehlt. Auch Marie
versteht ihn nicht, fühlt sich verarmt in der Beziehung zu Woyzeck und
gibt nach mehrfachem Drängen den Nachstellungen eines hünenhaften,
starken Tambourmajors (Josef Bierbichler) nach, schläft mit ihm und bekommt
von ihm zwei Ohrringe geschenkt.
Aus
einer Vermutung wird für Woyzeck Verdacht, aus dem Verdacht Gewissheit,
als der Hauptmann Andeutungen über die Beziehung zwischen Major und Marie
macht. Woyzeck kauft sich bei einem jüdischen Händler ein Messer.
Am See vor dem Ort tötet er Marie mit sieben Messerstichen ...
„Ich
geh'. Es ist viel möglich. Der Mensch! Es ist
viel
möglich. - Wir haben schön Wetter, hh. Sehn
Sie,
so ein schöner, fester, grauer Himmel; man
könnte
Lust bekommen, ein' Kloben hineinzuschlagen
und
sich daran zu hängen, nur wegen des
Gedankenstriches
zwischen Ja und wieder Ja – und
Nein.
hh, Ja und Nein? Ist das Nein am Ja oder
das
Ja am Nein schuld? Ich will darüber nachdenken.”
Der
Text Büchners (1), der übrigens auf einer wahren Begebenheit beruht
(2), gehört wohl zu den schönsten Erlebnissen an Literatur, die man
haben kann. Herzog blieb bei dem Text und Kinski war die perfekte Besetzung
für die Hauptrolle – sowohl was die Präsentation des Textes betrifft,
als auch die Darstellung des Woyzecks. Kaum waren die anstrengenden Dreharbeiten
zu „Nosferatu” abgeschlossen, schlüpfte Kinski in diese Rolle, und seine
Erschöpfung war in diesem Fall kein Handicap, sondern beste Voraussetzung
für das Gelingen des Films, der in der tschechischen Stadt Telc gedreht
wurde (die Handlung spielt in Darmstadt). Herzog, der über ein Jahr lang
warten musste, bis er eine Drehgenehmigung von den tschechoslowakischen Behörden
für „Nosferatu” bekam,
behauptete diesen gegenüber, wie er auf der DVD berichtet, er drehe in
Telc noch immer für „Nosferatu”, um sich ein weiteres monatelanges Warten
auf eine erneute Drehgenehmigung zu ersparen. Fünf Tage lagen zwischen
den Abschlussarbeiten zu „Nosferatu” und dem Drehbeginn von „Woyzeck”. Das merkt
man dem Film paradoxerweise, wenn überhaupt, nur in einem positiven Sinne
an. Mit Eva Mattes bekam Herzog eine Schauspielerin für die Rolle der Marie,
die kaum jemand anders besser hätte spielen können.
Herzogs
„Woyzeck” spiegelt die Figuren Büchners in einer durchaus als einzigartig
zu bezeichnenden Weise wider. Obwohl das Visuelle, das in fast allen Filmen
des Regisseurs so sehr und so phantastisch im Vordergrund steht, hier hinter
dem Büchner’schen Text nur verhalten eingesetzt wird und obwohl die Kamera
Jörg Schmidt-Reitweins vor allem in statischen Aufnahmen des Geschehens
verharrt (so, als ob es sich um die filmische Adaption eines Bühnenstücks
handle), gereicht dies nicht zum Nachteil der Inszenierung, im Gegenteil. Gerade
die Wahl von Telc und Umgebung lässt die visuelle Kraft von Herzogs Inszenierungen
immer wieder trotzdem durchscheinen, etwa in den Großaufnahmen vom Ortszentrum
mit den alten Häusern, in einer Szene, in der Woyzeck und Andres am Rand
des Sees mit Blick auf den Ort schnitzen oder in einer anderen Sequenz, in der
Woyzeck durch ein riesiges Mohnfeld läuft. Wie Herzog weiter berichtet,
kam er bei dem in nur 17 Tagen gedrehten Film mit gerade mal 35 Schnitten sowie
einem Gegenschnitt aus. Das alles führt zu einer unglaublichen dramaturgischen
und thematischen Dichte der Erzählung, die fesselt und kontinuierlich in
Spannung versetzt.
„Ein
guter Mord, ein ächter Mord,
ein
schöner Mord; so schön,
als
man ihn nur verlangen tun kann.
Wir
haben schon lange so keinen gehabt.”
Bei
allen Interpretationsversuchen und -möglichkeiten bezüglich des Stoffs
scheint mir, dass Herzogs Inszenierung den Intentionen Büchners sehr nahe
gekommen ist. Kinski, der diesen Woyzeck in einem von ihm gewohnten „Kraftakt”
und mit aller Leidenschaft und Besessenheit im positiven Sinne des Wortes verkörpert,
spielt einen in ständiger, erduldeter Verzweiflung und stets dem seelischen
Abgrund nahen Mann, der begriffen hat, dass er einer Schicht angehört,
in der ihm jegliche Chance auf Flucht, Fortkommen, Aufstieg, Befreiung usw.
verwehrt wird. Der Arzt, der Hauptmann wollen ihn nicht verstehen, Marie und
Andres können ihn nicht verstehen, der Tambourmajor ist ihm körperlich
überlegen. Woyzeck ist ein Objekt anderer – in jeder Hinsicht. Die Flucht
Maries aus dem unglücklichen Alltag mit ihm und aus der Verständnislosigkeit
gegenüber ihm treibt Woyzeck zur Tat. Herzog zeigt diesen Mord am See in
Zeitlupe; er zeigt, wie Marie langsam zu Boden sinkt, aus dem Bild verschwindet,
und Woyzeck mit seinem angstverzerrten Gesicht, in dem sich sämtliche menschlichen
Abgründe zu konzentrieren scheinen. Doch Kinski spielt diesen Woyzeck (und
Büchner schrieb dieses Stück) nicht mit der Intention der Entschuldigung
oder gar Rechtfertigung. Vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund steht Woyzeck
vor allem für die gequälte menschliche Kreatur der unteren Schichten,
die sich – trotz der Hinnahme aller möglichen Qualen – in einer Verzweiflungstat
Befreiung verschaffen will. Der Mord an Marie ist zugleich der Tod Woyzecks.
Noch einmal kehrt er in den Ort, in die Wirtschaft zurück, tanzt kurz und
wild und kehrt zurück an den See, um das Messer zu finden und in den See
zu werfen. Er geht in den See, holt das Messer, wirft es weiter hinein.
Büchner
lässt offen, ob Woyzeck sich hier selbst tötet, indem er sich ertränkt,
oder ob er später festgenommen wird. Das spielt auch keine Rolle. Der Tod
ist für ihn der einzige Retter in der Not, die Hoffnung auf die andere
Welt, an der Woyzeck jedoch auch zweifelt. In einer Anfangsszene sagt er zum
Hauptmann: „Unsereins ist doch einmal unselig in der und der andern Welt. „Ich
glaub', wenn wir in Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen.”
Alle halten Woyzeck für wahnsinnig. Aber genau dieser Interpretation spielen
Kinski und Herzog entgegen. Der Wahn einer Welt der fixen, schier unüberbrückbaren
Hierarchien schafft den Woyzeck und die Wahnsinnigen, die sich dort tummeln.
Büchner zeigt einen Arzt, der in wahnwitzigen Experimenten als krasses
Beispiel für die dunklen Seiten der Aufklärung gelten kann; einen
Hauptmann, der ausschließlich der Erhaltung der Hierarchien dient und
dabei selbst verrückt erscheint; einen Soldaten, Andres, der sich seinem
Schicksal vollauf unterworfen hat, als ob es die Natur ihm befohlen habe.
Woyzeck
erkennt in seinen „wahnsinnigen” Momenten die für ihn unauflösliche
Diskrepanz zwischen der eigenen Natur und einer bändigenden Kultur, die
ihn einsperrt und demütigt. Herzogs „Woyzeck” und Kinskis Darstellung weisen
deutlich in diese Richtung.
•
D V D •
Sprache:
Deutsch (Dolby Digital 1.0)
Bildformat:
1.66:1
Dolby,
HiFi Sound, PAL
DVD
Erscheinungstermin: 20. Januar 2004
DVD
Features:
Kommentar
von Werner Herzog und Laurens Straub
Trailer
Kurzfilm:
„La Soufriere – Warten auf eine unausweichliche Katastrophe”
Der
Anfang 2004 bei Arthaus als Einzel-DVD und kurz darauf in der „Klaus Kinski
Werner Herzog Exklusivedition” erschienene Film weist im großen und ganzen
ein sehr gutes Bild auf, dessen Genuss nur gelegentlich durch ein leichtes Rauschen
gestört wird. Der Mono-Ton ist passabel, man muss aber in einigen Szenen
schon genau hinhören, um Kinski zu verstehen, da oft sehr leise, verhalten
gesprochen wird.
Die
DVD enthält einen aufschlussreichen Kommentar von Herzog und dem Produzenten
Laurens Straub, der allerdings nicht zum Film gesprochen wird, weil der Film
vor allem durch den Text wirkt und Herzog es für nicht sehr sinnvoll hielt,
dass durch den Kommentar der Film „überdeckt” wird.
Weiterhin
enthält die DVD einen von Herzogs Dokumentarfilmen, „La Soufriere – Warten
auf eine unausweichliche Katastrophe”. Sie zeigt Herzog, Schmidt-Reitwein und
Lachman 1976 auf der Insel Guadeloupe. Experten hatten vorausgesagt, dass dort
ein gewaltiger Vulkanausbruch bevorstehe. Die Insel wurde evakuiert, nur ein
im Sterben liegender Bauer weigerte sich, die Insel zu verlassen. Für Herzog
war diese Situation Anlass, sich (unter Lebensgefahr) auf die Insel zu begeben,
um die gespenstische Situation der verlassenen Insel in Bildern einzufangen.
Eine äußerst spannende Angelegenheit, ein Film, den man nur selten
zu Gesicht bekommt und der (außer auf dieser DVD) nur schwer zu bekommen
ist.
Die
DVD kostet derzeit bei amazon und jpc € 14,99. Die Kinski-Herzog-Edition, die
neben „Woyzeck” die Filme „Aguirre, der Zorn Gottes”, „Nosferatu”, „Fitzcarraldo”,
„Cobra Verde” und die Dokumentation „Mein liebster Feind” enthält, bekommt
man für € 63,- (amazon) bzw. € 64,99 bei jpc (Stand: 20.3.2005).
Wertung
Film: 10 von 10 Punkten.
Prädikat:
Besonders wertvoll.
Wertung
DVD: 9 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei: www.follow-me-now.de
(1)
Der Text findet sich z.B. unter:
http://gutenberg.spiegel.de/buechner/woyzeck/woyz2001.htm
(2)
Zu dem 1824 in Leipzig hingerichteten Woyzeck vgl.:
http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/Buechner/woyzeck.htm
Woyzeck
Deutschland
1979, 74 Minuten (DVD: 77 Minuten)
Regie:
Werner Herzog
Drehbuch:
Werner Herzog, nach dem Bühnenfragment von Georg Büchner
Musik:
Fiedelquartett Telc, Antonio Vivaldi, Benedetto Marcello
Director
of Photography: Jörg Schmidt-Reitwein
Montage:
Beate Mainka-Jellinghaus
Produktionsdesign:
Henning von Gierke
Darsteller:
Klaus Kinski (Friedrich Johann Franz Woyzeck), Eva Mattes (Marie), Wolfgang
Reichmann (Hauptmann), Willy Semmelrogge (Arzt), Josef Bierbichler (Tamburmajor),
Paul Burian (Andres, Soldat), Volker Prechtel (Handwerksbursche), Dieter Augustin
(Marktschreier), Irm Hermann (Margret), Wolfgang Bächler (Jude), Herbert
Fux (Unteroffizier)
Internet
Movie Database:
http://german.imdb.com/title/tt0080149
©
Ulrich Behrens 2005
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